• vom 27.05.2016, 21:31 Uhr

Chronik


Demenz

Dement, aber nicht vergessen




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Von Petra Tempfer

  • Demenz ist nicht nur ein individuelles Phänomen. Erste Schritte, Betroffene als wertvolle Teile der Gesellschaft zu integrieren, wurden gesetzt.




© Fotolia/Gabriele Rohde © Fotolia/Gabriele Rohde

Wien. Wenn Frau M. etwas wirklich gut konnte, dann war das kochen. Kaum eine Speise, die ihr misslang. Kaum ein Rezept, an dem sie versagte. Dann kam der Tag, an dem sie ihre erste Suppe versalzte. Ein weiterer, an dem sie den Zucker im Kuchen vergaß. Und schließlich der Braten verbrannte. Irgendwann konnte Frau M. nicht mehr kochen. Legte die Brille in den Kühlschrank, stellte die Milch in den Ofen. Die Diagnose lautete: Frau M. hat Demenz.

Wenn man im Wörterbuch nachschlägt, findet man die Übersetzung aus dem Lateinischen: "de" bedeutet abnehmend. "mens" ist der Geist, der Verstand. Mit abnehmendem Verstand also. Heißt das nun, dass jemand, der Demenz hat, irgendwann seinen Verstand verliert?

Bei weitem nicht, sagt dazu Helga Müller-Finger, die seit fast 30 Jahren mit Menschen mit Demenz arbeitet und Stationsärztin im Pflegewohnhaus Rudolfsheim-Fünfhaus in Wien ist. Die Bezeichnung sei veraltet und diskriminierend. Genau das Gegenteil sei der Fall. "Die Betroffenen haben eine gewisse Weisheit, eine Intuition. Ihre Emotionen und Gefühle bleiben ja, sie können sie nur nicht so steuern. Ich habe viele Charakterköpfe kennengelernt. Wir können viel von ihnen lernen, vielleicht zufriedener zu leben. Sie helfen uns."

Alzheimer am häufigsten

Eine eindeutige Definition des Syndroms Demenz gibt es allerdings nicht. Es existieren etwa 50 verschiedene Erkrankungen, die dazu führen können. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen leichter, mittlerer und schwerer Demenz -eine harmlose Altersvergesslichkeit zählt nicht dazu.

Außerdem gibt es die primäre und sekundäre Demenz, wobei Zweitere auf einer anderen organischen Erkrankung wie Alkoholmissbrauch beruht. Wird diese Erkrankung behandelt, können auch die Symptome zurückgehen. Weitaus häufiger ist die primäre Demenz, bei der das Gehirn selbst erkrankt. 80 bis 90 Prozent aller Demenzen zählen dazu - und sind nicht heilbar. Am häufigsten tritt dabei die Alzheimer-Demenz auf, bei der es zu Plaques-Ablagerungen im Gehirn kommt. Die Krankheit kommt schleichend. Medikamente können ihren Verlauf nur in der ersten Phase etwas bremsen.

"Das große Problem in dieser Phase ist, dass die Betroffenen zuerst die Krankheit leugnen und sich zurückziehen", sagt Müller-Finger. Anfangs könne man die Symptome auch noch ganz gut kompensieren. Aber eben nur anfangs. Und genau hier wurzle das viel größere Problem. "Dass Demenz noch immer schambesetzt ist." Und dass man sie daher verstecken möchte, so gut und so lange es geht. Enttabuisierung und Bewusstseinsbildung seien längst überfällig, sagt Müller-Finger. "Damit die Zivilgesellschaft endlich offener mit dem Thema umgeht."

Auch für Ethikerin Maria Moser vom Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie ist das das wichtigste Ziel, wenn es um Demenz geht. Man müsse weg vom individualisierten Zugang und das Thema auf eine gesellschaftliche Ebene heben. Erst dann würden Ängste abgebaut - und Angehörige und Betroffene würden profitieren.

Die Zeit drängt. Denn die Lebenserwartung steigt und mit ihr die Zahl der Dementen. Derzeit gibt es laut Wiener Gebietskrankenkasse rund 100.000 Menschen mit Demenz. Auf einen Dementen kommen somit 42 Personen im erwerbsfähigen Alter. 2050, wenn sich die Zahl der Dementen nahezu verdreifacht haben wird, werden es nur noch 15 sein.

Vergleicht man mit früher, als man Menschen mit Demenz mit Medikamenten ruhigstellte, hat sich freilich einiges getan. Die Caritas Socialis etwa hat vor zwei Jahren die Initiative "Demenzfreundlicher dritter Bezirk" in Wien gestartet. Hinter dem Begriff steckt die Vernetzung der Spitäler und Pflegeheime mit Geschäften, Apotheken und Büchereien, damit möglichst viele über die Dementen des Bezirkes und den Umgang mit diesen Bescheid wissen. Informationstage bieten die Basis.

Spezialführungen im Belvedere

Wenn nun etwa Frau M. von zuhause weggeht und im Bezirk unterwegs ist, wissen dessen Bewohner im Idealfall, um wen es sich handelt, und geleiten Frau M. nachhause. Im "Demenzfreundlichen dritten Bezirk" passiert das unaufgeregt und wie selbstverständlich, so der Plan.

Wie selbstverständlich sollte es auch sein, sagt Moser, dass man Dementen noch Freude am Leben zugesteht. Freude an der Autonomie, am Kreativsein und an der Kultur. Letzteres ist seit November des Vorjahres im Belvedere möglich, wo Brigitte Hauptner Führungen und Workshops für Menschen mit Demenz (vor allem leichte und mittlere) veranstaltet. In der Albertina gibt es ein ähnliches Angebot.

Bei den Führungen gehe es freilich nicht um Wissensvermittlung, sagt Hauptner. Es gehe darum, was Kunst auslösen kann, "etwas aus den Menschen herauszuholen". Und was genau? "Emotionen, Gefühle, Erinnerungen." In der Praxis müsse man sich das so vorstellen, dass sich die Besucher um ein Kunstwerk scharen und Hauptner Fragen an sie richtet. Zum Beispiel, was auf dem Bild zu sehen ist und ob sie sich bei dessen Betrachtung wohlfühlen. Bei den Wienerwald-Bildern Ferdinand Georg Waldmüllers etwa sagte ein Besucher plötzlich: "Herr Schöffel war der Retter des Wienerwaldes." Zweimal habe er das gesagt, so Hauptner.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-05-27 14:53:05
Letzte Änderung am 2016-05-27 14:58:40



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