• vom 22.06.2016, 17:59 Uhr

Chronik

Update: 22.06.2016, 21:49 Uhr

Adelheid Kastner

"Der geht heim und sticht gar zu"




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Von Daniel Bischof

  • Psychiaterin Kastner kritisiert den laschen Umgang mit psychisch kranken Rechtsbrechern und ortet Handlungsbedarf.

Kritik an der geplanten Lockerung bei der Einweisung von psychisch kranken Rechtsbrechern übt Psychiaterin Adelheid Kastner.

Kritik an der geplanten Lockerung bei der Einweisung von psychisch kranken Rechtsbrechern übt Psychiaterin Adelheid Kastner.© apa/HDS Kritik an der geplanten Lockerung bei der Einweisung von psychisch kranken Rechtsbrechern übt Psychiaterin Adelheid Kastner.© apa/HDS

Wien. Bis spätestens Ende 2017 will der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) laut einem "Profil"-Bericht die Abteilung für Forensische Akutpsychiatrie am Otto-Wagner-Spital schließen. Die Abteilung ist die einzige spezialisierte Einrichtung in Wien, in der psychiatrisch akut erkrankte Untersuchungshäftlinge und Strafgefangene behandelt werden. Künftig müssen allgemeine Psychiatrien diese Menschen aufnehmen. Das findet Adelheid Kastner, renommierte Psychiaterin und Gutachterin etwa im Fall Fritzl, sehr bedenklich.

"Wiener Zeitung":Was halten Sie von dieser Schließung - was wird sie für Auswirkungen haben?

Adelheid Kastner: Ich halte das für äußerst bedenklich. Es ist bedauerlich: Wien, einer Stadt mit entsprechendem Einzugsgebiet an Häftlingen, gelingt es nicht, eine für die Bedürfnisse dieser Gruppe geeignete Abteilung zur Verfügung zu stellen - mag sie auch nur klein sein. Das spiegelt die Stellung dieser Gruppe in der Gesamtgesellschaft wider. Es ist ein Faktum, dass Häftlinge psychisch krank werden können. Sie sollten in ihrer Behandlung nicht schlechtergestellt sein als Nicht-Häftlinge. Das ist unter diesen Umständen nur schwer gewährleistet. In einer allgemeinen Psychiatrie würden die Häftlinge nämlich bewacht werden, wodurch sie auffällig werden würden und kaum soziale Interaktionen hätten. Das ist eine Schlechterstellung.

Wird es dadurch unwahrscheinlicher, dass die Behandlung erfolgreich ist?

Das würde ich so nicht sagen. Aber behandlungstechnisch ist es jedenfalls eine Schlechterstellung. Es ist mir einfach unverständlich, warum es Wien nicht schafft, eine Abteilung mit sieben Betten für diese Gruppe bereitzuhalten.

Im Zuge des Brunnenmarkt-Mordes wurde medial viel Kritik geübt, warum man den mutmaßlichen Mörder, der offenbar an psychischen Problemen leidet, nicht früher eingewiesen hat. Der Leiter der Sonderkommission, Helfried Haas, meinte, dass es uns vielleicht an einer Institution für solche Fälle mangle. Wie sehen Sie das?

Es fehlt uns eigentlich keine Institution. Den vorhandenen Institutionen wie der allgemeinen Psychiatrie mangelt es teilweise aber an den notwendigen Mitteln: Den Betten, dem Personal. Schauen Sie sich an, wie viele offene Facharztstellen es fast überall gibt. Oder wie die Bettenreduktion in der Psychiatrie auch die Akutpsychiatrie betroffen hat.

Also ist es eine Frage der finanziellen Mittel?

Naja, schon auch der politischen Willensbildung. Der Krankenanstaltenplan ist ja auch ein Ausdruck des politischen Willens. Und dass die Psychiatrie dabei ist, ein Mangelfach zu werden, ist auch nicht erst seit gestern bekannt. Fast überall findet man freie psychiatrische Facharztstellen. Die sind schwer besetzbar. In der justizinternen Einrichtung, dem Forensischen Zentrum Asten, gibt es 93 Patienten und einen psychiatrischen Facharzt, der Vollzeit beschäftigt ist. Ein Arzt für 93 Patienten, die man möglichst gut behandeln sollte, um sie entlassen zu können. Das ist lächerlich und entspricht bei Weitem nicht dem Schlüssel, der laut Psychiatrie-Personal-Verordnung für die Versorgung gefordert ist.

Sie haben sich in Ihrem Vortrag sehr kritisch über den Empfehlungskatalog von Experten, mit denen der Maßnahmenvollzug verbessern soll, geäußert.

Die nun angedachte Änderung der strafrechtlichen Unterbringung ist eine bedenkliche Entwicklung. Konkret soll die Eintrittsschwelle für die strafrechtliche Unterbringung auf Verbrechen und damit auf eine Strafandrohung von mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe angehoben werden. Somit kann eine strafrechtliche Unterbringung erst bei wirklich sehr schweren Straftaten verhängt werden. Die Gefährlichkeit muss sich künftig also drastisch manifestieren, damit eine längere Behandlung unter geschlossenen Bedingungen möglich ist .

Ein psychisch kranker Mensch geht auf eine Person zu und bedroht sie mit einem Messer. Das wäre strafrechtlich eine gefährliche Drohung, also ein Vergehen, welches maximal mit einer Freiheitsstrafe von drei Jahren bedroht ist. Es wäre also kein Verbrechen. Der psychisch Kranke könnte strafrechtlich also nicht mehr untergebracht werden?

In der angedachten Änderung nicht mehr, nein. Das heißt, der geht heim, bedroht wieder jemanden oder sticht gar zu. Diese Freiheit hat er, wenn die angedachte Änderung kommt. Das geht sogar so weit, dass eine schwere Körperverletzung durch einen psychisch Kranken unter gewissen Umständen nicht mehr zur Einweisung führen kann.

Glauben Sie, dass diese Änderung tatsächlich zustande kommt?

Ich glaube, dass das nicht wirklich bis in die letzte Konsequenz durchdacht wurde und dass die Hoffnung, die Allgemeinpsychiatrie werde die entstehende Lücke bei gefährlichen psychisch Kranken schließen, eine äußerst trügerische ist. Außerdem ist das Thema der Einweisung generell ein sehr komplexes. Viele haben schon Probleme mit dem Begriff der Schuldunfähigkeit. Wo keine Schuld, da keine Strafe. Zu verstehen, dass Schuldunfähige nicht bestraft, sondern nur eingewiesen werden können, überfordert das Vorstellungsvermögen von manchen Personen.

Die geplante Änderung kommt nun unauffällig daher. In dem Entwurf steht: "Wegen einem Verbrechen". Die Implikation dieser Änderung, dass dann nämlich bei Schuldunfähigen viele Straftatbestände ohne Konsequenz bleiben, wurde bisher noch nicht erfasst.

Der Bevölkerung ist nicht klar, was da angedacht wird und was da kommen kann. Nämlich, dass Menschen eine schwere Körperverletzung begehen und schuldunfähig sind und hinkünftig eventuell - ohne vom Strafrecht behelligt zu werden - herumlaufen können. Sie haben dann sozusagen auch das Recht, ihre Erkrankung und ihre erkrankungsbedingte Gefährlichkeit ohne strafrechtliche Einschränkung auszuleben - so lange, bis sie ein "ausreichend schweres" Delikt begehen. Das wird nicht verstanden und ist dramatisch für alle: Für den Geschädigten, aber auch für den psychisch Kranken, den niemand davon abhält, zum Mörder oder sonst was zu werden.





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Dokument erstellt am 2016-06-22 18:02:04
Letzte nderung am 2016-06-22 21:49:55



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