• vom 07.07.2016, 16:32 Uhr

Chronik


Bildung

Mehr als nur ein Deutsch an Österreichs Schulen




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  • Neben der Standardsprache gibt es auch die Umgangssprache und den Dialekt. Lehrer nutzen öfter die Standardsprache als ihre Schüler.

Wien. An Österreichs Schulen werden nicht nur verschiedene Sprachen gesprochen, sondern auch mehr als nur ein Deutsch: Lehrer wie Schüler verwenden auch Umgangssprache und Dialekt. Das zeigt eine Studie, deren Ergebnisse die Autoren Rudolf de Cillia und Jutta Ransmayr bei der am Donnerstag gestarteten Tagung "Deutsch in Österreich" der Universität Wien präsentierten.

Zweieinhalb Jahre sind die Wissenschafter für das FWF-Projekt per Fragebogen, in Interviews, Gruppendiskussionen und Unterrichtsbeobachtung der Frage nachgegangen, welche Rolle das österreichische Deutsch und seine verschiedenen Varianten im Unterricht spielen. Dabei zeigte sich, dass alle drei sogenannten Varietäten (Standard-, Umgangssprache, Dialekt) in der Schule wichtig sind. Ausnahme ist Vorarlberg: Hier spielt die Umgangssprache kaum eine Rolle. Ähnlich wie in der Schweiz wechseln die Schüler dort meist zwischen den beiden Extrempolen Standarddeutsch und Dialekt.


Signifikante Unterschiede
Schüler verwenden dabei laut Lehrer-Befragung mehr Umgangssprache und Dialekt als ihre Pädagogen. Unterschiede gibt es auch nach Region: Schüler in Ostösterreich setzen stärker auf die Standardsprache. Lehrer haben sogar beobachtet, dass es für manche Schüler in Westösterreich eine Herausforderung ist, ein Referat in der Standardsprache zu halten. "Wichtig wäre ein reflexiver Umgang mit Varietäten und situativen Normen im Unterricht und dass alle Schüler Sicherheit in der Verwendung der Standardsprache erlangen", so Ransmayr die Ergebnisse der Lehrerbefragung.

85 Prozent Lehrer nutzen in der Klasse laut der Studie beim Vortragen von Lernstoff die Standardsprache, beim Erteilen von Arbeitsaufträgen tun das noch zwei Drittel. Geht es um disziplinäre Fragen oder Organisatorisches, wechselt hingegen viele Lehrer in die Umgangssprache oder den Dialekt.

Nach Schultypen gibt es auch beim signifikante Unterschiede: Lehrer von Hauptschulen und Neuen Mittelschulen tendieren stärker zu Umgangssprache als Volksschul- und AHS-Lehrer. Lehrer, die Deutsch sowie eine weitere Sprache unterrichten, orientieren sich sehr stark an der Standardsprache. Auch an den Unis ausgebildete Lehrer setzen stärker auf Standardsprache als jene, die an Pädagogischen Hochschulen (PH) ausgebildet wurden. Ein weiterer Befund: Jüngere Lehrer tendieren eher zur Umgangssprache als ältere und verwenden auch eher Deutschlandismen (etwa: Junge statt Bub).

Jede Sprachform legitim
Projektleiter de Cillia sieht dringenden Bedarf, die Varietäten des Deutschen in Österreich im Unterricht bewusst zu thematisieren. Vorrangige Aufgabe der Schule sei es zwar, die Normen einer korrekten Standardsprache zu vermitteln, aber nicht nur das: "Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche lernen, sich authentisch auszudrücken. Man muss ihnen auch vermitteln, dass jede Sprachform legitim ist, wenn sie der Situation angemessen ist." Geht es nach den Forschern, sollten sich sowohl Lehrer als auch Schüler intensiver mit den verschiedenen Deutsch-Varietäten, etwa jenes in Österreich, Deutschland, der Schweiz, auseinandersetzen und sich dessen bewusst werden, dass es nicht nur ein einziges korrektes Deutsch gibt.

In Lehrplänen, Lehrbüchern und der Pädagogenausbildung findet laut de Cillia nur eine vage Beschäftigung mit dem Begriff des österreichischen Deutsch bzw. Deutsch in Österreich statt. Dabei, so de Cillia, sei das österreichische Deutsch enorm wichtig als identitätsstiftendes Element. Ein Beleg dafür sei, dass anlässlich des EU-Beitritts Österreichs in einem Protokoll die Gleichstellung von 23 Austriazismen mit bundesdeutschen Ausdrücken festgeschrieben wurde.




Schlagwörter

Bildung, Sprache, Deutsch

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Dokument erstellt am 2016-07-07 16:35:09



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