• vom 28.10.2016, 14:37 Uhr

Chronik

Update: 29.11.2016, 16:43 Uhr

Trauernde Eltern

"Sie wollte leben"




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Von Petra Tempfer

  • Sarah starb mit 22 an Krebs. Weil die Mutter keine Selbsthilfegruppe in Wien fand, gründete sie selbst eine.

"Ich hätte mir gewünscht, dass sie mich darüber reden lassen", sagt Pockberger über die Reaktionen ihres Umfelds nach dem Tod ihrer Tochter. - © Liebentritt

"Ich hätte mir gewünscht, dass sie mich darüber reden lassen", sagt Pockberger über die Reaktionen ihres Umfelds nach dem Tod ihrer Tochter. © Liebentritt

Wien. Ob ihr Körper verbrannt wird oder begraben, das war Sarah egal. Sie wollte nur an irgendeinen Ort, wo ihre Eltern, Verwandten und Freunde hinkommen und an sie denken, erzählt ihre Mutter Edith Pockberger. Es ist jetzt drei Jahre her, dass Sarah an Krebs starb. Sie war damals 22 Jahre alt und hatte fast acht Jahre lang gegen die Krankheit gekämpft. Der Gehirntumor kam neun Mal zurück - der letzte Tumor war nicht mehr operabel. Edith Pockberger besucht Sarahs Grab nun einmal wöchentlich. Zu Allerheiligen werde sie natürlich auch kommen, sagt sie, und es mit pinken Rosen schmücken. Denn Pink war Sarahs Lieblingsfarbe.

Es seien Kleinigkeiten wie diese, erzählt Edith Pockberger, die sie täglich an ihre Tochter erinnerten. Der Kaiserschmarrn, den sie kocht, und der Sarahs Lieblingsessen war. Der Schal, den sie ihr am Krankenbett gestrickt hat und den sie sich jetzt manchmal umbindet. Schlimm seien Festtage wie Sarahs Geburtstag oder Weihnachten, wenn sie sich bei dem Gedanken erwische, welches Geschenk sie ihrer Tochter gekauft hätte.

Information

Weitere Informationen zur Selbsthilfegruppe "Trauernde Eltern in Wien und Umgebung" unter www.trauernde-eltern-wien.at

kontakt@trauernde-eltern-wien.at

Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden.

Verzweifelt sei sie aber unmittelbar nach Sarahs Tod gewesen, als sie eine Selbsthilfegruppe für trauernde Eltern im Raum Wien suchte - und keine fand. Nur im Westen, zum Beispiel in Graz und Linz, gab es bereits Gruppen, Wien bot von der Caritas geführte allgemeine Trauergruppen und eine für Eltern an, deren Babys kurz vor oder nach der Geburt verstorben waren.

Sie habe sich daher an den Computer gesetzt und im Internet nach weiteren Betroffenen gesucht, sagt die heute 60-jährige, elegant gekleidete Pensionistin beim Treffen mit der "Wiener Zeitung" und streicht sich ihr brünettes Haar zurück. Und sie wurde fündig. Gemeinsam mit Barbara Thomic, deren 12-jähriger Sohn während eines Skikurses an Grippe erkrankt war und kurz darauf starb, gründete sie ihre eigene Selbsthilfegruppe. Heute zählt diese bereits 14 Mitglieder.

"Es bleibt unser Kind"

Fast alle kämen regelmäßig zu den kostenlosen Treffen, die einmal monatlich im Hilfswerkhaus in der Florianigasse 24 in Wien Josefstadt stattfinden, so Pockberger. Dazwischen tausche man sich in der WhatsApp-Gruppe und über Facebook aus. An den Geburtstagen der verstorbenen Kinder oder am Muttertag würden kraftspendende Wünsche verschickt. Das Wichtigste sei, dass die Betroffenen einander in der Gruppe verstanden fühlten und Raum und Zeit für ihre Trauer bekämen. Viele seien von ihren - meist teuren - Therapeuten und Psychologen enttäuscht. Denn das Gefühl, ein Kind zu verlieren, "kann nur jemand nachvollziehen, der es erlebt hat".

Von ihrem Umfeld hatte Pockberger das Gefühl, dass dieses mit der Situation am allerwenigsten umgehen konnte. "Nach dem Totenmahl tun die meisten so, als gäbe es dieses Kind nicht mehr." Sie mieden das Thema, lenkten ab. Luden sie zu fröhlichen Festen ein, auf denen sie das Lachen der anderen kaum ertrug. "Ich hätte mir gewünscht, dass sie offener mit dem Thema umgehen und mich darüber reden lassen. Denn ein verstorbenes Kind bleibt unser Kind. Die Liebe bleibt."

Die Frage nach dem Warum

Die Betroffenen selbst reagierten freilich alle anders, jeder trauere auf seine Art. Die einen seien verbittert, quälten sich mit der Frage nach dem Warum oder haderten mit Gott. Die anderen könnten es nicht mehr ertragen, Kinder im gleichen Alter des verstorbenen Sohnes oder der verstorbenen Tochter zu sehen. Man müsse lernen, mit seiner Trauer umzugehen, und Strategien dafür entwickeln, sagt Pockberger.

Mit zusätzlichen Schuldgefühlen seien häufig jene Eltern konfrontiert, deren Kinder Suizid begangen haben. Weil dieses Thema ganz spezielle Fragen aufwerfe, sitzen diese Eltern seit etwa einem Monat im Anschluss an Pockbergers Treffen noch etwas länger zusammen, um sich auszutauschen.

Im Vorjahr starben der Statistik Austria zufolge 499 Kinder, die unter 20 Jahre alt waren. Weitere 451 Verstorbene waren zwischen 20 und 30 Jahre alt, 101 von diesen begingen Suizid. Die häufigsten Todesursachen der Jüngeren waren Geburtskomplikationen, Fehlbildungen, Unfälle und Krebs.

Sarah habe bereits als Säugling einen Tumor auf der Nebenniere gehabt, erzählt Pockberger. Sie wurde therapiert - vielleicht übertherapiert. Denn der Tumor verschwand zwar, das Immunsystem könnte aber so geschwächt worden sein, dass Sarah mit 14 Jahren erneut erkrankte, vermutet die Mutter. Beim ersten Gehirntumor hätten dann noch alle geglaubt, "jetzt kommt ein halbes Jahr Chemo, und alles ist wieder gut". Drei Jahre lang fand man wirklich keinen neuen Tumor. Dann kam der erste Rückfall.

Edith Pockberger war zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden, arbeitete in der Rechtsabteilung einer Bank und lebte mit Sarah und deren um zehn Jahre älteren Bruder in einer Wohnung. Die um acht Jahre ältere Schwester war bereits ausgezogen.

Die Diagnose sei freilich ein Schock gewesen, sagt Pockberger. Die folgenden Jahre - geprägt von Arbeit und Spitalbesuchen - hätten ihr Leben aber derart ausgefüllt, dass sie kaum ans Sterben dachte. Zusätzlich begann sie noch mit ihrem neuen Partner ein Tanztraining. "Sarah war stolz auf mich, dass ich das machte. Sie sagte: ,Tanz für mich.‘"

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Dokument erstellt am 2016-10-28 14:41:05
Letzte nderung am 2016-11-29 16:43:07



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