• vom 09.04.2008, 19:27 Uhr

Chronik


Für 1500 Dollar haben mittellose Philippinos bisher ihre Organe an reiche Ausländer verkauft

Das Ende der Diskont-Nieren




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Von WZ-Korrespondentin Hilja Müller

  • Transplantationen für Ausländer auf den Philippinen verboten.
  • Land hat sich zum blühenden Zentrum des Medizintourismus entwickelt.
  • Manila. Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo hat es lange zur Chefsache gemacht, Medizintourismus auf den Philippinen zu fördern. Von Augenoperationen bis zum Zahnersatz gibt es im Inselstaat alle erdenklichen Behandlungen für begüterte Ausländer zum Diskontpreis. Nun aber musste das Gesundheitsministerium die Notbremse ziehen, nachdem die Auswüchse des staatlich geförderten Medizintourismus öffentlich wurden. Bis auf weiteres seien Organtransplantationen an Ausländern verboten, verkündete Gesundheits-Staatssekretär Alexander Padilla.

Begehrte Ware: Nieren-Transplantationen zwischen Nicht-Verwandten sind in letzter Zeit stark angestiegen. Foto: epa

Begehrte Ware: Nieren-Transplantationen zwischen Nicht-Verwandten sind in letzter Zeit stark angestiegen. Foto: epa Begehrte Ware: Nieren-Transplantationen zwischen Nicht-Verwandten sind in letzter Zeit stark angestiegen. Foto: epa

Denn unter dem Deckmäntelchen der Legalität haben sich die Philippinen laut der Vereinigung der Nierenfachärzte, der Philippine Society of Nephrology (PSN), zu einem globalen Hot Spot für Organhandel entwickelt. Nieren von Lebendspendern gebe es zum Spottpreis ab 1500 Dollar, beklagt Amihan Abueva von der Menschenrechtsgruppe "Asia Against Child Trafficking". Zum Vergleich: In der Türkei kostet das Organ mindestens 7500 Dollar, in Brasilien rund 6000. Selbst in Moldawien und Rumänien, den Armenhäusern Europas, bekommt der Spender laut den Daten der Organisation "Organ Watch" noch 2700 Dollar.


Auf dem Papier durften bisher lediglich zehn Prozent aller Transplantationen auf den Philippinen an Ausländern vorgenommen werden. Diese Regelung sei jedoch weitgehend ignoriert worden, sagt PSN-Präsidentin Lyn Gomez. Die Zahl der Nierenspenden von nicht mit dem Empfänger verwandten Spendern sei allein zwischen den Jahren 2004 und 2005 um 73 Prozent gestiegen.



Niere all-inclusive
Im Großraum Manila gebe es Dutzende Männer, die ihre Niere über Mittelsmänner verkauft hätten, so die Mediziner von PSN. Es seien die "Ärmsten der Armen", die ein Organ opferten, damit ihre Kinder für einige Wochen etwas zu essen bekommen. Medizinische Nachsorge oder eine Langzeitunterstützung für die Familie des Spenders gebe es dabei nicht.

Besonders aus Japan und Saudi-Arabien habe es bisher Dialyse-Patienten auf die Philippinen gezogen, sagt Abueva. Beides sind Länder, in denen auch der Anteil philippinischer Hilfskräfte vor allem im Gesundheitssektor traditionell sehr hoch ist. Statt wie in ihren Heimatländern Jahre auf eine Niere zu warten, konnten sich wohlhabende Japaner und Araber auf den Philippinen die Unabhängigkeit von der Dialyse rasch und unbürokratisch erkaufen. Den Reibach machen private Agenturen, die auf gestylten Internetseiten komplette Transplantations-Packages inklusive Operation, privater Krankenschwester und Hotel um 85.000 Dollar anbieten.

Glaubt man Gesundheitsminister Francisco Duque, soll diese Praxis bald der Vergangenheit angehören. Mit einer gerade vorgelegten Verordnung will er die Organentnahme an gerade Verstorbenen verstärken und so den Organhandel untergraben. Duque zufolge stammen bisher lediglich zehn Prozent aller verpflanzten Organe von Toten.

Die künftige Regelung der Ausländerfrage hat der Minister indes delegiert. Darüber soll nämlich das noch zu schaffende Philippine Board for Organ Donation and Transplantation entscheiden: "Die Experten können den Ausländeranteil bei zehn, fünfzig oder null Prozent festlegen", sagt der Minister lapidar.



Lösung beruhigt nicht
Kritiker befürchten, dass der Organhandel nun erst richtig in Schwung kommen werde. "Das wird einer noch größeren Ausbeutung armer Landsleute durch Ausländer und einheimische Syndikate alle Türen öffnen", warnt PSN-Präsidentin Gomez.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2008-04-09 19:27:55
Letzte Änderung am 2008-04-09 19:27:00


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