• vom 23.12.2016, 22:01 Uhr

Chronik

Update: 27.12.2016, 10:59 Uhr

Gastfamilie

Mohammads erste Weihnachten




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Arian Faal

  • Konvertierte Asylwerber feiern den Heiligen Abend bei österreichischen Gastfamilien.

Viele Asylwerber - wie die zwei Männer im Bild - feiern in diesem Jahr erstmals Weihnachten in Europa, entweder bei Gastfamilien oder in betreuten Unterkünften.

Viele Asylwerber - wie die zwei Männer im Bild - feiern in diesem Jahr erstmals Weihnachten in Europa, entweder bei Gastfamilien oder in betreuten Unterkünften.© Reuters/Michaela Rehle Viele Asylwerber - wie die zwei Männer im Bild - feiern in diesem Jahr erstmals Weihnachten in Europa, entweder bei Gastfamilien oder in betreuten Unterkünften.© Reuters/Michaela Rehle

Wien. "Das muss auf Insta!, das muss auf Insta! Dein iPhone hat eine bessere Kamera als meine. Bitte fotografiere das und schick es mir", sagt der 18-jährige Afghane Mohammad A. in Farsi zu seinem gleichaltrigen Freund Samir G. und zeigt auf eine aufwendig geschmückte Krippe in einem Geschäft in der Innenstadt. In dem großen Holzbau bewegen sich Figuren und Tiere, das Stroh glänzt durch die großen Spots.

"Du und dein Handywahn. Du bist süchtig. Dieses Ding ist für dich wichtiger als deine Familie. Ich glaube, du würdest sterben, wenn ich dir einen Tag dein Handy wegnehme", sagt Samir und beginnt die Krippe zu fotografieren. Beide Burschen sind frisch rasiert und haben helle Hemden an. Der Seitenscheitel sitzt und die Lederschuhe glänzen. Sie interessieren sich für schnelle Autos, soziale Medien, Markenkleidung und Muskelaufbau. Es ist das erste Mal, dass sie Weihnachten feiern werden. Sie haben bereits in Afghanistan beschlossen, zum Christentum zu konvertieren, und besuchen sonntags immer einen Religionskurs, der im Frühjahr den Weg zur Taufe ebnen soll. "Wenn wir in Kabul geblieben wären und einen solchen Religionswechsel angestrebt hätten, dann wäre das ein Selbstmordkommando", sagt Samir.


Ein Teil der Familie sein
Das Christentum ist Neuland für die Jugendlichen. Einige Artikel und die Bibel sind ihre dünne Wissensbasis. Aber die beiden sind sehr lernwillig und interessieren sich sehr für die Bräuche, etwa zu Weihnachten. Mit dem Christentum verbinden sie auch ein Stück Freiheit in Europa, denn vom Islam haben beide die Schnauze voll. Das Gespräch mit Jesus habe ihnen Kraft gegeben, die Flucht bis nach Österreich zu überstehen, erklären die Burschen unisono. Daher nehme Religion jetzt auch eine ganze andere Rolle in ihrem Leben ein als in Afghanistan.

"Wir sind am 24. bei der österreichischen Familie Lehner in einem Wohnhaus in Döbling eingeladen und freuen uns schon sehr", erzählt Samir. Er besucht zwar schon einen Deutschkurs, spricht aber nur ein paar Wörter. "Der Herr Lehner ist 60 und seine Frau 56, die Kinder sind auch schon erwachsen", fügt er hinzu. "Es war Glück. Diese Menschen haben uns so nett empfangen, als wir einmal dort waren, um ihnen beim Ausräumen ihres Dachbodens zu helfen. Seither behandeln sie uns wie einen Teil ihrer Familie", berichtet Mohammad.

Wie Familie Lehner haben sich hunderte österreichische Familien in Wien bereit erklärt, am Heiligen Abend Asylwerber einzuladen, um ihnen den Tag mit einem guten Essen, guten Keksen und Geschenken zu versüßen. Weihnachtslieder werden gesungen. Es wird gebetet und musiziert und oft auch gespielt. Zustande kommen diese Einladungen entweder über die Hilfsorganisationen oder durch private Initiativen.

"Wir haben keine besonderen Wünsche an das Christkind. Wir leben, sind gesund und dürfen hier in Österreich sein. Das sind viele schöne Geschenke", sagt Mohammad und zieht an seinem Schal. Nachsatz: "Ein positiver Asylbescheid wäre vielleicht das Einzige, was ich mir langfristig wünsche", ergänzt er. Dann sehen die zwei Jugendlichen eine Gruppe Afghanen auf einer Bank sitzen. Samir holt tief Luft. "Eines haben wir in dieser kurzen Zeit hier kapiert: Es ist nicht leicht, ein Afghane in Wien zu sein", unterstreicht er. Als Vergewaltiger, Gewalttäter, ungebildeter Abschaum und vieles mehr werde man sofort in eine Schublade gesteckt. Das tue weh. Und oft sei diese Skepsis verständlich, denn es gebe einige schwarze Schafe. "Es braucht viel individuellen Einsatz und Integrationsbereitschaft, bis man am Ende des Tages dort ankommt, wo man hinwill, nämlich ein echter Teil der Wiener Gesellschaft zu sein", erklärt er.

Es ist schon dunkel geworden. Schnell gehen die Burschen weiter. "Wir brauchen noch ein Geschenk für unsere Gastgeber. Woran denkst du?", will Samir von Mohammad wissen. "Ich weiß es nicht, aber vielleicht ein Fotorahmen mit sechs Fotos, von jedem von uns eines. Das ist persönlich und sie sehen uns immer, wenn sie es aufhängen", erklärt Mohammad.

Moment zum Innehalten
"Das ist eine nette Idee und für viel mehr reicht unser Budget eh nicht", entgegnet Samir. "Außerdem dachte ich, dass wir einen Gutschein für 20 Stunden Hausarbeit hinzufügen, das ist etwas, was wir geben können", ergänzt Mohammad. Samir grinst. "Du hast das Herz am richtigen Fleck", sagt er und fährt ihm durch das Haar. "Hey, lass das, du zerstörst mein Styling", sagt Mohammad.

Hektische Menschen mit vielen Tragtaschen, wohin man blickt. Der Wind bläst eisig, es herrscht eine Außentemperatur von minus 4 Grad Celsius. Von der Kälte profitieren die vielen Maroni- und Punschstände. Bei einer Tasse alkoholfreiem Punsch - denn der normale Punsch schmeckt ihnen nicht - vor dem überfüllten Kaufhaus wird über das Leben und über Weihnachten gesprochen.

"Weihnachtskekse, Tannenbäume, Lieder, Geschenke, der Weihnachtsmann und eine Messe in der Kirche", sagt Mohammad. Das alles würde er mit Weihnachten für die Österreicher verbinden. "Für uns beide ist es heuer aber vordergründig kein religiöses Fest, sondern ein Moment zum Innehalten und zum Vergessen", ergänzt er.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-23 17:35:07
Letzte nderung am 2016-12-27 10:59:05



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Köpfe der neuen Regierung
  2. Das Regierungsprogramm zum Download
  3. Das Kurz’sche Minister-Karussell
  4. Kitzmüller folgt auf Hofer
  5. Van der Bellen gab grünes Licht
Meistkommentiert
  1. Es darf geraucht werden
  2. 12-Stunden-Tag wird kommen
  3. "Spender haben Ziel erreicht"
  4. Das Regierungsprogramm zum Download
  5. Ist jedes Kind gleich viel wert?

Werbung




Werbung


Werbung