• vom 14.02.2017, 17:51 Uhr

Chronik


Coop Himmelb(l)au

"Der Tod ist ein Schleimer"




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Von Petra Tempfer

  • Architekt Prix und Künstler Müller wollen eine Stadt für jene bauen, denen die Luft zum Atmen fehlt.

Ein Silberstreif am Horizont: Das soll die Stadt am Mittelmeer für Mukoviszidose-Patienten laut deren Entwicklern sein. Rendering: Coop Himmelb(l)au

Ein Silberstreif am Horizont: Das soll die Stadt am Mittelmeer für Mukoviszidose-Patienten laut deren Entwicklern sein. Rendering: Coop Himmelb(l)au

Wien. Zehn Jahre. Innerhalb dieser Zeit soll die derzeit unheilbare Erbkrankheit Mukoviszidose oder Cystische Fibrose heilbar sein. Das haben sich der künstlerische Direktor der Linzer Tabakfabrik, Chris Müller, und der Architekt Wolf Prix, Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au, zum Ziel gesetzt. Der Weg dorthin führt ans Mittelmeer. An dessen Küste soll eine Stadt entstehen, in der mithilfe der räumlichen, politischen und klimatischen Rahmenbedingungen die Kreativität floriert - und damit die Forschung auf der Suche nach Heilung: die Stadt Atmos, die einer atmenden Lunge nachempfunden ist, so die Entwickler, für all jene, denen die Luft zum Atmen fehlt.

Müller ist selbst Vater eines an Mukoviszidose erkrankten Kindes. Drei Wochen nach der Geburt stellten die Ärzte die Stoffwechselerkrankung beim Routine-Schweißtest fest. Der Schweiß eines kranken Kindes enthält mehr Salz, weil gewisse Zellen nicht in der Lage sind, Wasser in das umliegende Gewebe zu ziehen. Der Wassergehalt einzelner Sekrete ist dadurch zu niedrig. Organe wie die Lunge oder Bauchspeicheldrüse verschleimen. Eine neue Lunge kann den Tod nur hinauszögern. Betroffene werden durchschnittlich 40 Jahre alt.


Häufigste Erbkrankheit Europas
"Der Tod ist ein Schleimer", sagt Müller zur "Wiener Zeitung". "Ein Schleimer, an dem man erstickt." Sein Kind ist jetzt sechs Jahre alt, schluckt mehr als 30 Tabletten am Tag, muss mehrmals täglich mit Salzwasser inhalieren und im Kindergarten eine Maske tragen, die es vor Infektionskeimen schützen soll. "Bevor ich sterbe, möchte ich, dass mein Kind überlebt", sagt er. Und all die anderen.

Jedes Jahr kommen in Österreich rund 25 Kinder mit Mukoviszidose zur Welt, in Deutschland sind es etwa zehnmal so viele. Die Erbkrankheit, die 1989 entdeckt wurde, ist die häufigste innerhalb der europäischen Bevölkerung.

Dennoch ist sie relativ unbekannt. "Darum stellen wir ihr jetzt ein funkelndes Gebilde gegenüber, damit die Öffentlichkeit nicht mehr drüber hinwegschauen kann", sagt Müller. Der befreundete Architekt Prix war nach einem gemeinsamen Grillabend vor drei Jahren ebenfalls sofort für die Idee begeistert und von ihr berührt, wie er sagt.

Für die Stadt Atmos habe man den Palast von Knossos analysiert, so Prix, und in die heutige Zeit transferiert. Sie sei eine Kombination aus privaten Einheiten, öffentlichen Gärten und großzügigen Plätzen, die sich in die Umgebung einfügen soll. Neben dem mediterranen Makroklima komme ein spezielles Mikroklima zum Tragen: Aerosole, also winzige, salzhaltige Meerwassertröpfchen, gelangen in die Luft, wenn sich die Wellen brechen, lockern Sekrete in den Schleimhäuten und fördern so das Abhusten.

Vorerst sind Prix und Müller zufolge 132 Apartments und eine Wohnfläche von 6600 Quadratmeter auf einem 15.500 Quadratmeter großen "Selfness Resort", so der eingetragene Markenname, geplant. Das Stadtgrundstück soll 30 Hektar groß sein und nicht nur für Patienten und die medizinische Forschung einen Raum der geistigen und körperlichen Entwicklung bieten.

35 Millionen Euro Baukosten
Es soll keine "Insel der Aussätzigen" werden, so Müller. Vielmehr seien auch Urlauber und alle, die Platz für die Entfaltung ihrer Kreativität suchen, willkommen. Atmos soll eine pulsierende, eine atmende Stadt werden. Sich ansiedelnde Betriebe müssten einen Teil ihres Profits an die Mukoviszidose-Forschung zweckwidmen und einen weiteren Teil für die Errichtung von Apartments für Betroffene zur Verfügung stellen. Die reinen Baukosten beziffert das Team mit 35 Millionen Euro.

Einige Bauunternehmen, Pharmafirmen und Investoren hätten bereits Interesse gezeigt, sagt Müller. Nun hoffe man freilich auf eine große Spendenfreudigkeit. Mit dem Geld will man Patienten Soforthilfe bieten sowie in die Forschung investieren.

Wo genau das Areal entstehen soll, ist noch ungewiss. Bereits heute will man die ersten Aussendungen an die Bürgermeister der Mittelmeer-Küstengemeinden ausschicken. Wer schließlich das Projekt bekommt, hängt laut Müller unter anderem von der Flugdauer in die Region und der Infrastruktur ab.

"Atmos ist kein Luftschloss mehr", so Müller. Auf der Homepage von Atmos (nähere Infos und Spendenmöglichkeiten unter www.atmos-resort.com) zählt eine Uhr von zehn Jahren zurück. Der Countdown läuft.




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Dokument erstellt am 2017-02-14 17:56:05



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