• vom 13.04.2017, 18:31 Uhr

Chronik

Update: 13.04.2017, 18:56 Uhr

Suizid

Verzweiflungstat




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Von Petra Tempfer

  • Die Suizidraten der Älteren sind bis zu zehn Mal so hoch wie jene der Gesamtbevölkerung.





Wien. Ein 76-jähriger Pensionist erwürgte in der Vorwoche in Kirchdorf an der Krems zuerst seine Frau und erhängte sich dann selbst. Wenige Wochen davor wurden in einer Wohnung in Wien-Döbling die Leichen eines Paares gefunden. Der 74-Jährige dürfte seine 69-jährige Lebensgefährtin und dann sich selbst erschossen haben, ergaben Ermittlungen der Polizei. Kurz davor war ein 81 Jahre alter Mann, der in Wien-Simmering seine 71-jährige Frau getötet und sich anschließend in den Kopf geschossen hatte, gestorben. Das Paar hatte zurückgezogen gelebt, hieß es später, und hatte fast keinen Kontakt zu weiteren Familienmitgliedern.

Fälle wie diese tauchen mit einer fast schon erschreckenden Regelmäßigkeit in den Medien auf. Immer geht es um ältere Menschen, meist Pensionisten, um Suizid und oft auch das gezielte Töten einer Person und anschließenden Suizid unter Partnern (erweiterter Suizid). Die Betroffenen lebten häufig isoliert, waren krank, hatten Schmerzen und litten unter Depressionen. Manche kündigten ihre Tat an, andere hinterließen einen Abschiedsbrief. Fast immer umschreiben es die Kriminalisten mit "Verzweiflungstat".

Verwitwete Männer sind besonders gefährdet

Information

Hilfe für Betroffene
E-Mail-Beratung des Kriseninterventionszentrums

Hilfe für pflegende Angehörige
Caritas
Hilfswerk: 0800 800 820

Was aber hat zu dieser Verzweiflung geführt - und ist in Folge der Grund dafür, dass dem österreichischen Suizidbericht des Gesundheitsministeriums zufolge die Suizidraten bei Menschen im Pensionsalter explosionsartig ansteigen? In der Altersgruppe der über 85-Jährigen suizidieren sich demnach fast 80 von 100.000. Unter den Männern sind es sogar 130 von 100.000, bei Frauen liegt die Suizidrate bei 20. "Die Gruppe der alten Menschen, insbesondere der alten Männer, stellt eine Hochrisikogruppe dar", sagt dazu Nestor Kapusta von der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien und Mitautor des Suizidberichts.

Die Suizidraten der Älteren sind demnach bis zu zehn Mal so hoch wie jene der Gesamtbevölkerung. Das durchschnittliche Verhältnis, dass drei Mal so viele Männer wie Frauen Suizid begehen, verschiebt sich im Alter und auch in der Gruppe der bis zu 20-Jährigen noch mehr in Richtung Männer.

Dass hauptsächlich Fälle von erweitertem Suizid in die Medien gelangen, verfälsche das tatsächliche Bild, sagt Kapusta. In Wahrheit stellten diese eher die Ausnahme dar. Besonders gefährdet seien nämlich alleinstehende, verwitwete Männer, die zunehmend vereinsamten und selten Hilfe suchten. Psychosoziale Einrichtungen zum Beispiel würden zu zwei Drittel von Frauen aufgesucht, so Kapusta. "Bei Männern münden die psychischen Probleme eher in Suchterkrankungen, sie versuchen sich mit Alkohol und Nikotin selbst zu behandeln."

Dazu komme, dass das voranschreitende Alter vor allem für Männer eine narzisstische Kränkung darstelle. Und mit dem Ende der Berufstätigkeit oft auch das Selbstwertgefühl schwinde, um einer Sinn- und Haltlosigkeit Platz zu machen.

Kommen noch die Diagnose einer chronischen Erkrankung und Depressionen dazu, sei das zusätzlich belastend, ergänzt Claudius Stein vom Kriseninterventionszentrum. Vor allem die Diagnose selbst und der Beginn einer Krankheit seien mit Ängsten wie jener vor Schmerz, Abhängigkeit, Pflegebedürftigkeit und dem Tod verbunden. 40 Prozent der Patienten mit einer schweren körperlichen Erkrankung leiden an einer Depression. "Suizidale Entwicklungen entstehen immer aus einem Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren", so Stein zur "Wiener Zeitung". Und die Problematik sei immer individuell.

Grundsätzlich sei es aber schon so, dass Suizide bei Älteren seltener an die anderen gerichtet seien - anders als bei jungen Menschen, bei denen häufiger Suizidversuche als eine Art Hilferuf zu verstehen seien. Denn das Vertrauen darin, dass sich noch etwas ändern könnte, sei geringer, so Stein weiter. Vielmehr suche man oft nach einem Ende des subjektiven Leidens.

Die letzte Entscheidung, die man frei treffen kann

Manche sehen im Suizid auch die letzte Entscheidung, die sie frei und unabhängig treffen können. Menschen, die den Partner mit auf diesen Weg nehmen, tun das laut Stein meist aus der eigenen Verzweiflung heraus. Man wolle ihn nicht allein in dieser, aus eigener Sicht aussichtslosen Welt zurücklassen.

Das Leben als alter Mensch, wenn dieses mit körperlichem Abbau, chronischen Schmerzen und voranschreitender Depression verbunden wird, ängstigt vermutlich viele. Man verdrängt die Gedanken daran. Und dennoch "können auch alte Menschen noch ein sehr zufriedenstellendes Leben haben", sagt Stein. Man müsse ein Bewusstsein dafür schaffen, was es bedeutet, älter zu werden. Der springende Punkt sei, verzweifelten Menschen Hilfe anzubieten -und zwar aktiv.

Im Zentrum stehe dabei die Beziehung, die man zu suizidgefährdeten Menschen aufbauen müsse. "Jedes Stückchen geglückte Beziehung nimmt ein wenig vom Suizidgedanken weg", sagt Stein. Neben der richtigen psychotherapeutischen und psychologischen Begleitung und eventuell Medikation gehe es vor allem darum, den Betroffenen das Gefühl zurückzugeben, für die Gesellschaft noch von Wert zu sein. In weiterer Folge könnten sie auch durch neue Lebensziele wie ehrenamtliche Tätigkeiten wieder Sinn im Leben finden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-13 17:27:05
Letzte nderung am 2017-04-13 18:56:23





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