• vom 21.06.2017, 17:24 Uhr

Chronik

Update: 21.06.2017, 17:38 Uhr

A4-Flüchtlingsdrama

"Nicht kümmern, weiterfahren!"




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  • Der Prozess gegen die Schlepper des A4-Flüchtlingsdramas 2015 hat in Ungarn begonnen.

Schwer bewacht und in Handschellen werden die angeklagten Schlepper am Tag des Prozessauftakts aus dem Gerichtssaal in Kecskemet geführt. - © apa/Hochmuth

Schwer bewacht und in Handschellen werden die angeklagten Schlepper am Tag des Prozessauftakts aus dem Gerichtssaal in Kecskemet geführt. © apa/Hochmuth

Kecskemet/Parndorf. (temp/apa) 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder. Das jüngste zehn Monate alt. Diese Menschen starben um den 26. August 2015 in einem Kühllaster, den man abgestellt in einer Pannenbucht bei Parndorf an der Ostautobahn (A4) fand. Sie waren erstickt, 71 Menschen, eingepfercht und gefangen in 14,26 Quadratmeter luftdicht versperrte Ladefläche ohne Fenster, Licht, Sitze, Haltegriffe. "Dunkel und luftlos", sollte später die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage schreiben. Die Tür konnte man nur von außen öffnen.

Sie waren aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Iran geflohen und in der Nacht auf 26. August in einem Waldstück nahe der serbisch-ungarischen Grenze bei Morahalom in Ungarn in den Kühllaster gestiegen, um in den Westen zu gelangen. Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich bereits nach 40 Minuten Fahrt abspielten: Die Menschen hämmerten gegen die Frachtraumwände und schrien, weil sie keine Luft mehr bekamen, rekonstruierte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch am Gericht in Kecskemet in Ungarn, als der Prozess gegen die Schlepper startete. Zehn Bandenmitglieder hatten auf der Anklagebank Platz genommen, ein Mann ist noch auf der Flucht. Den Beschuldigten wird unter anderem qualifizierter Mord und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Vier Angeklagten, den Drahtziehern, droht lebenslange Haft. Die weiteren Angeklagten könnten eine Freiheitsstrafe von 20 bis 30 Jahren erhalten.

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Die Leichen sollten in Deutschland entsorgt werden
Der 26-jährige Bulgare, der den Kühllaster fuhr, und sein 39-jähriger Landsmann und Begleiter, der mit dem eigenen Auto unterwegs war, sollen zwar ihre zwei ebenfalls in den eigenen Fahrzeugen mitfahrenden Bandenbosse über das Hämmern und Schreien der Flüchtlinge informiert haben - diese sollen aber die Anweisung gegeben haben, sich nicht darum zu kümmern, sondern weiterzufahren. Laut Staatsanwaltschaft haben die beiden 30-jährigen Bosse sogar verboten, die Frachtraumtür zu öffnen.

Der erstangeklagte der beiden Bosse, der sich am Anfang des Prozesstages über die Übersetzung der Gerichtsdolmetscherin beschwerte, soll noch die Anweisung gegeben haben, die Leichen in Deutschland zu entsorgen, falls die Migranten sterben sollten. Sein Stellvertreter hat laut Staatsanwaltschaft sogar gemeint: "Diese können von ihm aus auch sterben."

Die meisten erstickten nach eineinhalb, zwei Stunden. Als sie die Grenze nach Österreich passierten, waren alle 71 tot. Der Fahrer stellte den Laster bei Parndorf ab und flüchtete mit dem Begleitfahrzeug seines Komplizen nach Ungarn. Am nächsten Tag wurden die Leichen von österreichischen Polizisten entdeckt. Ein Foto vom Innenraum des Lasters, aus dem braunes Leichenwasser tropft, das eigentlich nie hätte veröffentlicht werden dürfen, brannte sich in die Köpfe ein.

Der 30-jährige Hauptangeklagte soll sich im Frühjahr 2015 einer international agierenden kriminellen Organisation angeschlossen haben, die illegale Migranten nach Westeuropa schleuste. Ab Juni 2015 schmuggelte die Gruppe verstärkt Flüchtlinge von Serbien über Ungarn nach Österreich beziehungsweise Deutschland. 31 solcher Fahrten konnte die Staatsanwaltschaft in Ungarn nachweisen.

Der 30-jährige Bandenchef erhielt insgesamt 300.000 Euro
Im Zuge der Ermittlungen wurde die gesamte Schlepperbande, hauptsächlich Bulgaren, und deren afghanischer Boss festgenommen und in Ungarn angeklagt. Sie soll mehr als 1200 Menschen illegal nach Westeuropa gebracht haben. Dabei kassierte allein der 30-jährige Bandenchef mehr als 300.000 Euro. Die Fahrt mit dem Kühllaster mit 71 Flüchtlingen brachte dem 26-jährige Lenker 3500 Euro ein, seinem 39-jährigen Komplizen 1500 Euro.

Am Anfang schleppte die Bande 20 bis 40 Migranten pro Auto. Doch aufgrund des hohen Drucks durch die Hintermänner wurden immer öfter Fahrzeuge mit mehr Fassungsvermögen besorgt. Am Ende waren es rund 100 Flüchtlinge, die mit nur einem Transport nach Westeuropa gebracht wurden. Diese Fahrten wurden zur Qual für die Geschleppten, so die Staatsanwaltschaft.

Die Verhandlung wurde unter dem Vorsitz von Richter Janos Jadi geführt. Heute, am 22., sowie am 23., 29. und 30. Juni sind weitere Prozesstage geplant, danach wird der Prozessplan fixiert. Ein Urteil soll noch heuer fallen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-21 17:29:09
Letzte nderung am 2017-06-21 17:38:09



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