• vom 26.07.2017, 18:03 Uhr

Chronik

Update: 27.07.2017, 09:38 Uhr

Hepatitis

Was ist ein gesundes Menschenleben wert?




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Von Petra Tempfer

  • Hepatitis C zu eliminieren oder nicht, wäre für das Gesundheitssystem gleich teuer. Der Unterschied liegt allein in der Gesundheit des Menschen selbst.

Hepatitis B zählt zu den häufigsten Infektionskrankheiten - und das, obwohl es gegen Hepatitis A und B eine Schutzimpfung gibt. - © APAweb / Ralf Hirschberger

Hepatitis B zählt zu den häufigsten Infektionskrankheiten - und das, obwohl es gegen Hepatitis A und B eine Schutzimpfung gibt. © APAweb / Ralf Hirschberger

Wien. Angelika Widhalm litt jahrelang an unerklärlichen Beschwerden: Müdigkeit, Hautausschläge, Depressionen. Kein Arzt konnte ihr helfen, bis sie schließlich die Diagnose erhielt: Virushepatitis C, eine Entzündung der Leber, die unbehandelt tödlich endet.

Drei Interferon-Therapien und eine Lebertransplantation später zerstörte das Virus unaufhaltsam auch die neue Leber, bis 2014 ein neues, interferon- und nebenwirkungsfreies Medikament auf den Markt kam, das auf dem Blockieren der drei, ausschließlich bei Hepatitis-C-Viren vorkommenden Enzymen basiert. Die Patienten sind nach drei bis acht Monaten gesund, die Heilungsrate liegt zwischen 95 und 100 Prozent. Widhalm war die erste lebertransplantierte Patientin mit Hepatitis C in Europa, die durch diese Therapie geheilt worden ist. Heute ist sie Vorsitzende der Hepatitis Hilfe Österreich, die am Mittwoch anlässlich des Welt-Hepatitis-Tages am 28. Juli einen "koordinierten Maßnahmenkatalog" aller Beteiligten in Sachen Prävention, Diagnose und Therapie forderte.


Medikament ab 30.000 Euro
Die Krankheit Widhalms hat volks-, sozialwirtschaftlich und persönlich Schaden angerichtet - und immense Kosten verursacht. Denn die Medikamente dieser neuen Therapie kosten je nach Genotyp des Hepatitis-C-Virus dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger zufolge derzeit zwischen etwa 30.000 und mehr als 56.000 Euro. Von 2014 bis Februar 2017 habe man auf Kosten der sozialen Krankenversicherung mehr als 4400 Patienten damit behandelt. Die Gesamtkosten für die Therapien beliefen sich in diesem Zeitraum auf 265 Millionen Euro.

Das neue Medikament habe somit "sicher dazu beigetragen, dass die Heilmittelausgaben der Sozialversicherung 2014 und 2015 um jeweils mehr als fünf Prozent gegenüber dem Jahr davor gestiegen sind", so der Hauptverband zur "Wiener Zeitung". 2016 habe sich die Situation mit einer Steigerung um 2,5 Prozent etwas stabilisiert.

Und dennoch gilt die Zulassung der neuen Therapie als Sensation. Man könnte damit Hepatitis C eliminieren, was auch die Weltgesundheitsorganisation WHO zum Ziel erklärt hat. Das hätte allerdings seinen Preis. Gesundheitsökonom Gottfried Haber von der Donau-Uni Krems rechnete eine Studie aus Deutschland auf Österreich um und kam zu dem Ergebnis, dass die Eliminierung von Hepatitis C bis 2040 eine bis eineinhalb Milliarden Euro kosten würde. Und würde man nichts tun? "Dann kommt man mit Krankenständen, Folgekosten und Produktivitätsverlusten auf die gleiche Summe", so Haber. Mit dem Unterschied, dass man in ersterem Fall Menschen zu einem Leben in Gesundheit verholfen hat.

Bis zu 40.000 Betroffene
"Man kann daher auch aus ökonomischer Sicht sagen, dass die Ziele der WHO Sinn machen", so Haber. "Aus ökonomischer Sicht", das bedeute, dass es letztendlich immer um das Abwägen von Kosten und Nutzen gehe und darum, was man als Gesellschaft leisten will.

In Österreich gehe es um rund 20.000 bis 40.000 Hepatitis-C-Betroffene, schätzt Widhalm. Weltweit seien es rund 180 Millionen. Hepatitis B zählt mit etwa 380 Millionen Betroffenen zu den häufigsten Infektionskrankheiten -und das, obwohl es gegen Hepatitis A und B eine Schutzimpfung gibt. Betrachtet man Hepatitis A, B, C, D und E, sterben mehr Menschen daran als an HIV und Malaria. Genaue Zahlen gebe es allerdings nicht, so Widhalm. Denn Hepatitis komme schleichend - viele wüssten nicht, dass sie krank sind, und könnten somit zu Überträgern werden.

Der von der Hepatitis Hilfe Österreich geforderte "koordinierte Maßnahmenkatalog" beginnt daher bei einer besseren Prävention - unter anderem durch eine höhere Sensibilisierung für die Symptome.




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Dokument erstellt am 2017-07-26 18:09:03
Letzte nderung am 2017-07-27 09:38:44



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