• vom 28.07.2017, 13:44 Uhr

Chronik

Update: 31.07.2017, 12:36 Uhr

Lebensmittelqualität

Lebensmittel-Kritik wird zum Politikum




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Thomas Pressberger

  • Bekommt Osteuropa von internationalen Konzernen Lebensmittel zweiter Klasse? Die Frage beschäftigt nun höchste EU-Kreise.

M&M’s : In Österreich mit Palmfett, in Tschechien mit Kokosfett - die Gemüter erhitzen sich grundlos.

M&M’s : In Österreich mit Palmfett, in Tschechien mit Kokosfett - die Gemüter erhitzen sich grundlos.© Gresei M&M’s : In Österreich mit Palmfett, in Tschechien mit Kokosfett - die Gemüter erhitzen sich grundlos.© Gresei

Wien.Ungarn, Tschechien, Polen und die Slowakei werden von Nahrungsmittelkonzernen benachteiligt und mit qualitativ minderwertiger Waren beliefert. Das zumindest behaupten Studien aus diesen Ländern. Auch aus Österreich sollen die Übeltäter kommen. Bei Vertretern der heimischen Lebensmittelindustrie sorgt das für Kopfschütteln. "Wir sehen das mit gemischten Gefühlen, weil nichts dran ist", sagt Josef Domschitz vom Lebensmittelverband. Bei den Beschwerden würden immer wieder drei Varianten wiederkehren. Bei Manner-Schnitten sei nach Blindverkostungen in Ungarn und der Slowakei behauptet worden, dass weniger Kakao enthalten sei. Hersteller Manner entgegnete, dass es nur eine Produktionslinie für die Schnitten gebe und daher alle gleich produziert würden. Außerdem befänden sich auf der Verpackung mehrere Sprachen, was ebenfalls ein Hinweis dafür sei, dass das gleiche Produkt in verschiedenen Ländern verkauft werde.

Eine zweite Variante sei etwa bei Coca Cola zu beobachten. Dieses wird an mehreren Standorten in Europa erzeugt. Jenes, das in der Slowakei verkauft werde, werde mit Glykosesirup und nicht mit Zucker gesüßt, so Domschitz, weil dort kein Zucker produziert und im Sinne der Nachhaltigkeit auf Rohstoffe aus der Region zurückgegriffen werde. Obwohl es kaum anders schmecke, werde nun behauptet, dass es ein schlechteres Produkt sei.


Eine dritte Variante beobachtet er in Ungarn, wo bei manchen Produkten der Vorwurf im Raum stehe, dass das Rezept nicht stimme. "Ungarn hat vor ein paar Jahren eine Zucker- und Fettsteuer eingeführt", sagt Domschitz. Damit sich zucker- und fetthaltige Produkte nicht übermäßig verteuern, sei eben der Zucker- und Fettanteil zum Teil zurückgefahren worden. Den ungarischen Gesetzesentwurf, dass es sich hier um zweitklassiges Produkt handle und dieses als solches gekennzeichnet werden müsse, lehnt der Lebensmittelverband ab - es stünden ja ohnehin die entsprechenden Angaben auf der Verpackung.

Der deutsche Kekskonzern Bahlsen hat bereits reagiert, er stellt seine Butterkekse seit 1. Juli auch für Osteuropa nach deutschem Rezept her - also ausschließlich mit Butter und ohne Palmöl.

Politischer Hintergrund
Es sei auch kein Geheimnis, dass manche Lebensmittel den Gewohnheiten in den einzelnen Ländern angepasst würden. "Eine Gewürzmischung für Fleisch hat in Ungarn mehr Paprika als in Österreich, weil man dort gerne schärfer isst", so Domschitz. Untermauert würden die Vorwürfe aus den osteuropäischen Ländern immer wieder durch Studien, die von staatlicher Seite in Auftrag gegeben, die aber nicht veröffentlicht würden. Er vermutet hinter den Vorwürfen einen politischen Hintergrund. Man wolle von anderen Themen ablenken und in der Bevölkerung Ressentiments schüren. Man werde von der EU zweitklassig behandelt, die Regierung könne sich so als wehrhafter Volksvertreter darstellen.

"Solche Vorwürfe sind nicht neu, das hat es immer wieder gegeben", sagt Domschitz. So sei vor ein paar Jahren in Polen behauptet worden, dass ein Waschpulver des Verbrauchsgüterkonzerns Unilever im Osten nicht so gut waschen würde wie im Westen. Laut Konzern sei die Rezeptur in allen Ländern gleich, es würde eher am Wasser oder den Waschmaschinen liegen. Neu ist, dass die Angelegenheit auf politische Ebene gehoben wurde und sich in Brüssel eine Expertengruppe damit beschäftigt. Und eben der ungarische Gesetzesentwurf, der EU-weit begutachtet werden muss.

Auch Heinz Schöffl, Lebensmittelexperte von der Arbeiterkammer Wien, kennt diese Vorwürfe nur von staatlicher Seite, etwa der amtlichen Lebensmittelkontrolle, nicht aber von Konsumentenschutzorganisationen in diesen Ländern - wie auch jetzt bei den jüngsten Vorwürfen aus Tschechien. Für ihn sind diese nicht nachvollziehbar, die Beurteilungsgrundlagen seien auf Anfrage nicht eruierbar gewesen. "Produkte schmecken nie völlig gleich, wenn sie wo anders produziert werden", sagt Schöffl. So sei ein Suppenwürfel in Deutschland bröseliger als in Österreich, weil das die Konsumenten so erwarten würde. Unterschiedliche Beschaffenheit würden aber nicht zwangsläufig eine bessere oder schlechtere Qualität bedeuten. "In manchen Ländern sind Produkte wegen der Einkommenssituation teilweise deutlich billiger", sagt Schöffl. Darunter müsse aber nicht die Qualität leiden.

Wurst ist nicht gleich Wurst
Die Diskussion zieht sich laut Elmar Ritzinger, Abteilungsleiter für die landwirtschaftliche Wertschöpfungskette im Landwirtschaftsministerium, seit 2015. "Die vier Visegradstaaten tun sich da immer wieder zusammen, greifen das auf politischer Ebene auf und versuchen das für ihre Zwecke zu nutzen", sagt Ritzinger. Wo man selber keine Regeln habe, rufe man nach der EU. In Österreich gebe es konkrete Regeln, was in einer Extrawurst drinnen sein darf und was nicht. In diesen Ländern gebe es das nicht. Zwar gebe es international geltende Regeln, doch seien diese viel breiter gesetzt. "Es werden immer wieder Studien vorgelegt, aber nicht Gleiches mit Gleichem verglichen", sagt Ritzinger. Die Studien seien methodisch "hatschert". In einer Studie sei angeführt, dass ein gewisses Fischstäbchenprodukt in Ungarn weniger Fisch als in Österreich und Deutschland enthalte. Das sei allerdings auf der Verpackung deklariert. In den Niederlanden und in Großbritannien enthielt das Produkt ebenfalls weniger Fisch als in Österreich und Deutschland. Allein deshalb schon sei das kein Beweis dafür, dass die Visegradstaaten Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei schlechter behandelt würden.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-28 13:48:07
Letzte nderung am 2017-07-31 12:36:13



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Geld, Gier und Schneemänner
  2. Rollentausch
  3. Finales Ringen
  4. Was ist G20? Was soll ich kochen?
  5. Ist jedes Kind gleich viel wert?
Meistkommentiert
  1. Beschäftigungsbonus vor dem Aus?
  2. Es darf geraucht werden
  3. 12-Stunden-Tag wird kommen
  4. Regierungspakt zu Weihnachten
  5. "Spender haben Ziel erreicht"

Werbung




Werbung


Werbung