• vom 08.08.2017, 18:10 Uhr

Chronik

Update: 09.08.2017, 07:36 Uhr

Bundesheer

Tödlicher Marsch




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Von Alexander U. Mathé und Michael Schmölzer

  • In Horn starb ein Rekrut bei der Grundausbildung an Überhitzung. Das Bundesheer ist in Erklärungsnotstand.

Todesfall bei der Garde in Horn. Das Bundesheer verspricht "keine Toleranz bei Fehlverhalten".

Todesfall bei der Garde in Horn. Das Bundesheer verspricht "keine Toleranz bei Fehlverhalten".© apa Todesfall bei der Garde in Horn. Das Bundesheer verspricht "keine Toleranz bei Fehlverhalten".© apa

Horn. Der Tod des 19-jährigen Rekruten in Horn dürfte die Folge eines erbarmungslosen Drills gewesen sein. Diesen Verdacht legen zumindest der Obduktionsbericht der Staatsanwaltschaft Krems und Augenzeugenberichte nahe. Der junge Mann sei an einer Überhitzung des Körpers gestorben, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Der Rekrut, der als sportlich beschrieben wird und in Wien Wasserballspieler war, hatte während eines Stationsmarsches in brütender Hitze über Schwindel geklagt. Er sei zuerst von Sanitätern versorgt worden und habe auf dem Weg in die Kaserne Horn das Bewusstsein verloren. Der verständigte Notarzt lieferte ihn ins Spital Horn ein, wo er dann verstarb, hieß es in einer Stellungnahme des Bundesheers.

In einer ersten Reaktion hatte das Bundesheer noch beschwichtigt: Aufgrund der vorherrschenden Temperaturen sei der Dienstplan abgeändert worden, die Übung habe weitgehend bei reduziertem Tempo im Wald und bei Schatten stattgefunden, außerdem habe es zusätzliche Pausen und Extra-Rationen an Obst und Wasser gegeben. Nun heißt es, es werde "keine Toleranz" bei Fehlverhalten geben. Dies allerdings erst nach Berichten über Quälmethoden in der betroffenen Einheit.

"Ich werde euch wetzen,
bis ihr Blut speibts"

Der Vater eines Kameraden des Verstorbenen hat in der Wochenzeitung "Falter" ein anderes Bild gezeichnet. Es habe schon vorher klare Anzeichen von Schwäche gegeben, was die Vorgesetzten als Simulieren abgetan haben. Ein Rekrut, der während eines Marsches zu torkeln begonnen habe, habe diesen nicht unterbrechen dürfen. Mehr als 20 Männer sollen dabei in Ohnmacht gefallen sein. Nun berichtet die Staatsanwaltschaft, dass der 19-Jährige an Überhitzung gestorben sei. Im Bericht des Bundesheers hatte es geheißen, dass der Arzt eine bakterielle Infektion als Todesursache vermutete, dem widerspricht die Staatsanwaltschaft in ihrem Bericht.

"Das Österreichische Bundesheer zeigt keine Toleranz bei Bekanntwerden von Missständen", erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Es gebe ausreichend Gelegenheit zur Beschwerde, sogar anonym. Doch aufgrund der leichten Identifizierbarkeit und aus Angst vor dem Zusammenhalt der Berufskader wird auf dieses Mittel von Wehrpflichtigen selten zurückgegriffen. Die eingebrachten Beschwerden lassen vermuten, dass das "Schleifen" wie das Quälen auch genannt wird, Usus beim Bundesheer ist und in diesem Fall eben tödlich endete. Die parlamentarische Bundesheer-Kommission führt an, dass ein Rekrut 2016 gezwungen wurde, nach einem angeblichen Fehler ein 34,5 Kilo schweres Baumstück eine Dreiviertelstunde mitzuschleppen. Außerdem wurden, auch das ist im Bericht nachzulesen, im Zuge einer Übung bei der Diensteinteilung der Wachsoldaten die Temperaturen vom minus 20 Grad nicht berücksichtigt, indem man die Dienstzeit verkürzt. Die Beschwerden des Jahres 2015 haben es ebenfalls in sich. So hat ein Gruppenkommandant beim Schießdienst gegen die Mündungen der Waffen getreten, ein Rekrut erlitt durch den Schlag auf das Zielfernrohr ein Cut auf der Stirn.

Der Bericht 2012 wirft auch kein gutes Licht auf Österreichs Militär: Im Zuge der Grundwehrdiener-Ausbildung tätigten Unteroffiziere Aussagen wie: "Ich werde euch wetzen, bis ihr Blut speibts". Weil ein Ausbilder nicht mit der WC-Reinigung zufrieden war, musste der "schuldige" Rekrut gemeinsam mit einem zweiten den gesamten Sanitärbereich neu putzen, alle anderen Rekruten mussten in der Zwischenzeit mit dem schweren Kampfanzug 30 bis 45 Minuten einen Hügel hinauf- und hinunterlaufen. Weil ein Grundwehrdiener einen Oberst irrtümlich als "Hauptmann" ansprach, musste der Rekrut zwei Stunden lang Gräben ausheben. Im Bericht 2010 ist zu lesen, dass ein Rekrut, der das Maschinengewehr nicht zur Zufriedenheit seines Ausbilders bediente, mit dem "Brechen der Finger" bedroht wurde und "ich hau dir die Waffe auf den Schädel". Außerdem ist im Bericht angeführt, dass Rekruten wegen angeblichen Fehlverhaltens drei Minuten in Grundstellung ausharren und sich von Gelsen stechen lassen mussten. Wenn sich jemand bewegte, wurde die Uhr von Neuem eingestellt. Insgesamt waren die Rekruten 20 Minuten den Insekten ausgesetzt.

Bei einem Hintergrundgespräch zum Todesfall in Horn erklärten Heeresangehörige am Dienstagabend, dass es nach etwa drei von 15 geplanten Kilometern "in moderater Marschgeschwindigkeit" zu dem Vorfall gekommen sei. Zwei Kommissionen seien eingerichtet worden: eine, unter Leitung von Hans Rathgeb, Präsident des Landesgerichts Salzburg und Brigadier der Miliz, soll den Vorfall an sich klären. Eine Sonderkommission soll die Ausbildungsmethoden an sich überprüfen. Man sehe aber "keine Indizien", dass Fehlhandlungen bei der Versorgung des 19-Jährigen gesetzt wurden. Man solle "keine Vorverurteilungen vornehmen". Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil versprach eine lückenlose und transparente Aufklärung des Falles.

"Motivieren, zu kämpfen
und zu töten"

Stellt sich dennoch die Frage, inwiefern systematische Quälereien in Armeen des 21. Jahrhunderts Platz haben. Für die Politologin Saskia Stachowitsch haben Misshandlungen und Demütigungen im Militär eine spezielle Funktion: Man trenne damit die jungen Männer von ihrem zivilen Leben und verlange Grenzüberschreitungen: "Im Endeffekt will man sie motivieren, zu töten und zu kämpfen, Gewalt auszuüben", so die Politologin zur "Wiener Zeitung". Es gebe die Annahme, dass die Quälerei "die Grundlage ist, damit eine Armee überhaupt funktionieren kann". Auf diese Weise werde aus Zivilisten Krieger gemacht. In Horn endete das offenbar mit dem Ende eines jungen Lebens.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-08 18:15:06
Letzte nderung am 2017-08-09 07:36:17





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