• vom 06.09.2017, 20:31 Uhr

Chronik


Religion

Zu jung für den Heiligen Geist?




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Von Mathias Ziegler

  • Das höhere Mindestalter bei der Firmung in Vorarlberg stößt in Ostösterreich eher auf Skepsis.

- © Nicole Brosch

© Nicole Brosch

Wien/Bregenz. Herbstzeit ist Firmungszeit - und zwar in immer mehr katholischen Pfarren, die statt des traditionellen Termins zu Pfingsten auf den September oder den Oktober ausweichen. Und zwar aus zwei triftigen Gründen: Erstens kann man sich durch die breitere Auswahl an Terminen eher den Firmspender aussuchen als zu Pfingsten. Und zweitens ist aus Sicht vieler Jugendgruppenleiter die Chance größer, dass ihnen nach der Firmung mehr Jugendliche erhalten bleiben, weil am Beginn des Schuljahres ohnehin bei der Freizeitgestaltung die Karten neu gemischt werden und nicht die lange Sommerpause die noch relativ frische Jugendgruppe schon wieder aufzulösen droht.

Ein Thema, das aus Westösterreich heuer neu dazukommt, ist das Alter der Firmkandidaten. In 14 Vorarlberger Pfarren wurde es von mindestens 12 auf 17 Jahre angehoben, bis 2027 sollen alle weiteren Pfarren in der Diözese folgen. Mit der Anhebung des Firmungsalters wurde auch gleichzeitig ein neues Konzept für die Firmvorbereitung erstellt, an dem 150 Betroffene - Priester, Eltern, Firmlinge, Firmbegleiter und Pastoralassistenten - ein Jahr lang gearbeitet haben. Bisher verlief der Weg zur Firmung in der Diözese laut Pastoralamtsleiter Martin Fenkart sehr unterschiedlich, weil es viele verschiedene Vorbereitungskonzepte gab, die nun zusammengeführt wurden. Das neue Konzept lehnt sich an fünf Säulen an: Christsein in der Gemeinschaft, Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben, eigene Originalität, spirituelle Erfahrungen und soziales Engagement.


Die Erhöhung des Mindestalters erklärt Fenkart damit, dass "mit älteren Jugendlichen eine reifere Auseinandersetzung mit dem Glauben auf Augenhöhe und freie Meinungsbildung möglich ist, und wir können die jungen Menschen in einer wichtigen Lebensphase begleiten". Am anderen Ende Österreichs, wo die Firmlinge in der Regel 14 Jahre alt sind, stößt die Vorarlberger Initiative eher auf Skepsis.

"Es wären reifere, aber definitiv auch weniger Firmlinge"
Veronika Prüller-Jagenteufel, Pastoralamtsleiterin der Erzdiözese Wien, findet die Entscheidung der Diözese Feldkirch "mutig und den Weg, der dazu geführt hat, als durchaus vorbildlich". In Wien sei ein höheres Firmungsalter kein Thema, das die Leitung forciere. "Reizvoll wäre ein Diskurs dazu dennoch", meint sie, "denn in der Auseinandersetzung damit kommen viele grundsätzliche Fragen auf den Tisch, die sich in der Pastorale heute stellen: Wie wird und bleibt heute jemand Christ? Wie bewusst soll die Entscheidung dafür sein? Wie kann die Beziehung zu Jesus dabei für alle Beteiligten in den Mittelpunkt rücken? Über all das mehr und konkreter ins Gespräch zu kommen, wäre gut."

An der Basis sind die Meinungen in Wien geteilt. "Der Gedanke, Firmvorbereitung mit wesentlich reiferen 16- oder 17-Jährigen zu machen, ist schon sehr verlockend", meint dazu etwa Andreas Glöckl, der in einer Wiener Pfarre die Jugendarbeit leitet. "Bewusstere Teilnahme, mehr Interesse, mehr Mittun, mehr Verständnis seitens der Teilnehmer wären sicher." Er gibt aber auch zu bedenken: "Die Firmung ist nicht nur ein spirituelles Ereignis, sondern auch eine Initiation, ein Ritual des Erwachsenwerdens. Und irgendwo in dieses Alter, nämlich 12 oder 14 Jahre, gehört sie hin. Würde man das Firmungsalter erhöhen, gäbe es definitiv weniger Teilnehmer. Der Zeitpunkt der Initiation wäre ja verpasst - und viele Jugendliche würden bereits andere Wege gehen." Und je älter die Jugendlichen, desto mehr Hobbys und außerschulische Ausbildungen nehmen die Freizeit ein. "12- oder 14-Jährige haben da einfach noch mehr Zeit", weiß Glöckl.

"Jugendgruppen lösen sich nach dem Schulabschluss auf"
Das Ehepaar Sandra und Sebastian Kaspar, das gemeinsam in der Firmvorbereitung engagiert ist, hält ebenfalls ein höheres Firmungsalter für wenig sinnvoll. Denn unter anderem könnte womöglich der Schulstress durch die bevorstehende Matura die Firmvorbereitung beeinträchtigen. "Außerdem suchen die Jugendlichen gerade in den ersten Jahren der Pubertät - also, wenn die Firmlinge zirka 14 Jahre alt sind - nach dem Sinn des Lebens und ihrem Platz in der Welt. Das bietet uns als Kirche eine große Chance, die Firmvorbereitung und die Jugendpastorale zu leben und erlebbar zu machen, weil sie hier Orientierung finden und offener neuen Strukturen und Angeboten gegenüber sind", berichtet Sandra Kaspar aus ihrer Erfahrung.

Auch der Wiener Diakon Markus Brosch findet es gut, wenn die Kirche in dieser Lebensphase "den jungen Menschen einen Halt geben kann, den sie gerade in diesem Alter brauchen - und in einer guten Firmvorbereitung können Gott, Jesus und der Heilige Geist als Freunde und konstante Wegbegleiter vermittelt werden".

Was auch für jüngere Firmlinge spricht: Sebastian Kaspar hat beobachtet, "dass sich Jugendgruppen meistens nach dem Schulabschluss aufgrund von Zeitmangel oder anderen Interessen auflösen". Das würde also bei 17-jährigen Firmlingen bedeuten, dass die Zeit, in der sie ins Pfarrleben integriert und eingegliedert werden können, noch kürzer würde.

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Dokument erstellt am 2017-09-06 16:42:06
Letzte nderung am 2017-09-06 17:18:05



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