• vom 10.10.2017, 17:26 Uhr

Chronik

Update: 10.10.2017, 20:39 Uhr

Kinder- und Jugendgesundheit

Vernachlässigt




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Von Petra Tempfer

  • Die Anzahl der Betten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie deckt weniger als die Hälfte des Bedarfs.

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Wien. Gibt es keine Betten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mehr, werden die Kranken auf der Erwachsenenpsychiatrie aufgenommen. Im Vorjahr waren das 163 Betroffene in Wien - denn hier gibt es nur 56 Betten und 20 Tagesklinik-Plätze. Kassenordinationen für Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es sechs, Wahlärzte etwas mehr als doppelt so viele. Laut dem österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) sind allerdings 0,08 bis 0,13 kinder- und jugendpsychiatrische Betten pro 1000 Einwohnern vorzusehen. Dies würde für Wien 128 bis 208 Betten bedeuten.

Österreichweit sind es rund 350 voll- und teilstationäre Behandlungsplätze (der Bedarf liegt laut ÖSG bei 860) und 26,5 Kassenstellen (Bedarf von 100), wobei es in der Steiermark und im Burgenland keine einzige Kassenstelle gibt. Das ist weit weniger als der Bedarf und mag auch daran liegen, dass es die Facharztausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater erst seit zehn Jahren gibt. Die Situation sei aber komplizierter, sagte Christian Kienbacher, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Vorstandsmitglied der österreichischen Kinderliga, am Dienstag im Rahmen einer Veranstaltung der Liga. Der 10. Oktober war zudem der Welttag der psychischen Gesundheit.

"Viele Krankenhäuser sehen wenig Sinn darin, Fachärzte für die Kinder- und Jugendpsychiatrie auszubilden, weil die Ärzte nachher weggehen", sagte er. Das Ergebnis sei ein massiver Mangel. Die im österreichischen Strukturplan Gesundheit festgelegte Grenze, dass auf 80.000 Einwohner ein Kassenvertrag kommen muss, zeichne sich nicht ab. Die Unterversorgung sei eklatant.

Kinderministerium gefordert

Und das, obwohl laut einer repräsentativen Studie aus Juni mit 3615 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen zehn und 18 Jahren fast 38 Prozent der Buben und mehr als 34 Prozent der Mädchen schon einmal unter psychischen Problemen gelitten haben. Es war die erste österreichweite, epidemiologische Studie zur Häufigkeit von psychischen Erkrankungen in dieser Altersgruppe. Die Leitung lag bei der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien im AKH in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research. Die Studie basierte auf Befragungen.

"Immer mehr Kinder und Jugendliche sind von Angst- und Essstörungen oder dem Rückzug in die virtuelle Welt betroffen", sagte auch Kinderliga-Präsident Christoph Hackspiel. Die Zunahme bei der emotionalen Vernachlässigung sei besorgniserregend, ergänzte Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin von "Die Möwe - Kinderschutzzentren". Warum das so sein könnte, erklärte Wölfl so: Eltern und andere Bezugspersonen könnten immer weniger Zeit für die Interessen ihrer Kinder aufbringen, "das Zugehen auf die Kinder fehlt zunehmend". Bereits 55.000 Kinder lebten in Stief- und Patchworkfamilien. Freilich sei auch die direkt und indirekt erlebte Gewalt nach wie vor Thema. Bei den Hilfseinrichtungen für Familien für die Zeit rund um die Geburt, das Kleinkind- und Schulalter mangle es an der nötigen Vernetzung, so Wölfl.

Die Kinderliga fordere daher von der nächsten Regierung ein Kinderministerium sowie einen Bundeskinderbeirat, sagte Hackspiel. Das Problem am existierenden Bundesministerium für Familien und Jugend sei, dass es zu Erwachsenen-orientiert sei. In einem Kinderministerium würde man "auf Augenhöhe diskutieren", die Kinder wären also eingeladen, ihre Bedürfnisse einzubringen. Der Bundeskinderbeirat könnte wiederum ähnlich dem Seniorenbeirat agieren. Dieser ist als beratendes Gremium beim Sozialministerium eingerichtet und dient dazu, den Dialog zwischen den politischen Entscheidungsträgern und Vertretern der Seniorenorganisationen in seniorenspezifischen Fragen herzustellen.

20 Prozent der Bevölkerung

In Österreich leben rund 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche. Das sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Nur sechs Prozent der Gesundheitsausgaben kämen allerdings dieser Altersgruppe zugute, sagte Hackspiel.

In den vergangenen Jahren ist zwar einiges passiert: 2012 rief der damalige Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) die Österreichische Jugendstrategie ins Leben - ein laufender Prozess zur Stärkung und Weiterentwicklung der Jugendpolitik -, und 2015 legte der Hauptverband der Sozialversicherungsträger seine Strategie für Kindergesundheit vor. Der Handlungsbedarf ist aber laut Hackspiel nach wie vor groß. Immerhin handle es sich um eine "so große und für die Zukunft Österreichs relevante Bevölkerungsgruppe".





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Dokument erstellt am 2017-10-10 17:30:09
Letzte nderung am 2017-10-10 20:39:49



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