• vom 04.12.2017, 15:28 Uhr

Chronik

Update: 04.12.2017, 16:31 Uhr

Internetsucht

Die Flucht in den Bildschirm




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Von Daniel Bischof

  • Psychiater Kurosch Yazdi betreut Internetsüchtige. Ein Gespräch über Einsamkeit, Sehnsucht und Zuwendung.

"Dem Belohnungszentrum im Gehirn ist es ziemlich egal, ob es durch Heroin oder Computerspiele belohnt wird", so Yazdi. - © afp/Oli Scarff

"Dem Belohnungszentrum im Gehirn ist es ziemlich egal, ob es durch Heroin oder Computerspiele belohnt wird", so Yazdi. © afp/Oli Scarff

Wien. Er betreut die Extremfälle: die Menschen, die sich in der virtuellen Welt verloren haben. Der Psychiater Kurosch Yazdi behandelt am Kepler Universitätsklinikum in Linz internetsüchtige Patienten. Ihre Zahl steigt. Denn mit der zunehmenden Verbreitung und Verfügbarkeit des Internets nimmt auch die Anzahl an Onlinesüchtigen zu. Insbesondere Jugendliche sind gefährdet.



Aktuelle Zahlen zur Internetsucht in Österreich gibt es zwar nicht. Zwei Studien aus 2013 gehen aber davon aus, dass drei bis vier Prozent aller Jugendlichen zwischen 15 und 18 einen krankhaften Internetkonsum aufweisen. Weitere sieben bis acht Prozent sind suchtgefährdet. "In Ländern, in denen es neuere Zahlen gibt, sehen wir einen deutlich steigenden Trend. Daher muss ich auch für Österreich davon ausgehen, dass viel mehr Jugendliche betroffen sind", sagt Yazdi.

Information

Zur Person:

Kurosch Yazdi leitet die Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler Universitätsklinikum in Linz. In seinem Buch "Junkies wie wir" beschäftigt er sich auch mit der Internetsucht.

"Wiener Zeitung": Herr Yazdi, mit welchen Suchtfällen haben Sie es in Ihrer Klinik beispielsweise zu tun?

Kurosch Yazdi: Zum Teil behandeln wir Patienten, die 18 Stunden am Tag am Computer spielen. Diese Menschen sind schwer krank. Wir haben Patienten, die sich seit Jahren nicht mehr bewegt haben. Sie kommen nicht mehr aus ihren Zimmern. Die Mütter bringen ihnen das Essen in ihre Räume, weil sie sagen, sie können ihre Kinder nicht verhungern lassen. Das bedeutet aber, dass die Jugendlichen erst recht nicht herauskommen, weil die Mama ihnen eh das Essen reinbringt. Meistens handelt es sich dabei um Burschen.

Wie ist das bei den Mädchen?

Mädchen werden eher nach sozialen Medien süchtig. Früher waren es Facebook und Twitter, jetzt sind es WhatsApp, Instagram und so weiter. Egal, was sie tun, bei ihnen läuft ständig das Smartphone mit. Sie legen das Handy nicht mehr aus der Hand. Wir hatten Mädchen bei uns, die 17 Stunden am Tag getwittert haben.

Wie entstehen solche extremen Verhaltensweisen?

Dem Belohnungszentrum im Gehirn ist es ziemlich egal, ob es durch Heroin, Prosecco oder eben Computerspiele belohnt wird. Ihm geht es nur darum, dauernd belohnt zu werden. Wenn ich das übertreibe, gewöhnt sich das Zentrum derart daran, ständig belohnt zu werden, dass es ohne diese Belohnung nicht mehr existieren kann. Der Mensch fühlt sich ohne die Belohnung schlecht und unwohl.

Und man will immer mehr haben?

Ja. Das nennt man Toleranzentwicklung. Das, was mich vorher glücklich gemacht hat, ist mir jetzt zu wenig. Ich brauche immer mehr. Das gibt es bei allen Süchten. Jeder Alkoholsüchtige hat irgendwann mit weniger Alkohol, jeder Cannabissüchtige einmal mit nur einem Joint pro Monat begonnen. Und natürlich fängt der Jugendliche nicht plötzlich an, 18 Stunden am Tag zu spielen.




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Dokument erstellt am 2017-12-04 15:32:08
Letzte nderung am 2017-12-04 16:31:37



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