• vom 14.02.2018, 08:14 Uhr

Chronik


Heilfasten

Weniger ist (manchmal) mehr




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Von Elisabeth Hewson

  • Nach den Völlerei-Tagen zu Weihnachten und traditionell vor Ostern ist das Thema Fasten besonders aktuell. Immer mehr Menschen leisten sich einen Fastenurlaub, nicht nur zu diesen Jahreszeiten. Viel zahlen für wenig Genuss, macht das Sinn?

Leere Schüssel in der Fastenzeit.  - © Fotolia

Leere Schüssel in der Fastenzeit.  © Fotolia

Fastenzeit ist oft auch Zeit der Stille. 

Fastenzeit ist oft auch Zeit der Stille. © Getty Images Fastenzeit ist oft auch Zeit der Stille. © Getty Images

Das Fastenangebot in Österreich ist vielfältig und fast "kulinarisch" zu nennen. Offensichtlich ist der Bedarf groß, sich vom üppigen Alltag, von den unüberschaubaren Genussangeboten, von übervollen Supermarktregalen, von verlockenden Fertiggerichten und Restaurants oder Wirtshäusern mit unwiderstehlichen Speisekarten zu distanzieren. Jedem Appetitanfall zu Hause kann ja schon auf der Stelle nachgegeben werden: Das Internet macht auch die exzentrischste Speiseauswahl möglich, Lieferung sofort! Die Fastenzeit wird auch immer mehr als Aufforderung für Spitzenköche verstanden, sich selbst zu übertreffen (vergleichbar mit dem Aschermittwoch, eigentlich der erste Tag der Fastenzeit, mit seinen üppigen Heringsschmäusen) – und "Fastenmenüs" auf ihre Speisekarten zu stellen. Neuester Trend: Schnecken, an und auf diesem und jenem serviert.

Dem zu widerstehen, dazu braucht es offenbar den Ausbruch aus dem gewohnten Umfeld und rigorose Speisepläne, die unter den wachsamen Augen der Mit-Faster, der betreuenden Ärzte und dem Mangel an einem vollen Kühlschrank und anderen Völlerei-Hilfsmitteln eingehalten werden müssen.

Neben der Umstellung auf "Schmalhans Küchenmeister" wird auch viel Bewegung angeboten, je nach Lage des Hotels (oder Klosters) kann man wandern, radfahren und/oder schwimmen. Gymnastik und verschiedene andere Übungen wie etwa Yoga stehen auf dem Programm. Sogar ein eigenes Fastenwandern wird angeboten, mit und ohne Yoga, mit Kräuterwanderungen und Meditation, sogar afrikanische Tänze ergänzen im Bregenzerwald das Fastenprogramm.

Fasten als Heilung?

Das Heilfasten wird ja seit Jahrtausenden praktiziert, schon Hippokrates predigte 400 vor Christus: "Sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei." Doch was wählt man unter einer Unzahl von Angeboten, sich durch Fasten zu regenerieren, zu "entschlacken", seelisch und körperlich zu reinigen? Wählt man Hotel oder Wellness-Tempel, Klöster oder Krankenhäuser oder Rehabilitationszentren? Und wer soll, kann, darf nun fasten?

Ein normalgewichtiger, gesunder Mensch kann bis zu 60 Tage auf Nahrung verzichten, ohne Schäden befürchten zu müssen. Schwangere und stillende Frauen jedoch, Menschen mit Blutungsneigung, Kinder, Menschen mit Schilddrüsenüberfunktion oder mit Durchblutungsstörungen des Gehirns, Typ-1-Diabetiker, Menschen mit Essstörung in der Vorgeschichte und Untergewichtige eignen sich auf keinen Fall für eine Fastenkur. Auch Krebskranke, denen von Scharlatanen und Boulevardzeitungen immer wieder diese oder jene Fastendiät eingeredet wird, sollten sich davor hüten: Bei genauerer Betrachtung dieser "Untersuchungen" stellt sich immer wieder heraus, dass haltlose Vermutungen angestellt werden, die Krebspatienten sinnlose und oft gefährliche Hoffnungen machen.

Heilfasten – unter professioneller Aufsicht – fördert, so wird behauptet, die in unseren Breiten nicht mehr genutzte Fähigkeit des Körpers, bestimmte Prozesse zu beeinflussen, Vorgänge im Stoffwechsel ebenso wie im Hormon-, Nerven- und Immunsystem: Die Durchblutung durch Abbau von gewissen Eiweißen im Bindegewebe soll gefördert und damit die Sauerstoffversorgung der Zellen verbessert werden; das Immunsystem, das sich nicht mehr mit diesen Eiweißstoffen beschäftigen muss, kann sich auf eventuelle Krankheiten konzentrieren; durch den Mangel an Eiweißen können auch die daraus gebildeten Antikörper reduziert werden, die Autoimmunerkrankungen wie Rheuma verursachen; und die Abführmaßnahmen schwemmen, so die Verfechter der Fastenkuren, abgestorbene Darmbakterien und Gallenflüssigkeit aus.

Nicht alles davon ist wissenschaftlich abgesichert. Medizinisch gesehen reagiert zuerst die Bauchspeicheldrüse auf das Ausbleiben von Nahrung, produziert weniger Insulin, aber mehr Glukagon. Das veranlasst die Leber, ihren Zuckerspeicher zu leeren. Am zweiten Fasttag wird das Fettgewebe mobilisiert, Eiweiß abgebaut, um daraus Zucker zu gewinnen – darauf müssen sich Gewebe und Gehirn einstellen, was einige Tage beansprucht. Danach verlangsamt sich der Eiweißabbau.

Begonnen wird meist mit einem oder zwei Vorbereitungstagen, an denen nur sehr wenig, ballaststoff-haltig und fettarm, gegessen wird. Die Darmentleerung wird durch einen Klistier (Einlauf) oder Gaben von Abführmitteln wie Glaubersalz ausgelöst, was auch das Hungergefühl vermindert, eine angenehme Begleiterscheinung. Wie es weitergeht, wird dann meist von einem Arzt erklärt, der ja schon zu Beginn festzustellen hat, ob die Person für diese oder jene Fastenkur geeignet ist.

Dass Fastende in den ersten Tagen besonders aufgekratzt wirken, liegt an dem Adrenalinschub, den der leere Magen und der sinkende Blutzuckerspiegel auslösen. Später verlangsamt sich der Puls, der Blutdruck sinkt, man fühlt sich entspannt und ruhig. Fasten kann auch antidepressiv wirken, es beeinflusst die Konzentration von Botenstoffen im Gehirn, vor allem Serotonin. Und der Kortisolspiegel, bei stressgeplagten Menschen meist erhöht, sinkt bei diesen, bei teilnahmslosen Menschen mit wenig Kortisol im Blut hingegen steigen die Werte.

Erwiesen nachhaltig positiv – drei Monate nach Fastenende untersucht – ist eine leichte Stärkung des Immunsystems und die Verbesserung rheumatologischer Arthritis. Auch hat sich Schmerzlinderung bei Rückenproblemen und degenerativen Gelenkserkrankungen gezeigt, dies kann aber auch auf die Gewichtsreduktion, auf vermehrte Bewegung und Ernährungsumstellung zurückzuführen sein.

Negativ bewertet wird der Jo-Jo-Effekt, der bewirkt, dass man nach öfteren Fastenkuren mehr wiegt als zuvor. Der Grund ist das Rettungsprogramm des Körpers, das nach einer "Hungersnot" jedes Mal größere Fettreserven anlegt als zuvor.

Hungern mit und ohne Methode

Ärzte und (teilweise selbst ernannte) Ernährungsexperten haben verschiedene Arten des Heilfastens entwickelt, von Dr. Otto Buchinger, einem deutschen Arzt (1878 – 1966), der Gemüsebrühe, Säfte und Honig, dazu Einläufe zur Darmreinigung und Bewegung, Leberwickel und Trockenbürsten verordnet, bis zu Dr. Franz Xaver Mayr, 1875 in Gröbming geboren (+ 1965) mit seiner Theorie der Bauchformen (Kotbauch, Gasbauch...) und seiner "Milch-Semmel-Diät", die heute durch einen individuellen Ernährungsplan ergänzt wird.

Es gibt Saftfasten nach Breuß, Gemüsebrühe mit Eiweißzusatz nach Markert, Früchtefasten (Früchte, Nüsse, Gemüse, Kräuter); Molke-Fasten, bei dem ein Liter Molke pro Tag getrunken wird, dazu Obstsaft und 3 Liter Wasser, Sauerkraut- und Pflaumensaft; Teefasten und Schrothkuren, bei denen sich Trinktage und Trockentage abwechseln...

"Basenfasten" wird propagiert, das angeblich zu "Entschlackung" und "Entgiftung" des Körpers führt, den Körper die überschüssige Säure durch die Ernährung mit basischen Nahrungsmitteln ausscheiden lässt. Das ist Humbug, der weitaus größte Teil der Säuren im Körper entsteht im Stoffwechsel, nur ein geringer Teil wird über die Nahrung aufgenommen. Im Körper existieren einige Puffersysteme, die regulierend eingreifen, um den pH-Wert konstant zu halten, wie die Atmung und die Nieren. Funktioniert ein Teil davon nicht, reagiert ein anderer, der Organismus sorgt vollautomatisch für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts. Wenn eine Veränderung des pH-Wertes im Körper passiert, ist der Grund meist eine Erkrankung der Atemwege, starkes Erbrechen, Durchfall oder Nierenerkrankung. Mit basischer oder nicht-basischer Ernährung hat das absolut nichts zu tun. Dazu eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: "Eine basen-überschüssige Kost bringt keine nachweisbaren gesundheitlichen Vorteile. Eine Übersäuerung des Körpers ist beim Gesunden nicht zu befürchten, da Puffersysteme den Säure-Basen-Spiegel im Blut und Gewebe konstant halten."

Neu und wirklich vielversprechend ist die Entdeckung der Autophagie. Seit der Nobelpreis für Medizin und Physiologie 2016 an den japanischen Zellbiologen Yoshinori Ohsumi für seine Arbeit über Abbau- und Recyclingprozesse in den Zellen ausgezeichnet wurde, hat das Fasten wieder einen wichtigen Fürsprecher gewonnen: Entfällt nämlich die Energiezufuhr von außen, beginnen Zellen, eigene Zellen zu verdauen, nämlich den Zellmüll (wie deformierte oder beschädigte Proteine) zu entsorgen. Studien weisen darauf hin, dass Fasten diese Autophagie auslöst und dadurch lebensverlängernd, verjüngend und regenerierend wirkt. Man vermutet, dass so auch Eindringlinge wie Viren, Bakterien oder andere Mikroorganismen in der Zelle bekämpft werden können. Damit kommt der Autophagie bei Infektionen, in Alterungsprozessen und bei der Entstehung von Tumoren und anderen Krankheiten eine Schlüsselfunktion zu. Wichtig ist dabei eine längere Fasten-Zeitspanne, etwa 24 Stunden: Einen Tag fastet man bei Tee, Wasser und Suppe, am nächsten isst man ganz normal. Die schlechte Nachricht: Ein Fastenurlaub hilft da wenig, man muss diese Diät ein Leben lang durchhalten.

Fastende Stille

Besonders beliebt sind Klöster, die Fastengäste aufnehmen. Die meist prachtvollen Gemäuer, die seit vielen Generationen Stille pflegen, diese völlig andere Welt, der Schutz und das Geborgensein hinter dicken Mauern hilft offenbar besonders beim Fasten und Sich-auf-sich-selbst-besinnen. Im ORF-Beitrag "Kreuz und quer, Fasten im Kloster" (bereits vom 3. April 2012, aber in der Mediathek immer noch zu sehen), beschreiben verschiedene Menschen ihre Erfahrungen mit dem Aussteigen aus der normalen Welt, einer Woche ohne Internet, ohne Telefon, auch ohne Worte – ab dem zweiten Tag wird geschwiegen. Außer beim Gespräch mit einem Mönch, täglich eine halbe Stunde. Und dem Besuch bei der Ärztin.

Morgens gibt es eine altbackene Semmel, die man in schweigender Gesellschaft langsam und meditativ kaut, mittags wird klare Suppe verschiedener Farbe aufgetischt, keiner weiß, woraus, keiner fragt. Abends wird gemeinsam in der Kirche gesungen, dann zieht sich jeder in sein einfaches Zimmer zurück. Für nicht religiöse Menschen vielleicht zu viel des Betens, aber auf alle Fälle eine gute Gelegenheit der Besinnung auf sich selbst. "In dieser Woche kann man nur sich selbst belügen." "So kann man Kraft holen zum Nein sagen." "Primär sind nicht die paar Kilos, die man abnimmt, sondern das Freiwerden von allem, was das Leben belastet." Ein paar Aussagen der Klosterfaster.

Fastenwahn

Wird das Fasten, nachdem alle Fettreserven aufgebraucht sind, weitergeführt (die erwähnten 60 Tage), wird das Eiweiß sehr schnell abgebaut, man stirbt ohne erneute Nahrungszufuhr. Wird auf Dauer zu wenig gegessen, als Krankheitsbild kennt man die Magersucht (entweder "Anorexie", nervöse Appetitlosigkeit, oder "Bulimie", absichtliches Erbrechen), leidet man bald nicht nur an Muskelschwund und Osteoporose, Zahnfäule und Speiseröhrenentzündung, es kommt zu Verstopfung, zu ständigem Frieren, zum Ausbleiben der Regelblutung und Potenzstörungen, die Gehirnmasse bildet sich zurück, Herzrhythmusstörungen, Krämpfe und Nierenschäden treten auf: Der Körper beginnt, sich "selbst zu verdauen". Todesfolgen, zum Beispiel bei einigen Supermodels, sind bekannt.

Eine entsetzliche Verirrung war (ist!) auch die "Umstellung" auf "Lichtnahrung". Sogar ein unkritischer Film, "Am Anfang war das Licht", der durch angeblich wissenschaftliche Tests glauben machen will, dass diese unmögliche Nahrungsaufnahme funktioniert, wurde 2010 gedreht. Da behaupten verschiedene Männer, unter anderem ein indischer Guru, seit Jahren nur von Licht zu leben, was ihnen eine mentale Einstellung, eine Erleuchtung, ermöglicht. Auch im Internet verbreitete sich dieser Wahnsinn, man konnte schließlich junge Frauen beim langsamen Absterben beobachten. Wer ins Internet schaut, kann noch immer Anleitungen zu dieser mörderischen "Befreiung von der Materie" mit Anleitung und Empfehlungen für das entsprechende Channeling finden.





Schlagwörter

Heilfasten, Fasten, Fastenzeit

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Dokument erstellt am 2018-02-13 15:54:43
Letzte nderung am 2018-02-14 08:13:22



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