• vom 01.01.2016, 17:33 Uhr

Leichte Sprache

Update: 02.01.2016, 04:26 Uhr

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Leichte Sprache und der Abbau von Barrieren




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  • Barrierefreie Kommunikation ist noch lange nicht erreicht.

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Die Brailleschrift ist nur ein Mosaikstein auf dem Weg zur Barrierefreiheit.

Die Brailleschrift ist nur ein Mosaikstein auf dem Weg zur Barrierefreiheit.© Corbis/Shingo Tosha Die Brailleschrift ist nur ein Mosaikstein auf dem Weg zur Barrierefreiheit.© Corbis/Shingo Tosha

Wien. Barrierefreie Gebäude, barrierefreier öffentlicher Verkehr, Kulturangebote ohne Barrieren: Mit 1. Jänner endeten sämtliche Übergangsbestimmungen für die Umsetzung der Barrierefreiheit in Österreich. Gemäß dem Behindertengleichstellungsgesetz muss bis dahin der Zugang zu allen vom Bund und von Privaten angebotenen Waren und Dienstleistungen barrierefrei sein. Wer glaubt, Barrierefreiheit auf einen rollstuhlgerechten Zugang zum Geschäft oder WC reduzieren zu können, irrt allerdings. Denn diese bezieht sich nicht nur auf Gebäudeumbauten, sondern auch auf Kommunikation und Information.

Brailleschrift und Gebärdensprache genügen hier nicht. Genau dieses Kapitel der Barrierefreiheit wurde aber offenbar am häufigsten überlesen. Denn während Gebäudeumbauten zwar auch noch nicht vollständig umgesetzt, aber dennoch vorangeschritten sind, so sind eine barrierefreie Kommunikation und Information noch lange nicht erreicht. Und das, obwohl diese schon seit 2006 fix gelten und die Übergangsfrist für Webseiten bereits 2008 geendet hatte.

Der Hintergrund: Mit 1. Jänner 2016 trat das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz von 2006 nach einer zehnjährigen Übergangsfrist in vollem Umfang in Kraft: Niemand darf aufgrund einer Behinderung unmittelbar oder mittelbar diskriminiert werden. Im Bereich Kommunikation und Information sind im engeren Sinn - bezogen auf das Gesetz - "Menschen mit Lernschwierigkeiten" betroffen, deren Zahl bei 85.000 (Statistik Austria) liegt.

Im weiteren Sinne gibt es in Österreich knapp eine Million Menschen, die sich beim Lesen nicht leicht tut. Zum Vergleich: Rollstuhlfahrer gibt es laut Aufzeichnungen der Statistik Austria rund 50.000, Gehörlose rund 2000 und rund 3000 Blinde.

"Informationen sollen ankommen"

Um umständliche Texte in komplizierter Sprache verständlich zu machen, wurde die "Leichte Sprache" entwickelt. Diese basiert auf einem eigenen, europäischen Regelwerk, das inzwischen wissenschaftlich untersucht und weiterentwickelt wird. In Österreich hat das Social Franchise Netzwerk Capito Wien rund 170 Kriterien erarbeitet, die ein Text erfüllen muss ("Leicht Lesen. Der Schlüssel zur Welt", www.capito.eu). Diese Qualitätsstandards sind TÜV-geprüft. Wer sie erfüllt, erhält das "Leicht Lesen"-Gütesiegel. Der Domus Verlag hat sich auf die Übersetzung in "Leichte Sprache" spezialisiert. Der Fokus liegt auf Wirtschaft. Wohnen, Banken, Versicherungen und allgemeine Wirtschaftstexte fallen darunter. Überlange Sätze, Fremdwörter und Zahlenfriedhöfe werden vermieden, die Verständlichkeit durch Layout und Grafik wird verbessert.

Um sicher zu stellen, dass die Texte tatsächlich beim Zielpublikum ankommen, werden sie von Kontrollgruppen getestet. "Menschen mit Behinderung müssen relevante Texte möglichst ohne fremde Hilfe lesen und verstehen können", erklärt Herbert Zach, Verlagsleiter des Domus Verlags. "Informationen sollen bei der Zielgruppe ankommen, egal, ob es sich um Mitteilungen, Folder, Gebrauchsanleitungen, Hausordnungen, Sicherheitshinweise, Anleitungen und Regelwerke handelt, online und in Print."

Als besonders wichtig gilt der Einsatz von "Leichter Sprache" bei rechtlichen Vorschriften, bei Wohnungsfragen und Mieten, in der Schuldnerberatung oder in allgemeinen finanziellen Fragen. "Mit der ,Leichten Sprache‘ ist es wie bei einem sensorgesteuerten Wasserhahn. Hände darunter halten, und schon fließt das Wasser. So wird selbstständiges Händewaschen auch für Menschen mit Behinderung möglich", sagt Zach.

Ihren Ursprung hat "Leichte Sprache" in den USA. Zur Jahrtausendwende kam sie nach Europa und verbreitete sich zunächst in Deutschland mit Bremen als geografischem Zentrum. Während in Österreich einschlägige Anbieter wie der Domus Verlag oder Capito noch eher selten zu finden sind, bieten im Nachbarland Deutschland bereits mehr als 80 spezialisierte Büros Übersetzungen an. Parteien, Politiker, Ministerien, Gemeinden und Unternehmen greifen darauf zu.

Weniger Rückfragen durch "Leichte Sprache"

In Österreich sind schon große Firmen wie die Bank Austria, die ÖBB und die Österreichischen Lotterien auf den Zug der Barrierefreiheit aufgesprungen und haben darüber in einer Fachtagung berichtet. Fazit: Wer seine Kunden kurz und prägnant über Wesentliches informiert, habe deutlich weniger Rückfragen per Telefon und per Mail, hieß es.

Denn diese Art der Barrierefreiheit ist nicht nur für rund zehn Prozent der Österreicher essenziell. Zählt man Menschen mit Beeinträchtigungen dazu und all jene, die eine andere Muttersprache sprechen, ist sie für 40 Prozent eine wichtige Stütze. Und für 100 Prozent ist sie einfach komfortabel.





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Dokument erstellt am 2016-01-01 17:38:11
Letzte nderung am 2016-01-02 04:26:26



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