• vom 24.07.2012, 18:06 Uhr

Politik

Update: 24.07.2012, 18:35 Uhr
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Alfons Riedel, der 1935 eine Botschaft in der Krypta hinterließ, war kein Schüler von Nazi-Bildhauer Frass

Zuerst Sozialdemokrat, dann Mitglied der NSDAP


Von Katharina Schmidt

  • Bildhauer trat den Nationalsozialisten bei - "aus wirtschaftlichen Gründen".


© Fotos: Künstlerhaus Archiv (6), Bundesheer/Roman Icha (1) © Fotos: Künstlerhaus Archiv (6), Bundesheer/Roman Icha (1)

Wien. Der Stapel ist erstaunlich dick. Zehn Zentimeter zwischen zwei Aktendeckeln - teilweise nur auf dünnem Durchschlagpapier gedruckt. Und aus Staub, alten Rechnungen, Bettelbriefen und verblassten Schwarz-Weiß-Fotografien formt sich langsam ein Bild von einem, der seit Donnerstag die Fantasien der Historiker anregt. Wer war Alfons Riedel, jener Mann, der im Jahr 1935 ein "pazifistisches Schreiben" im Denkmal des "toten Soldaten" in der Krypta im Burgtor versteckt hat? Seit der Entdeckung dieses Briefes in einer gemeinsamen Kapsel mit dem nationalsozialistischen Huldigungsschreiben des Bildhauers Wilhelm Frass vergangene Woche wird davon ausgegangen, dass Riedel Frass’ Schüler gewesen sein könnte - und womöglich ohne dessen Wissen einen ideologischen Kontrapunkt setzen wollte.

Ganz so dürfte es aber nicht gewesen sein, wie die Aktenlage zeigt. Der "akademische Bildhauer" Alfons Riedel wurde am 31. Juli 1901 in Wien geboren. Er dürfte eine Art Wunderkind der Bildhauerei gewesen sein: Sein Vater, der Ziseleurmeister Ignaz, schickte den erst 15-Jährigen zum Bildhauer Carl Philipp in die Lehre. Von 1918 bis 1925 studierte Riedel an der Akademie der Bildenden Künste bei Josef Müllner.

Wilhelm Frass (1886-1968) taucht in den Akten allerdings nie als sein Lehrer auf. So erwähnt Riedel in seinem Aufnahmeantrag an den Verein Künstlerhaus vom 27. Mai 1935 unter der Rubrik "Schüler von wem?" Philipp und Müllner, Frass taucht eine Spalte weiter unten auf.

Drei Monate Türkei
mit Wilhelm Frass

"3monatlicher Aufenthalt als Mitarbeiter Prof. Frass in Ankarra (sic!) und Konstantinopel", schreibt Riedel in seinem Antrag, der übrigens nur einen Monat nach dem Krypta-Schreiben datiert ist. Ein Foto, das sich in Frass’ Akte befindet, beweist, dass dieser 1927 in der Türkei offenbar mit der Erstellung einer Statue betraut war. Die viel zeitnahere Mitarbeit am "toten Soldaten", die es ja in irgendeiner Form gegeben haben muss, erwähnt Riedel in seinem Antrag an das Künstlerhaus mit keinem Wort.

Auch gibt er seinen Kontakt zu Frass nur sehr selten preis: In den zahlreichen Lebensläufen, die sich in der Akte finden, erwähnt er die gemeinsame Türkei-Reise nur selten. Frass wurde nach 1945 wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP aus dem Verein Künstlerhaus gestrichen, aber - wie so viele - Anfang der 1950er Jahre wieder aufgenommen. Riedel dürfte bis zu Frass’ Tod mit ihm Kontakt gehabt haben. So findet sich bei den Akten ein Schreiben aus dem Jahr 1960, das Riedel als Präsident des Berufsverbands der bildenden Künstler an das Künstlerhaus richtet. Darin bittet er für Frass um Hilfestellung, damit der mittlerweile 73-Jährige in den Genuss einer Rente kommen kann.

Ein "Boxer" für Olympia,
ein Preis für die "Danae"

Riedel war anscheinend sowohl streitbar wie auch sozial eingestellt. So setze er sich in den 1950er Jahren vehement für eine Novelle des Künstlersozialversicherungsgesetzes ein, ebenfalls in diese Zeit fällt ein Beschwerdeschreiben an die Stadt Wien. Darin echauffiert er sich darüber, dass die Plastiken in den Gemeindebauten immer wieder Vandalismus ausgesetzt sind. Überhaupt war der Bildhauer stets auf öffentliche Aufträge angewiesen: Bereits im Jahr 1932 gestaltete er ein Bronze-Relief im Domeshof im Auftrag der Gemeinde Wien. Auch sonst finden sich in zahlreichen Gemeindebauten bis heute Skulpturen von Riedel, etwa vor dem Kopenhagen-Hof auf der Billrothstraße in Döbling oder das 1933 gestaltete Wildgans-Denkmal im Wildganshof in Wien-Landstraße.

1936 entsandte Riedel aus dem ständestaatlichen Wien die Statue "Der Boxer" zu den Olympischen Spielen ins Berlin der Nazi-Zeit. Im selben Jahr entstand die "Danae", eine Skulptur, auf die Riedel zeitlebens besonders stolz war und die heute noch, verdeckt von Gebüsch und einem Baugerüst, vor dem Künstlerhaus am Karlsplatz schlummert. Noch 1936 erhielt er für dieses Werk den Staatspreis, nach dem Krieg folgten der Preis des Unterrichtsministeriums, der Professorentitel und das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.

Dennoch: Gut leben konnte Riedel weder von den Preisen noch von den staatlichen Aufträgen, die bald nach dem Krieg wieder hereintrudelten: 1952 erhielt er 3500 Schilling für die Schaffung einer Jodok-Fink-Medaille vom Unterrichtsministerium, 1956 renovierte er die Figuren der Ankeruhr am Hohen Markt. Bereits vor dem Anschluss an Nazi-Deutschland war der Bildhauer aber mehrmals von der Delogierung bedroht. In den Akten finden sich immer wieder Bettelbriefe, in denen er selbst oder das Künstlerhaus in seinem Namen um finanzielle Unterstützung ansucht. Oft wird ihm diese gewährt, manchmal borgt sich Riedel auch Geld vom Künstlerhaus aus - zur Überbrückung, bis von anderer Stelle eine Subvention fließt. Auch im Jahr 1940, also mitten in der Nazi-Zeit, bekommt er 100 Reichsmark aus einem Unterstützungsfonds.

Finanzielle Not,
schlechte Auftragslage




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-24 18:11:06
Letzte Änderung am 2012-07-24 18:35:12


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