Wien. (zaw) Für ÖVP-Obmann Michael Spindelegger ist das differenzierte Schulsystem inklusive Gymnasium Langform das "Nonplusultra", wie er sowohl im ORF-Sommergespräch am Montagabend, als auch am Dienstag am Rande des Ministerrats bekräftigte: Eine Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen "wird es nicht geben". Auch Klubobmann Karlheinz Kopf verwies auf die "klare Position der ÖVP": Aufwertung der Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen, Beibehaltung des Gymnasiums - "und das ist es".

Das sehen allerdings nicht alle in der ÖVP so. Am Montag hat Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) angekündigt, in seinem Bundesland Gesamtschulversuche in Modellregionen durchführen zu wollen. Ein Denkverbot gebe es nicht, heißt es dazu von der ÖVP-Spitze. Allerdings werde er mit Platter, mit dem er das Thema bereits erörtert habe, "genau abstimmen, was man erproben will", so Spindelegger. Eine Aufweichung der ÖVP-Position bedeute das aber nicht.
Laut dem Sprecher von Platter sind jetzt Experten am Zug, einen Versuch auszuarbeiten. Konkretes, etwa an welchem Standort ein Schulversuch durchgeführt werden soll, werde es wohl Ende des Jahres geben, hieß es zur "Wiener Zeitung". In Vorarlberg will man sich das Tiroler Pilotprojekt anschauen, einen eigenen Versuch initiieren wolle man aber nicht, erklärte Schullandesrat Siegmund Stemer (ÖVP) am Dienstag.
Landespolitisches Kalkül?
Aus Sicht der Tiroler AHS-Lehrergewerkschaft ist Platters Vorstoß in Sachen Gesamtschule weniger bildungspolitischen Überlegungen geschuldet, als wahltaktischem Kalkül. So sieht der Tiroler Lehrervertreter Karl Digruber in Platters plötzlicher Liebe für die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen einen Kuhhandel mit der Innsbrucker Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer von der Liste "Für Innsbruck".
Diese segle, so Digruber, "schon lange auf Gesamtschulkurs". Platter erhoffe sich wohl eine Wahlempfehlung der Ex-ÖVP-Politikerin für die Landtagswahl im kommenden Jahr, so der Gewerkschafter, der den Landeshauptmann als "bildungspolitischen Geisterfahrer" bezeichnete. Aus dem Büro von Platter heißt es dazu lediglich: "Das kommentieren wir nicht einmal."
In der SPÖ jubelt man über das Bröckeln der schwarzen Anti-Gesamtschul-Front. So verspürt Bildungsministerin Claudia Schmied "große Freude" und sieht in der ÖVP schon länger einen "differenzierten Zugang" zum Thema. Sie verweist auf Gesamtschulforderungen schwarzer (Ex-)Politiker wie Christoph Leitl, Bernd Schilcher und Andreas Schnider, oder der Industriellenvereinigung.
"Engpässe, kein Mangel"
Recht entspannt ist die Unterrichtsministerin in Sachen Lehrermangel, den Lehrergewerkschaft und Teile von Opposition und ÖVP orten. Von einem Mangel könne keine Rede sein, so Schmied, in einzelnen Bereichen gebe es höchstens Engpässe. Solche gebe es in Wien und Vorarlberg und dort vor allem in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern. Die Lage sei aber "nicht dramatisch, sondern gut bewältigbar". Dass vielerorts Lehramtsstudenten eingesetzt werden ist für die Ministerin "kein Armutszeugnis", schließlich stünden diese knapp vor ihrem Abschluss.
In Wien sind derzeit laut Stadtschulratpräsidentin Susanne Brandsteidl exakt 107 Stellen nicht besetzt: 79 im Pflichtschulbereich, 28 in der Oberstufe. Mit 22.108 beschäftigten Lehrern sei man aber "gut aufgestellt. Jedes Kind hat seinen Lehrer, es gibt keine Unterversorgung", so Brandsteidl.
Auch Vorarlberg kämpft mit einem Lehrerengpass, laut Schullandesrat Stemer ist die lehrplanmäßige Vollbesetzung aber gewährleistet. Dafür sorgen auch 20Lehrer, die in Bayern und Baden-Württemberg angeworben wurden. Dazu seien aber Mehrdienstleistungen notwendig. Außerdem werde das Thema Karenzierung restriktiv gehandhabt. "Wir kommen damit über die Runden", sagt Stemer zur "Wiener Zeitung", trotzdem würde er sich "eine Reserve" von jeweils etwa 20 Volks-, Mittelschul- und Bundesschullehrern wünschen, um Ausfälle aufgrund etwa von Mutterschutz oder Krankheiten kompensieren zu können.
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