• vom 20.03.2013, 17:26 Uhr

Politik

Update: 20.03.2013, 17:39 Uhr

Urheberrecht

"Partei für Hacker und Hackler"




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Clemens Neuhold

  • Zu Gast beim Deutsch-Österreichischen Piratentreffen in Wien
  • Die Piraten wollen nicht nur Partei der Nerds, sondern auch des Prekariats sein.

Nordwind vom Berliner Pirat Reinhardt (r.) können Austro-Piraten im Wahljahr brauchen.

Nordwind vom Berliner Pirat Reinhardt (r.) können Austro-Piraten im Wahljahr brauchen.© Palavra Press Nordwind vom Berliner Pirat Reinhardt (r.) können Austro-Piraten im Wahljahr brauchen.© Palavra Press

Wien. Die Piraten wollen auch in Österreich die Politik entern. Von Erfolgen wie in Deutschland können sie aber nur träumen. Fabio Reinhardt von den deutschen und Werner Reiter von den Austro-Piraten über freies Netz, freies Grundgehalt und freies Kiffen.

Information

 Zu den Personen

Fabio Reinhardt (33) ist seit 2008 bei den deutschen Piraten. Im Wahlkampf 2009 koordinierte er die Presse der Piraten, 2011 zog er ins Abgeordnetenhaus von Berlin ein.

Werner Reiter (42) ist Kommunikationsberater und Mitglied im fünfköpfigen Vorstand der österreichischen Piraten.

Werbung

"Wiener Zeitung": Die Piraten haben in Niederösterreich 700 Stimmen geholt, im deutschen Nordrhein-Westfalen 600.000. Was ist der Unterschied?

Werner Reiter: Niederösterreich ist ein hartes Pflaster. Wir sind außerdem nur in Gänserndorf angetreten. In Kärnten haben wir landesweit ein Prozent geholt.

Fabio Reinhardt: In Deutschland rutschten wir durch frühere Wahlerfolge in die Parteienfinanzierung rein und konnten dadurch eine schlagkräftige Organisation aufbauen.

Trotzdem: Wäre es als IT-Abteilung der Grünen nicht einfacher? Mit denen gibt es viel Ähnlichkeit.

Reiter: Das hätte man auch die Grünen in den 80er Jahren fragen können, warum sie nicht die Öko-Abteilung der Sozialdemokratie werden.

Reinhardt:Die Grünen haben die Technologiefeindlichkeit nicht überwunden, sie glauben weiter an den Mythos Vollbeschäftigung und sprechen eher Gebildete an. Wir sprechen das Prekariat mehr an. Wir sind für Hacker und "Hackler", wie ihr Wiener sagt.

Reiter: Außerdem kippen die Grünen in eine Regulierungswut, die nicht unserem liberalen Menschenbild entspricht.

Wie sprechen Sie das Prekariat - vom selbständigen Grafiker bis zum Billa-Regalschlichter - an?

Reinhardt: Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen für jeden. Das soll die Grundbedürfnisse abdecken und die bisherigen Transferleistungen ersetzen. Wenn Vollbeschäftigung künftig wegen des technologischen Wandels und der Rationalisierung in den Betrieben immer unrealistischer wird, muss ich den Menschen auf diese Weise wirtschaftliche - und kulturelle - Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.

Was ist noch typisch piratisch?

Reinhardt: Die neue Art der Demokratie. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.

Reiter: Die Debatte ist total transparent und kann von jedem im Internet verfolgt werden.

"Transparenz" heftet sich derzeit jede Partei auf die Fahnen, Frank Stronach will jede Regierungssitzung per "Videokamera" filmen.

Reinhardt: Stronach: Ist das nicht dieser 80-jährige Milliardär, zu dem die Abgeordneten rüberwandern und niemand weiß, was da vorher besprochen wurde? Wenn sich der für Transparenz einsetzt, ist das so, als würde sich der Papst für sexuelle Offenheit einsetzen. Der Unterschied zwischen uns und Typen wie Stronach oder Beppo Grillo ist: Es gibt bei uns keine Führungsfigur.

Reiter: Ein Beispiel für Transparenz, wie wir sie verstehen: Vor der Wiener Volksbefragung haben wir am Stephansplatz und im Internet auf www.besserefragen.at Bürger gefragt, worüber sie wirklich abstimmen wollen.

Mit den deutschen Piraten verbindet man derzeit hauptsächlich interne Streitereien.

Reinhardt: Durch transparente Arbeitsweise bekommt man Streitereien stärker mit. Die Medien drucken jeden Streit ab. Aber natürlich wurden auch Fehler gemacht.

Die Piraten sind die Internet-Partei. Was kümmern einen Hackler Urheberrechte oder Netzfreiheit?

Reiter: Das Internet ist das Rückgrat unserer Demokratie. Dort findet die Meinungsbildung statt. Je stärker die Kontrolle, desto stärker die Zensur und größer die Gefahr für die Demokratie.

Ein Beispiel: Mit der Vorratsdatenspeicherung, die zur Terror-Abwehr gedacht war, soll auch die Verletzung von Urheberrechten im Netz verfolgt werden. Dadurch werden Besucher von Tauschbörsen in die Nähe von Terroristen gerückt.

Reinhardt: Die EU arbeitet am wissenschaftlichen Projekt Indect, das zu Ende gedacht Grundlage für einen Überwachungsstaat sein kann. Von der Norm abweichendes Verhalten im Internet wird damit aufgespürt. Je stärker die Unruhe der Menschen in Krisenländern wie Griechenland, desto größer der Druck, solche Überwachungstechnologien zur Kontrolle der Menschen auch einzusetzen.

Reiter: Wer definiert außerdem, was die Norm ist?

Für Internet-Hacker ein Horror . . .

Reinhardt: Schon jetzt ist Software, die Schwachstellen sucht, verboten. Das ist völlig Gaga. Es ist gut, Fehler aufzuspüren.

In welchem Verhältnis stehen die Piraten zu den Netz-Revoluzzern Wikileaks oder Anonymous, die Hackerangriffe auf Homepages oder Datenbanken von Behörden machen und Akten ins Netz stellen?

Reinhardt: Unser Verhältnis zu Wikileaks ist positiv. Ich hatte mit dem Gründer Julian Assange schon Kontakt. Wir haben Wikileaks geholfen, Daten zu retten. Als Organisation haben sie aber versagt, weil sie zentralistisch und intransparent wurden.

Reiter: Im Grundsatz haben wir dieselben Ziele. Aber persönliche Daten wie Namen von Polizisten zu veröffentlichen, halte ich für verwerflich.

Ihr fordert, dass Privatpersonen Filme, Songs oder Bücher im Netz legal tauschen dürfen. Wie sollen Künstler, Autoren und Songschreiber dann noch Geld verdienen?

Reinhardt: Es ist völliger Blödsinn, dass es dann keine Künstler mehr gäbe. Der Anteil der Einkommen, der Menschen übrig bleibt, um in Kunst und Unterhaltung zu investieren, ändert sich doch nicht. Die Leute sind weiterhin bereit, dafür zu bezahlen. Es ist die Industrie, die sich weigert, neue Modelle zuzulassen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-03-20 17:29:04
Letzte Änderung am 2013-03-20 17:39:34



Österreich hat gewählt

Hier finden Sie die Ergebnisse aus allen Bundesländern
Zu den Ergebnissen


Werbung



Wissenswertes zur Nationalratswahl 2017 in unserem Live-Blog. Zum Wahl-Blog


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der englische Blick auf die FPÖ
  2. "Kurz schlägt große Skepsis entgegen"
  3. Blaupause aus Brüssel
  4. Die Zeichen stehen auf Schwarz-Blau
  5. Grün ist die Hoffnung
Meistkommentiert
  1. Kern und Kurz schenkten sich (fast) nichts
  2. "Kurz schlägt große Skepsis entgegen"
  3. SPÖ stimmt für Gespräche mit ÖVP und FPÖ
  4. Das rot-grüne Bündnis
  5. Lunacek und Felipe geben auf


Werbung


Werbung