• vom 10.01.2014, 18:25 Uhr

Politik

Update: 10.01.2014, 21:02 Uhr

Kapitaleinkommen

Die totale Ungleichheit




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Von Reinhard Göweil

  • WU-Studie: In Österreich lukriert ein Prozent der Haushalte 8000 Euro monatlich an Kapitaleinkommen.
  • Mittelwert bei Zins-, Dividenden- und Mieteinkünften liegt bei nur 200 Euro jährlich.

WZ exklusiv: Eine neue WU-Studie belegt eine totale Ungleichheit beiKapitaleinkommen, das reichste Prozent lukriert 100.000 Euro jährlich. - © WU, IWF, Fotolia

WZ exklusiv: Eine neue WU-Studie belegt eine totale Ungleichheit beiKapitaleinkommen, das reichste Prozent lukriert 100.000 Euro jährlich. © WU, IWF, Fotolia

Das Gesamtvermögen im Verhältnis zur Bevölkerung.

Das Gesamtvermögen im Verhältnis zur Bevölkerung.© WU, IWF, Fotolia Das Gesamtvermögen im Verhältnis zur Bevölkerung.© WU, IWF, Fotolia

Wien. Dass in Österreich die Vermögen sehr ungleich verteilt sind, ist mittlerweile bekannt. Wie reich die Superreichen aber wirklich sind, zeigt nun eine Studie der Wirtschaftsuniversität, die erstmals gemacht wurde und der "Wiener Zeitung" exklusiv vorliegt. Demnach herrscht bei der Verteilung der Kapitaleinkommen, also jener Einkünfte, die der Rendite des Vermögens entspringen, die totale Ungleichheit. Während der Mittelwert aus Einkommen aus Zinsen, Ausschüttungen (Dividenden) und Mieterträgen in Österreich bei 200 Euro jährlich liegt, erfreut sich das reichste Prozent der Haushalte über monatliche Zuwendungen von knapp mehr als 8000 Euro daraus.

Ein Drittel der oberen Jahres-Einkommen
Etwa ein Drittel des jährlichen Gesamteinkommens der "Superreichen" kommen aus diesem Topf - und verschärfen die bisher bekannte Vermögens-Ungleichheit beträchtlich. Die Studie wurde bei der WU Wien von der Arbeiterkammer in Auftrag gegeben.

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Studienautor Mathias Moser vom Institut für Geld- und Finanzpolitik der WU zur "Wiener Zeitung": "Unser Auftrag lautete, den Zuverdienst aus Kapitaleinkommen zu errechnen, und das Ergebnis hat uns in dieser Deutlichkeit überrascht. Es geht klar hervor, dass es bei Kapitaleinkommen keinen Mittelstand in Österreich gibt. 90 Prozent haben keine nennenswerte Kapitaleinkünfte, sie sind auf das oberste Prozent konzentriert." In der Studie heißt es wörtlich: "Ein besonderer Fokus liegt hier auf dem obersten Einkommensperzentil. Das durchschnittliche Einkommen aus Vermögen macht hier ein Drittel des gesamten Primäreinkommens oder etwa 100.000 Euro aus."

Vermögensstudie der Notenbank als Basis

Die Bevölkerung im Verhältnis zum Vermögen.

Die Bevölkerung im Verhältnis zum Vermögen.© WU, IWF, Fotolia Die Bevölkerung im Verhältnis zum Vermögen.© WU, IWF, Fotolia

Als Basis wurde die Studie der Nationalbank über die Vermögensverteilung herangezogen, die im Vorjahr für enormes Aufsehen sorgte - und eine politische Debatte um Vermögenssteuern entfachte. "Wir sind überzeugt, dass dies eine konservative Berechnung ist, weil die sehr großen Vermögen im Land nach wie vor statistisch nur unzureichend erfasst sind", erklärt Moser von der WU Wien weiter.

Trotzdem ist die ungleiche Verteilung enorm. Die soziale Balance wird mit dem sogenannten Gini-Index bemessen - benannt nach seinem Erfinder, den italienischen Soziologen Corrado Gini. 0 ist völlige Gleichheit, 1 ist die totale Ungleichheit (einer besitzt alles). Österreichs Gini-Index bei den Kapitaleinkommen wird von den Experten der Wirtschaftsuniversität mit 0,91 berechnet, ein tatsächlich extremer Wert. "Lediglich in den obersten Perzentilen übersteigen die Jahreseinkommen aus Vermögensbesitz ein Niveau, das weitere Einkommensquellen für den Lebensunterhalt entbehrlich macht", heißt es in der WU-Studie.

Sozialversicherungspflicht für Kapitaleinkommen?
Für den Auftraggeber der Studie, den Chefvolkswirt der Arbeiterkammer, Markus Marterbauer, sind die Schlussfolgerungen aus den Studienergebnissen klar: "Kapitaleinkommen sind im Vergleich zum Arbeitseinkommen steuerlich begünstigt und auch nicht sozialversicherungspflichtig. Wir fühlen uns in der Forderung nach vermögensbezogenen Steuern jedenfalls bestärkt." Die Arbeiterkammer kritisiert seit längerem, dass der Sozialstaat praktisch ausschließlich über Steuern und Abgaben der Erwerbseinkommen finanziert wird.

Im Koalitionsübereinkommen von SPÖ und ÖVP findet sich zu Vermögensteuern wenig, die Volkspartei lehnt dies vehement ab. Zwar wird darin "Steuergerechtigkeit" postuliert, doch dies betrifft vor allem die Streichung von Steuerbegünstigungen für Unternehmen. Dem Vernehmen nach hat es bei den Koalitionsverhandlungen in einer Untergruppe zwischen Rot und Schwarz eine Einigung auf die Wiedereinführung der Erbschaftssteuer gegeben, das Geld sollte für die Pflege-Finanzierung herangezogen werden. Der Punkt wurde aber von der ÖVP-Spitze wieder kassiert, er kommt im Arbeitsprogramm nirgends vor. Vermögenssteuern als Gegenfinanzierung für eine Lohnsteuerreform steht bis auf weiteres nicht auf der Tagesordnung der Regierung.

Die Studienautoren weisen allerdings auf die ungleiche steuerliche Behandlung von Vermögens- und Arbeitseinkommen hin. "Zinserträge aus Sparguthaben und Wertpapieren, Dividenden und Ausschüttungen aus Anteilen an Kapitalgesellschaften oder Investmentfonds unterliegen der Kapitalertragssteuer von 25 Prozent und sind damit endbesteuert. Auch Einkünfte aus der Veräußerung von Wertpapieren sowie aus Grundstücksveräußerungen unterliegen seit 2012 mit einem festen Satz von 25 Prozent der Wertpapier- und Immobilienertragssteuer." Da dieses Geld vorher erwirtschaftet wurde, ergibt sich inklusive der bei Gewinnen anfallenden Körperschaftssteuer eine Gesamtsteuerbelastung von 44 Prozent, so die WU-Studie.

Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu
"Durch die verringerte Steuerbelastung sowie des größeren Spielraums zur Steuervermeidung von vermögenden Haushalten erfahren diese eine weitere Besserstellung gegenüber vermögensarmen Haushalten", schreiben Moser und seine Co-Autoren.

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Dokument erstellt am 2014-01-10 18:29:08
Letzte nderung am 2014-01-10 21:02:45



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