• vom 09.06.2014, 16:22 Uhr

Politik

Update: 10.06.2014, 07:52 Uhr

Schule

Bildungsunbill




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Von Katharina Schmidt

  • Das österreichische Bildungssystem ist per se ungerecht - Bestandsaufnahme und Blick darauf, wie es sein könnte.

Ganz so frontal geht es in Österreichs Schulen nicht zu - aber fast. - © Christie’s Images/Corbis

Ganz so frontal geht es in Österreichs Schulen nicht zu - aber fast. © Christie’s Images/Corbis

Wien. Sie sind in der mindestens dritten Generation Österreicher, Ihr Name erinnert nicht einmal an Ihre tschechischen Urstrumpf-Vorfahren, Sie sprechen perfektes Döblinger Hochdeutsch, wo Sie am besten auch wohnen, Ihre Eltern sind Akademiker und verdienen angemessen? Herzlichen Glückwunsch, dann haben Sie und Ihre Kinder eine gute Chance auf eine halbwegs annehmbare Ausbildung und später einen Job, der Sie auch ernähren kann.


Was auf den ersten Blick fürchterlich polemisch klingt, ist durch die nackten Zahlen der Statistik beweisbar: Das österreichische Bildungssystem ist per se diskriminierend und betoniert die sozialen Unterschiede ein, statt sie auszugleichen. Es beginnt schon einmal damit, dass Österreich eines jener Länder in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist, das am meisten Geld pro Schüler ausgibt. In der Studie "Bildung auf einen Blick" kommt die OECD 2013 auf knapp 8900 US-Dollar (rund 6500 Euro) pro Kind, die die öffentliche Hand hierzulande im Elementarbereich ausgibt. Im OECD-Schnitt sind es hingegen nur etwas weniger als 6800 US-Dollar (knapp 4900 Euro). Ausgegeben wird das Geld in erster Linie für höhere Lehrergehälter und für kleinere Klassen als im OECD-Mittel.

Zumindest Letzteres klingt auf den ersten Blick ganz gut, allerdings lohnt auch hier ein Blick aufs Detail: Die durchschnittliche Klassengröße hat sich zwischen 2000 und 2011 etwa im Sekundarbereich I von 23,9 auf 21,3 Schüler verringert. Die Bildungsforscher sind sich jedoch darin einig, dass kleinere Klassen eher zur Zufriedenheit der Lehrer beitragen als zur Qualität des Unterrichts. Unterstrichen wird dieser Befund noch durch die nie besonders berauschenden Ergebnisse der österreichischen Schüler bei Bildungsvergleichsstudien wie Pisa, und auch die Rate von Personen mit Hochschulabschlüssen ist in Österreich unterdurchschnittlich.

Sozialer Hintergrund wichtiger als Migrationshintergrund
Noch dramatischer wird die Situation mit Blick auf bestimmte Schülergruppen: Der soziale Hintergrund eines Schülers ist maßgeblich mitbestimmend für sein Fortkommen in der Schule. Im aktuellsten Nationalen Bildungsbericht aus 2012 hat das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) errechnet, dass der sozioökonomische Status der Eltern - auch im Vergleich zu anderen Ländern - massiven Einfluss auf die Lesekompetenzen von Schülern hat. Eine große Rolle spielt auch die Bildung der Eltern: Am Ende der Volksschule liegen Kinder von Eltern mit höchstens Pflichtschulabschluss bei der Leseentwicklung mehr als ein Jahr hinter Kindern von gut ausgebildeten Eltern. Selbst bei gleichen schulischen Leistungen wechseln diese Kinder seltener in die AHS-Unterstufe.

Kinder mit Migrationshintergrund haben dabei fast schon von Beginn an weniger Chancen als ihre autochthonen Altersgenossen. So lag der Anteil an Schülern mit nicht-deutscher Umgangssprache in Sonderschulen im Schuljahr 2011/2012 bei nahezu 30 Prozent. In Allgemeinbildende Höhere Schulen "verirren" sich hingegen nur 15 Prozent Kinder mit nicht-deutscher Umgangssprache. Ebenso von ausgeprägter Chancenungleichheit zeugt der Anteil der "Drop-outs", also Schüler, die nur ihre Pflichtschulzeit absitzen und das System dann ohne Abschluss und damit ohne reelle Chance auf einen Job verlassen. Bei Kindern mit nicht-deutscher Umgangssprache ist er mit 13 Prozent mehr als drei Mal so hoch wie bei deutschsprachigen.

Ein frühes sogenanntes "Erstselektionsalter" - also jenes Alter, in dem Kinder eine Schulwahl treffen müssen - unterstreicht die sozialen Unterschiede. Die Lösung für dieses Problem hätte das Prestigeprojekt der ehemaligen Unterrichtsministerin Claudia Schmied, die Neue Mittelschule (NMS), liefern sollen. Geplant war eine gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, die aus der AHS-Unterstufe und der bisherigen Hauptschule hervorgehen sollte. Offenes Lernen, neue Methoden, Team Teaching (also zwei Lehrer pro Klasse) in manchen Klassen - so sah zumindest die Utopie auf dem Papier aus. Für die Modellversuche gab es 1000 Euro Zusatzbudget pro Schüler und Jahr (wir erinnern uns: zusätzlich zu den ohnehin schon enorm hohen Kosten).

NMS ohne Evaluierung ins Regelschulwesen übernommen
Geplant war eigentlich, eine begleitende Evaluierung der Modellversuche zur NMS durchzuführen und auf deren Basis Ende 2012 zu entscheiden, ob die Neue Mittelschule ins Regelschulwesen übernommen werden kann. Doch es kam anders: Bereits im Dezember 2012 segnete der Ministerrat ohne Evaluierung ab, dass alle Hauptschulen bis 2018/19 in Neue Mittelschulen umgewandelt sein sollen - den ursprünglichen Plan der gemeinsamen Schule musste Schmied ad acta legen. Von Anfang an hatten sich kaum AHS-Unterstufen für den Schulversuch interessiert, der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund in den NMS ähnelt dem in den Hauptschulen.

Bildungsbericht: Keine soziale Durchmischung
Und: "Die starke AHS-Präferenz der Kinder von Eltern mit hoher Bildung hat sich durch die Einführung der NMS in der Anfangsphase nicht geändert, was einer sozialen Durchmischung der Schülerschaft entgegensteht", heißt es im Nationalen Bildungsbericht.

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Dokument erstellt am 2014-06-09 16:26:04
Letzte nderung am 2014-06-10 07:52:09



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