• vom 28.10.2014, 09:00 Uhr

Politik


Cannabis

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Von Clemens Neuhold

  • Eine Cannabis-Debatte endet in Österreich stets im Kulturkampf. Versuch eines nüchternen Blicks.



Wien. Die Neos haben die Grünen abgelöst. Nicht am vierten Platz in der Wählergunst, sondern als Legalize-it-Partei. Währen bei den Grünen nur die Wiener und die Parteijugend eine Freigabe fordern, hat bei den Neos die Mitgliederversammlung der Gesamtpartei dafür gestimmt - so eindeutig, dass auch Parteichef Matthias Strolz die Linie nun mittragen muss.

Der Rauch verzieht sich nicht
Die ÖVP sieht keine Notwendigkeit, in die Debatte einzusteigen, die FPÖ spricht von der "klassischen Einstiegsdroge" und selbst die Neos betonen, dass es sich nicht um ihr Kernanliegen handelt. Ein Sommerlochthema im Novembernebel, das sich rasch wieder verzieht? Nein. Es ist mehr als das. Die Verbotsfront bröckelt weltweit.


In den USA haben Colorado und Washington Cannabis legalisiert, weitere Bundesstaaten werden nachziehen. Uruguay ist bereits das Holland von Südamerika. Der liberale "Economist" oder die "New York Times" sprechen sich für eine Freigabe aus.

Dafür gibt es Argumente. Zum Beispiel: das Geschäft nicht der Mafia, sondern dem Staat zu überlassen, der die Abgabe kontrolliert; die Gefängnisse, die in den USA voll mit Cannabis-Usern sind, zu entlasten; oder Cannabis mit Alkohol gleichzustellen, der mit 18.000 Toten pro Jahr alleine in Österreich viel gravierendere Folgen für die Gesellschaft hat als Cannabis. Alles Argumente, die nun auch die Neos teilen, die aber in Österreich nicht diskutiert werden. Denn am Ende gehen Argumente im Kulturkampf unter, und den will man sich ersparen, weil klar ist, wie er ausgeht: gegen Cannabis.

Der Rausch an sich ist so alt wie die Menschheit selbst. Welche Art von Rausch eine Gesellschaft akzeptiert, hängt aber davon ab, mit welchem Rauschmittel sie aufgewachsen ist - und Österreich ist mit der Weinrebe groß geworden, nicht mit der Hanfstaude. Der Pfarrer trinkt Messwein und raucht nicht wie der indische Sadhu Ganja.

"Alkohol ist in einen unproblematischen Kontext eingebettet, das ist Cannabis nicht", sagt der Drogenbeauftragte der Stadt Wien, Hans Haltmayer.

Haschisch, der Ausländer
Kein Wunder, dass die Partei mit Hang zum Bierexzess im Burschenschafterkeller Cannabis als "Einstiegsdroge" verteufelt. Cannabis ist der Ausländer, der die Kultur gefährdet, während Wein oder Bier das traditionelle Wir-Gefühl stärkt. Und die Fakten?

"Cannabis ist definitiv keine Einstiegsdroge", sagt Haltmayer, der seit 20 Jahren im Bereich forscht. "Das ist ein rein ideologisches Argument. Alle Studien, die es dazu gibt, liefern absolut keine Belege dafür. Die Einstiegsdrogen sind Alkohol und Nikotin." Leute mit Suchtneigung hätten immer damit begonnen.

Genauso falsch sei jedoch das Argument, dass die illegale Beschaffung den Einstieg zu härteren Drogen ebne, weil man zum Dealer muss. "Suchterkrankung funktioniert nicht über Ansteckung, das Entscheidende sind psychosoziale Faktoren."

Schwerwiegende Folgen hat Cannabis dann, sagt, Haltmayer, wenn es früh und intensiv konsumiert wird. Doch wenn der Jugendschutz eingehalten wird, was spricht dann dagegen, dass Österreich Colorado wird?

Das führt wieder zu einem kulturellen Unterschied - in der Frage des Strafens. In den USA ist der "war on drugs" so rigide, dass der zweite Kontakt mit Cannabis im Gefängnis enden kann. Die Freigabe in Colorado und Washington sei eine Alternative und Gegenbewegung dazu, sagt Haltmayer. In Österreich setze hingegen jetzt schon auf Therapie statt Strafe. Wenn "konsequent entkriminalisiert wird", hält er deswegen eine Freigabe nicht für notwendig.

Aber wie konsequent ist es, wenn Kriminelle Gewinne mit einer Ware machen, welche die Politik "konsequent entkriminalisiert?" Er zweifelt, dass man den Schwarzmarkt mit einer Freigabe völlig austrocknet. Denn schon jetzt würden die Konzessionen in Colorado hoch gehandelt. Wenn die Privatwirtschaft den Preis bestimme, komme es erst recht wieder zum Schwarzmarkt.

Platzhirsch Alkohol
Ist es nicht inkonsequent, den Wochenendkiffer in Therapie zu schicken und in Statistiken in die Nähe eines Heroinabhängigen zu rücken, während Hermann Maier im Vollrausch auf offener Bühne mehrheitlich Beifall bekommt? Für Haltmayer ist erwiesen, dass eine Freigabe den Konsum von Cannabis erhöhen würde - mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen. Der Alkoholkonsum würde aber nicht sinken. Bleibt die Kulturfrage, ob man ein zweites Rauschmittel mit all seinen Nebenwirkungen akzeptiert.




Schlagwörter

Cannabis, Neos

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-10-27 18:35:05
Letzte nderung am 2014-10-27 18:53:04



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