• vom 10.10.2015, 12:00 Uhr

Politik

Update: 13.10.2015, 13:55 Uhr

Flüchtlinge

"Das Misstrauen ist berechtigt"




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Von Walter Hämmerle

  • Der Philosoph Rudolf Burger über die Flüchtlingskrise, seine Kritik an der "Zivilgesellschaft" und die Gefährlichkeit der Menschen.

Interview mit Rudolf Burger, Philosoph..Redakteur: Walter Hämmerle - © WZ / Andreas Urban

Interview mit Rudolf Burger, Philosoph..Redakteur: Walter Hämmerle © WZ / Andreas Urban


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Wien. "Dieses Land ist ungeheuer leicht hysterisierbar, das kann in die eine oder andere Richtung kippen." Zu diesem Schluss kommt der Wiener Philosoph Rudolf Burger. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihm über seine Sicht der aktuellen Flüchtlingskrise, ihre möglichen langfristigen Folgen und warum es durchaus angebracht sei, mit einer gesunden Portion Misstrauen durchs Leben zu gehen.

"Wiener Zeitung": Hunderttausende Flüchtlinge strömen aus umliegenden Krisenregionen nach Europa. Unsere Welt ist plötzlich aus den Fugen. Was geschieht gerade?

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Rudolf Burger: Um die aktuelle Situation einzuordnen, empfehle ich, zwei ältere Bücher noch einmal zur Hand zu nehmen: Das eine hat der griechische Philosoph Panajotis Kondylis 1992 geschrieben, es heißt "Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg". Darin hat Kondylis nicht die aktuellen Flüchtlingsströme vorausgesagt, aber doch die grundsätzliche Massenmigration unserer Zeit prognostiziert. Das Buch liest sich, als wenn es heute geschrieben worden wäre. Das zweite Buch, das ich jetzt erneut gelesen habe, um den Syrienkonflikt für mich einzuordnen, hat 1962 der britische Historiker Hugh Thomas geschrieben und heißt "Der Spanische Bürgerkrieg". Es gibt, trotz aller Unterschiede, erstaunliche Parallelen zwischen der Lage in Nahost und dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939.

Was haben die Kämpfe zwischen Republikanern und Faschisten im Europa der Zwischenkriegszeit und den islamistischen Terroristen, die alte Ordnung in Nahost über den Haufen werfen, gemeinsam?

Was mich umtreibt - und es geht mir dabei nicht um eine moralische Provokation -, ist folgende Frage: Warum kommen die hunderttausenden jungen Männer zu uns? Warum bleiben sie nicht und verteidigen ihre Heimat? Ich stelle diese Frage ganz naiv, zumal es an Waffen in der Region eher nicht mangelt und die Zahl der Kämpfer des Islamischen Staats überschaubar ist.

Worin besteht der Zusammenhang mit dem Spanischen Bürgerkrieg?

Madrid wurde von den Faschisten drei Jahre belagert, die Front verlief mitten durch das Universitätsviertel. Die Madrilenen sind zum Teil unbewaffnet an die Front gegangen, in der Erwartung, dass sie bei einem der Gefallenen schon eine Waffe finden würden. La Pasionaria, eine Ikone der Linken, hat die Frauen aufgerufen, ihre Häuser mit siedendem Öl zu verteidigen. Die Regierung wollte Madrid evakuieren, doch die Leute sind nicht gegangen. Deshalb frage ich mich: Warum bleiben die jungen Männer nicht in Syrien und kämpfen? In Spanien hat die große Fluchtbewegung erst nach dem Fall von Barcelona im Frühjahr 1939 eingesetzt.

Vielleicht weil sie das Gefühl haben, von ihrem Land sei nach Jahrzehnten der Diktatur und nun Jahren des Bürgerkriegs nichts mehr übrig, für das sich zu kämpfen und zu sterben lohnt.

Es ist immerhin ihr Land. Was Syrien mit Spanien gemeinsam hat, ist: Beide Konflikte sind hochgradig von externen Interventionen bestimmt. In Syrien sind es Russland, Iran, Türkei, Washington, Saudi-Arabien, in Spanien waren es Deutschland, Italien, die Sowjetunion und die internationalen Brigaden; und die republikanische Seite war ebenso ideologisch zerstritten, wie die syrische Opposition heute. Ich erwähne das nur, um den Konflikt in Syrien irgendwie einordnen zu können. Dass es jedoch zu diesen Migrationsströmen kommen wird, das hat Kondylis schon vor 25 Jahren vorhergesehen. Dass sie jetzt so plötzlich und massiv aufgetreten sind, konnte niemand wissen.

Entschuldigt das die Hilflosigkeit, mit der die Politik auf diese rasante Entwicklung reagiert?

Es heißt immer, das Erste was in einer Krise auf der Strecke bleibe, sei die Wahrheit. Bei uns ist es nicht die Wahrheit, sondern die aristotelische Logik. Die Bilder, die wir aus Ungarn sehen, sind furchtbar. Aber es bleibt ein Widerspruch, den ungarischen Premier Orban zu beschimpfen und im nächsten Atemzug von diesem zu verlangen, er solle die Außengrenzen schützen. Wie soll das gehen?

Wie soll sich also eine Gesellschaft verhalten, die mit Flüchtlingsströmen neuer Dimensionen konfrontiert ist?

Abstrakt lässt sich das nicht beantworten, man muss es auf konkrete Situationen herunterbrechen. Und dann gilt, was Clausewitz den "Takt des Urteils" genannt hat. Grundsätzlich ist zu sagen: Es gibt das Recht auf Asyl und ein Recht auf Selbstbehauptung. Und Politiker sind auf das Wohl ihres Landes vereidigt. Das mag in vielen Ohren zynisch klingen, ist aber unsere gültige Rechtsordnung.

Sie haben die Mitverantwortung des Westens für das Chaos in Nahost angesprochen: Ergibt sich daraus die Pflicht, nun wieder für Stabilität zu sorgen?

Die Destabilisierung durch den Westen stand am Anfang. Ich erinnere daran, wie mit Bernhard- Henri Lévy einer der französischen Starintellektuellen 2011 zum Sturz des libyschen Diktators Gaddafi aufgerufen hat. Dabei stand dessen Zelt kurz davor noch im Élysée-Palast aufgeschlagen. Jetzt sind Afrikas Grenzen nach Norden, nach Europa offen. Die Folgen dieser Entwicklung sind schwer abzuschätzen; ich vermute, dass in den nächsten Jahren in Europa auch politisch kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Überall befinden sich rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch, das wird große Schwierigkeiten machen.

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Dokument erstellt am 2015-10-09 16:29:06
Letzte nderung am 2015-10-13 13:55:30



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