• vom 02.01.2016, 10:00 Uhr

Politik

Update: 04.01.2016, 13:30 Uhr

Islamgesetz

Islam ist nicht gleich Islam




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Von Werner Reisinger

  • Welche religiösen und politischen Strömungen dominieren in den heimischen Islamverbänden? Ein Überblick.



Wien. Ein Sonntagnachmittag Ende September 2015 in Linz. Ein Konvoi von mehreren Dutzend Autos, allesamt mit türkischen Fahnen beflaggt, fährt durch die Straßen der oberösterreichischen Hauptstadt. Aus den offenen Autofenstern dringt laute Musik, an den Kreuzungen steigen junge Männer aus und schwenken riesige Flaggen. Passanten mögen bei diesem Anblick an ein Fußballspiel des türkischen Nationalteams gedacht haben. Kaum jemandem dürfte damals klar gewesen sein, wer hinter dieser martialisch anmutenden Parade steckt.

Anlässlich der Parlamentswahlen in der Türkei im Oktober hatten Personen aus dem Umfeld des Vereins "Avrasya" auf Facebook zur Unterstützung der AKP, der Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, aufgerufen. Bis heute finden sich auf Facebook Videos des Konvois. Im Ankündigungstext heißt es: "In Gedenken an unsere Gefallenen, ohne politische Propaganda zu machen, ohne irgendwo anzustreifen, erwarten wir alle vaterlandsliebenden Brüder, sich unter einer Fahne zu versammeln."

Herkunft und Familie

Der Verein "Avrasya" steht der Türkischen Föderation nahe, einem österreichischen Moscheeverband der als rechtsextrem eingestuften türkischen Partei MHP, besser bekannt unter dem Namen "Graue Wölfe". Oberösterreich gilt als eine der Hochburgen der Ultranationalisten, dem Linzer SPÖ-Bürgermeister Klaus Luger wird immer wieder vorgeworfen, die Umtriebe der "Grauen Wölfe" zu tolerieren, ja sogar mit ihnen zu kooperieren.

Die "Grauen Wölfe" betreiben österreichweit 29 Moscheen und Gebetsräume. Sie sind einer von mehreren in Österreich aktiven Islamverbänden. Diese sollen mit dem seit Februar geltenden neuen Islamgesetz aufgelöst werden und müssen sich als Kultusgemeinden einer anerkannten Religionsgesellschaft eingliedern. Welche Ideologien sind in den verschiedenen Vereinen vorherrschend? Welche politischen und religiösen Ziele verfolgen sie, in welchem Verhältnis stehen sie zueinander?

In Österreich gibt es zwei anerkannte muslimische Religionsgesellschaften, die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) und die Islamisch Alevitische Glaubensgemeinschaft (ALEVI). "Für das Leben der Muslime in Österreich haben die Religionsgesellschaften weit weniger Bedeutung als die Moscheevereine, in denen sie organisiert sind", sagt der Islam-Experte und Politologe Thomas Schmidinger. Meist bestimmen nationale Herkunft und Zugehörigkeit oder auch familiäre Verbindungen, welchem Verein man beitritt. Bekannt ist, dass sich viele der Vereine über Gelder aus den Herkunftsländern finanzieren - und mitunter auch untereinander in Konkurrenz stehen.

Gemeinsame Feindbilder

Der größte heimische Verband ist die Türkisch-Islamische Union für soziale und kulturelle Zusammenarbeit (ATIB). Sie steht Erdogans AKP nahe, die Imame der ATIB werden von der Türkei bezahlt. Das neue Islamgesetz verbietet zwar Auslandsfinanzierung, doch es ist prinzipiell möglich, diese Bestimmung zu umgehen. Die ATIB-Imame könnten künftig über Stiftungen in Österreich bezahlt werden, wie Fuat Sanac, der Präsident der IGGiÖ, bereits angedeutet hat.

Rein parteipolitisch stehen "Graue Wölfe" und AKP in Opposition zueinander, die gemeinsamen Feindbilder Kurden und Armenier aber schweißen sie zusammen. Anlässlich des 100. Jahrestags des Völkermords an den Armeniern vergangenen April demonstrierten in Wien "Graue Wölfe" und AKP-Anhänger gemeinsam gegen eine angebliche "Geschichtsfälschung" der Armenier. Bis heute erkennt die Türkei den Massenmord an den Armeniern nicht an.

In Konkurrenz zur ATIB steht vor allem die Österreichische Islamische Föderation (AIF), die der türkischen Milli-Görüs-Bewegung zugerechnet wird. Sie betreibt in Österreich mehr als 60 Moscheen. Milli Görüs erhält im Gegensatz zu ATIB keine Gelder aus dem Ausland, sie ist laut Islam-Experten Schmidinger auf Mitgliedsbeiträge angewiesen. Der in den 1970er Jahren von Necmettin Erbakan gegründeten Milli-Görüs-Bewegung wird vom deutschen Verfassungsschutz ein antidemokratisches Staatsverständnis unterstellt, teilweise wird ihre Ideologie dem islamistischen Spektrum zugerechnet.

Milli Görüs sei jedoch keine missionierende Bewegung, erklärt Schmidinger. Ganz anders verhalten sich die Anhänger des Predigers Fetullah Gülen, der längst zu einem der mächtigsten Gegenspieler von Erdogan avanciert ist. Der stetig wachsenden Gülen-Bewegung gehören österreichweit zahlreiche Vereine an, die um Mitglieder werben. Noch gibt es keinen eigenen Dachverband, die Gülen-Bewegung begreift sich als Netzwerk. "Die Vereine sind sehr darauf bedacht, ihre Zugehörigkeit zur Gülen-Bewegung zu verschleiern", weiß Schmidinger.

Verschleiern und tarnen ist auch die Taktik der Muslimbruderschaft. Aufgrund ihres fast schon klandestinen Auftretens ist es oft schwierig, Moscheevereine oder auch Einzelpersonen der radikalen Organisation zuzurechnen. "Die Muslimbrüder sind untereinander zum Teil sehr zerstritten", so Schmidinger. Auch hier spielen Herkunftsländer sowie unterschiedliche Strukturen und Strömungen eine wichtige Rolle.


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Dokument erstellt am 2016-01-01 17:23:04
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