• vom 18.02.2016, 08:00 Uhr

Politik

Update: 18.02.2016, 16:39 Uhr

German Pellets

Saubere Energie, schmutziges Geschäft?




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Von Jan Michael Marchart und Werner Reisinger

  • Österreichische Stiftung der insolventen German Pellets GmbH interessiert deutsche Staatsanwaltschaft.

Bis zu 12.000 Anleger bangen wegen der Insolvenz von "German Pellets" um ihr Geld. Auch österreichische Kleinanleger dürften betroffen sein. Manche werden von ihrem Geld nichts mehr sehen. - © Foto: Creativ Studio Heinemann/Westend61/Corbis

Bis zu 12.000 Anleger bangen wegen der Insolvenz von "German Pellets" um ihr Geld. Auch österreichische Kleinanleger dürften betroffen sein. Manche werden von ihrem Geld nichts mehr sehen. © Foto: Creativ Studio Heinemann/Westend61/Corbis

Wien/Wismar. Der weltgrößte Pelletsproduzent German Pellets mit Sitz in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern ist zahlungsunfähig und meldete vergangene Woche Insolvenz an. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte der Holzverarbeiter schlicht zu viele Schulden angehäuft. Gräbt man aber tiefer, stößt man auf dubiose Geschäfte innerhalb der Firma und eine insgesamt sehr fragwürdige Finanzierungsstrategie, mit der German Pellets tausende Anleger mit äußerst risikoreichen Gewinnversprechen gelockt hat, über 250 Millionen Euro in den Markt für erneuerbare Energie zu investieren.

"Alle Zeichen stehen auf Wachstum", zeigt sich German Pellets in einem Youtube-Film optimistisch. Das Geld von bis zu 12.000 Anlegern scheint heute nur noch verbrannte Erde zu sein, in Deutschland ist bereits die Staatsanwaltschaft mit dem Fall beschäftigt. Die Verbindungen des Unternehmensgründers Peter Leibold führen auch nach Österreich. Aber der Reihe nach.

Information

Mitarbeit: Claus Hecking und
Jens Tönnesmann.
Dieser Text entstand in einer Recherche-Kooperation mit der deutschen Wochenzeitung Die Zeit.


Leibolds Geschichte beginnt in den 1990er Jahren. Die hohe Arbeitslosigkeit in Mecklenburg-Vorpommern veranlasste die dortige Politik, mittels Subventionen Unternehmen in die Region zu locken. Der Klausner-Konzern, ein traditionsreiches Holzverarbeitungs-Unternehmen mit Sitz in Oberndorf in Tirol, gründete dort die Firma Klausner Nordic Timber. Peter Leibold, ehemaliger Zeitungsmanager und Sägewerksbesitzer, heiratete die Tochter des Firmenchefs Fritz Klausner, Anna Kathrin Klausner. Diese war bis mindestens Mitte 2011 auch Sprecherin des Klausner-Konzerns. Dem Ehepaar scheint so viel Holz nicht genügt zu haben. 2005 stieg es - abseits Klausners - ins Geschäft mit erneuerbaren Energieträgern ein und stellte das erste Werk von German Pellets auf die grüne Wiese. Ebenfalls in Wismar wurden fortan kleine, zylinderförmige Stäbchen produziert.

Verworrenes Firmengeflecht

Die Öko-Firma mit rund 650 Mitarbeitern wuchs jahrelang rasant, nach der Atom-Katastrophe von Fukushima im März 2011 profitierten die Leibolds voll von der deutschen Energiewende und dem einsetzenden Trend zu sauberer, erneuerbarer Energie. German Pellets expandierte unter anderem nach Österreich und in die USA. Finanziert wurde der Ausbau vor allem über Anleihen.

Anleger liehen dem Unternehmen Berichten zufolge knapp mehr als eine Viertelmilliarde Euro. 226 Millionen in Form von Anleihen, plus mindestens 40 Millionen über Genussrechte. Dabei köderte man Anleger mit großen Renditeversprechen - in diesem Fall mit bis zu acht Prozent Zinsen.

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Nun steht die Firma vor dem Aus. Einige Werke des weltgrößten Pelletsherstellers stehen laut Angaben der Firma bereits still. Schon seit einiger Zeit hat German Pellets mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Als Gründe nennt das Unternehmen die verlustreiche Übernahme des ebenfalls insolventen Ofenbauers Kago, Umsatzeinbußen nach zwei warmen Wintern und den Verfall des Ölpreises. Dieser habe auch den Marktpreis für Holzpellets unter Druck gesetzt.

Der 59-jährige Selfmade-Unternehmer Peter Leibold baute rund um German Pellets über Jahre ein eigentümliches und verwirrendes Firmengeflecht auf. Aus drei Dutzend Tochterunternehmen, Beteiligungen und Unternehmenskooperationen besteht der German-Pellets-Komplex, der durch das Anlegergeld erst möglich wurde - ohne deren Widerspruch.

Die German Pellets GmbH, der Mutterkonzern, war über Jahre Leibolds zentrale Kapitaleinnahmequelle. Über diese wurde ein Großteil der Anlegermillionen nach Österreich und in die USA transferiert. Das geht aus einem Papier hervor, das der "Wiener Zeitung" vorliegt. Dieser Sachverhalt beschäftigt mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft Rostock: Vergangene Woche ist bei dieser eine Anzeige wegen möglicher Unterschlagung von Anlagegeldern eingegangen. Die Untersuchungen stehen ganz am Anfang, sagte ein Sprecher der Behörde.

Kein Mitspracherecht

Ein großer Teil des Anleihe-Volumens hat German Pellets weitergeleitet: an Beteiligungsfirmen, Holdings und eine Stiftung, die sich allesamt außerhalb der Firmenstruktur befinden. Viele dieser Briefkasten-Gesellschaften stehen oder standen im Einflussbereich der Familie Leibold. Heute ist völlig unklar, ob die Gläubiger und Kapitalgeber von German Pellets jemals an ihr Geld gelangen werden. Oder zumindest an einen Teil davon. Das Geld der Anleger saß wohl so locker, weil der Holzstäbchen-Markt jahrelang florierte und der Umsatzmotor der Firma vor sich hin schnurrte. Die Leibolds konnten unbeirrt wirtschaften. Peter Leibold besaß 60 Prozent der Firmenanteile, seine Frau Anna Kathrin 40 Prozent. Und die Anleger investierten über Anleihen und Genussrechte, wodurch sie, anders als bei Aktionären, keinerlei Mitspracherecht bei German Pellets hatten.

Ob wegen des Gewinnversprechens oder aus ökologischen Gewissensgründen - das Anlegergeld floss in Strömen. Gräbt man ein wenig tiefer in der Firmengeschichte, offenbaren sich schon damals "merkwürdige Dinge", sagt einer, der das Unternehmen kennt. Diese merkwürdigen Dinge scheinen aber Teil des German-Pellets-Plans gewesen zu sein, den Privaten Anleihen und Genussrechte erst so richtig schmackhaft zu machen. Suspekt sind zum Beispiel die Geschäfte zwischen der German Pellets GmbH und der German Pellets Supply GmbH & Co. KG. Dieses Unternehmen wurde ebenfalls von Leibold geleitet, ist auf der selben Adresse angemeldet und auf der gleichen Webadresse zu finden, Pellets Supply ist aber kein direkter Teil des Konzerns. Merkwürdig ist vor allem, dass der Mutterkonzern immer wieder für Millionen von Euro Rohstoffe und Pellets an die Supply verkaufte, um die Güter zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückzukaufen - ohne ersichtlichen betriebswirtschaftlichen Sinn.



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Dokument erstellt am 2016-02-17 21:14:07
Letzte nderung am 2016-02-18 16:39:57



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