• vom 18.03.2016, 16:31 Uhr

Politik

Update: 18.03.2016, 17:43 Uhr

Bundespräsidentenwahl 2016

Warum Van der Bellen nicht Favorit für die Hofburg ist




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Von Simon Rosner

  • In Wahlzeiten jagt oft eine Umfrage die andere. Das ist gleichzeitig sinnvoll und problematisch.

Getty Images/Trina Dalziel

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Wien. Die US-Amerikaner nennen es "presidential race" und Kandidaten, die daran teilnehmen wollen, erklären dies mit: "I’m running!" Die Besonderheit der Vorwahlen, wie sie derzeit bei Demokraten und Republikanern in den USA stattfinden, erinnern ja auch tatsächlich an ein Rennen, in dem es auf einen langen Atem ankommt, Etappensiege errungen werden und immer wieder die Führung wechseln kann. Für die permanente mediale Berichterstattung darüber hat sich der Begriff des Horse-Race-Journalismus durchgesetzt.

Im österreichischen "Präsidentschaftsrennen" bleibt dafür nur die Standortbestimmung über Umfragen. Und obwohl noch nicht endgültig geklärt war, wer genügend Unterschriften sammeln konnte, um es auch tatsächlich auf den Stimmzettel zu schaffen, werden bereits seit Wochen Umfragen publiziert. Sie sehen Alexander Van der Bellen voran und die übrigen feststehenden Kandidaten nahezu gleichauf. Was bedeutet das nun? Antwort: nichts.

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Zurück in die USA. Dort hat nämlich im Vorjahr Gallup die durchaus bemerkenswerte Entscheidung getroffen, keine Umfragen in den Vorwahlen, möglicherweise dann auch bei der Präsidentenwahl selbst, zu veröffentlichen. Dazu muss man wissen, dass Firmengründer George Gallup in den 30er Jahren so etwas wie der Pionier der Meinungsforschung war und das Institut nach wie vor eines der größten in den USA ist.

Wechselwähler als Problem



Als Gallup aber 2012 einen Erfolg Mitt Romneys über Barack Obama prognostizierte und dann das Gegenteil eintrat, war dies offenbar ein so großer Schock, dass sich das renommierte Institut vorerst aus den Wahlumfragen herausnimmt. Vielleicht aus gutem Grund. Vor den Primaries in Michigan hatten Prognosen Hillary Clinton mit 20 Prozentpunkten voran gesehen - und dann holte Bernie Sanders den Staat.

"Einerseits halte ich die Sehnsucht nach der Kristallkugel für nachvollziehbar, aber es ist sinnlos", sagt Politologe Peter Filzmaier. Mit Sicherheit lässt sich zwar grundsätzlich nur prognostizieren, dass die Zukunft ungewiss ist, in der Wahlforschung kommen aber auch einige relativ neue Probleme für die Wissenschafter hinzu. "Ein Grund sind die Wechselwähler", sagt Karin Cvrtila von OGM. "Die gibt es zwar schon länger, aber es werden immer mehr. Ein zweites Problem ist, dass wir teilweise für Parteien und Personen keine Erfahrungswerte haben." Das war bei jüngeren Wahlen bei den Neos oder dem Team Stronach der Fall und ist nun bei Irmgard Griss und möglichen Außenseitern so. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass immer weniger Personen im Telefonbuch aufscheinen, weshalb die Institute nun mit computergenerierten Nummern arbeiten müssen.

Ein Spezifikum bei der Hofburg-Wahl ist, dass die sonst übliche Recall-Frage ("Was haben Sie beim vorigen Mal gewählt?") keine Rolle spielt. Sie ist für die Forscher zur Gewichtung der Antworten jedoch prinzipiell sehr wertvoll, auch wenn sie durch Wechselwählerschaft und ein offenbar auch deshalb schwindendes Erinnerungsvermögen erratisch geworden ist. Das ist ein Grund, weshalb eine seriöse Einschätzung über die Chancen der Kandidaten für die Wahl am 24. April noch schwieriger wird.

Umfragen als Wahlmotiv
"Die Irrtumswahrscheinlichkeit ist weit höher als die statistische Schwankungsbreite", sagt der Politologe Fritz Plasser. Doch gerade für die immer größer werdende Gruppe der Nicht-Stammwähler sind Umfragen nicht unerheblich. Wer nicht deklarierter Anhänger einer Partei oder eines Kandidaten ist, macht seine oder ihre Wahlentscheidung eventuell auch von Umfragen abhängig. In Rheinland-Pfalz beispielsweise war erst ein Erfolg der CDU, dann ein knappes Rennen mit der Regierungspartei SPD prognostiziert worden. Vermutlich (auch) um einen Regierungswechsel zu verhindern, wählte dann ein Teil der rund 90.000 Menschen SPD, die 2011 noch Grün gewählt hatten.

Dass sich Menschen von Umfragen in ihrer Wahlentscheidung durchaus leiten lassen, ist zwar grundsätzlich nachgewiesen, der Effekt lässt sich allerdings nicht quantifizieren. "Am besten ist er nachgewiesen, wenn einer Partei vorhergesagt wird, dass sie die Hürde nicht schafft", erklärt Filzmaier. Das macht es für Kleinparteien oft zusätzlich schwer, in eine Volksvertretung gewählt zu werden.

Bei der Bundespräsidentenwahl gibt es zwar keine Prozent-Hürde, "aber wenn es sicher scheint, dass es ein Kandidat nicht in den zweiten Wahlgang schafft, würde das zum strategischen Wählen animieren, wenn jemand zum Beispiel nicht zwei Linke oder zwei Rechte in der Stichwahl haben will", sagt Politologe Filzmaier.

Das illustriert freilich auch das Gwirks mit Umfragen. Einerseits schwindet die Treffgenauigkeit durch mehr Wechselwähler, anderseits sind gerade für diese Gruppe Umfragen besonders interessant. Wenn aber die Prognosen unsicherer werden, wächst auch die Gefahr, eine auf falschen Annahmen beruhende taktische Wahlentscheidung zu treffen.

In einigen EU-Ländern, darunter in Italien, ist es verboten, in den Wochen vor einer Wahl, Umfragen zu publizieren. Auch in Österreich wurde dies in den 90er-Jahren debattiert, man entschied sich dagegen. "Ich halte das auch für richtig, es hat einen schalen Beigeschmack, wenn man die Veröffentlichung einer öffentlichen Meinung verbietet, und im Onlinezeitalter ist es auch nicht mehr umsetzbar", sagt Filzmaier.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-18 16:35:07
Letzte nderung am 2016-03-18 17:43:51



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