• vom 26.03.2016, 12:00 Uhr

Politik

Update: 26.03.2016, 12:46 Uhr

Zeitgeschichte

Der Optimist und sein Kritiker




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Rathkolb: Nein, das wird es nicht. Sonst bräuchten wir dieses Projekt gar nicht erst zu machen. Dann wären Millionen an Steuergeldern hinausgeworfen. Es geht genau darum, diese globale Vorstellung zu brechen, zu dekonstruieren, einen kritischen Zugang zum Nationalsozialismus zu finden - und es ist diese Altane, die uns dazu zwingt. Ich bin überzeugt, dass das Haus der Geschichte genau das wird, von dem wir eigentlich träumen - nämlich ein Diskussionsforum.

Woher kommt Ihr Optimismus, Herr Rathkolb, dass dieses Projekt nicht von den Parteien kolonisiert wird? Schwer vorstellbar, bei einem so politisch heißen Eisen.

Rathkolb: Es bleibt den Parteien gar nichts anderes übrig, weil der Wählertrend in eine ganz andere Richtung geht, wir am Weg in ein Viel-Parteien-System sind. Da werden die Parteien etwas anderes zu tun haben, als ihre historischen Reminiszenzen vorzudirigieren. Auch in der internationalen Community würde das nicht mehr funktionieren. Und es gibt positive Beispiele, etwa das Jüdische Museum in Wien, das kritische Ausstellungen macht, oder das Haus der Geschichte in Deutschland, das kein Helmut-Kohl-Museum geworden ist. Der internationale Trend geht in Richtung einer unabhängigen wissenschaftlichen Debatte. Und es ist naiv zu glauben, dass Parteienzentralen, die bei der nächsten Wahl ums Überleben kämpfen werden, ein solches Haus beeinflussen könnten. Das kann ich mir nicht vorstellen. Auch die Nationalbibliothek hat noch keine politisch gefällige Ausstellung gemacht.

Walser: Diesen Optimismus kann ich nicht teilen. Wenn ich mir anschaue, wie hierzulande Beiräte besetzt werden, erkenne ich die alten politischen Muster der österreichischen Innenpolitik. Ich sehe die wesentlichen Voraussetzungen nicht, die in Deutschland sehr wohl verwirklicht worden sind. Dort hat das Haus der Geschichte mehrere Standorte, dort gibt es eine völlige Unabhängigkeit der Ausstellungsmacher und auch die Finanzierung wurde im Vorfeld geklärt. Wir dagegen haben ein Haus der Geschichte beschlossen, ohne auch nur ansatzweise die Finanzierung geklärt zu haben. Wir haben im Finanzrahmengesetz, das die nächsten vier Jahre umfasst, keine Vorkehrung dafür getroffen. Wir sind nicht in der Lage, den Betrieb des Museums zu garantieren. Ich fürchte, dieses Haus wird zu einer typisch österreichischen Lösung: Es wird für das Jahr 2018 eine Ausstellung geben. Dabei wird man 1938 mitthematisieren. Diese Ausstellung wird dann zu einer Art Dauerausstellung, die man uns als Haus der Geschichte verkaufen wird. Ich bin ja auch dafür, dass wir einen Ort der Auseinandersetzung brauchen, aber das muss ein Haus der Republik sein. Nur damit kämen wir zu einem österreichischen Narrativ.

Rathkolb: Das glaube ich nicht. Ich habe durchgesetzt, dass der internationale Beirat bis 2018 bleiben wird und wachsam auf die Unabhängigkeit des Hauses schauen wird. Die internationale Debatte schaue ich mir an, wenn das ein parteipolitisches Haus wird. Wir werden unsere Meinung zur Wahl der Leitung abgeben. Wenn da nicht die/der Beste genommen wird, wird es einen internationalen Aufschrei geben. Mir persönlich wäre auch eine Stiftung lieber gewesen, aber das ist finanziell nicht realisierbar. Vielleicht bin ich zu idealistisch und zu naiv, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei diesem internationalen Druck nicht ein innovatives und attraktives sowie kritisches Museum werden wird.

Walser: Wenn das alles eintreffen sollte - wunderbar. Aber am Beginn eines solchen Projektes sollte immer die Finanzierung stehen. Das schaue ich mir an, ob dieses Projekt überhaupt zustande kommt.

Rathkolb: Alles, was ich aus dem Bundeskanzleramt höre, ist, dass die Gespräche mit dem Finanzministerium laufen. Es ist alles auf einem guten Weg.


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Dokument erstellt am 2016-03-25 14:47:10
Letzte nderung am 2016-03-26 12:46:10



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