• vom 05.04.2016, 20:30 Uhr

Politik


Gesamtschule

"Unsinnige Modellregionen"




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Von Nina Flori

  • Selbst Bildungsexperten können die Diskussion um die Gesamtschule nicht mehr hören.

- © Corbis/Mother Image

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Wien. Kopfschütteln und verschränkte Arme: Die Bildungsexperten im Hörsaal 1 am Institut für Bildungswissenschaften zeigen sich bei einer Diskussionsrunde zum Thema "Gesamtschule" am Montag ernüchtert und blicken nicht gerade optimistisch in die Zukunft.

Seit Jahrzehnten sind Stephan Hopmann von der Uni Wien, der oberösterreichische Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer, der ehemalige Leiter des Bundesinstituts für Bildungsforschung Günter Haider und der AHS-Lehrer und grüne Bildungspolitiker Daniel Landau im Bildungsbereich tätig. Getan habe sich seither kaum etwas, da sind sich alle vier einig. Die Diskussion über die Gesamtschule können sie nicht mehr hören.

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"Das aktuelle Bildungsreformpaket ist gescheitert. Kein Mensch braucht Modellregionen, in denen die Gesamtschule eingeführt wird", sagt Hopmann. "Durch die Modellversuche erfahren wir nichts Neues. Nichts was wir nicht schon seit siebzig Jahren wissen. Das ist völliger Unsinn." Hopmann wäre sofort für die Gesamtschule - wenn es Forschungsergebnisse gebe, die belegen würden, dass die Gesamtschule mehr Chancengleichheit bringen würde. Diese gebe es allerdings nicht.

"System wird überfordert"
"Zu glauben, dass das Erziehungssystem das Problem der Ungleichheit lösen kann, ist eine Überforderung des Systems", meint Hopmann. Ein Gesamtschulsystem habe keine klaren Auswirkungen auf die Bildungsgerechtigkeit. Zudem werde oft vergessen, dass ja auch innerhalb von Gesamtschulen eine Differenzierung stattfinde. Kinder, der selben Altersstufe also in unterschiedlichen Gruppen und Räumen unterrichtet werden.

Auch ein Verweis auf erfolgreiche Schulsysteme wie etwa in Finnland, überzeugt den Bildungswissenschafter nicht von einer gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen. "Finnland wird beim Pisa-Test immer schlechter. Und wer sagt, dass Finnlands bisheriger Pisa-Erfolg nicht auf Faktoren beruht, die bereits vor Pisa gewirkt haben?"

Zudem gebe es empirische Daten, die belegen würden, dass die ständige Begabungsdifferenzierung für Kinder in Gesamtschulen schlimmer sei als eine einmalige Teilung nach der Volksschule.

Haider spricht sich trotzdem für eine gemeinsame Schule aus, allerdings nicht wegen der positiven, sondern eher der negativen Aspekte: Die Trennung der Kinder mit zehn Jahren verursache doch einige "Nebengeräusche".

"Null Erkenntnisgewinn"
Von den Modellregionen hält aber auch Haider nichts, sie würden "null Erkenntnisgewinn" bringen. Er würde sich von der Politik andere Prioritäten erhoffen: "Stattdessen zieht man aber immer wieder den Kasperl aus dem Sack und sagt, machen wir ein bisschen Gesamtschule oder schaffen wir die Noten wieder einmal ab."

Kollege Enzenhofer nickt zustimmend: "Es gibt in Österreich keine Diskussion mehr über Bildung, sondern nur über die Gesamtschule", sagt er. Dabei habe man die Gesamtschule ja in Österreich bereits, sie sei keine pädagogische Herausforderung mehr - etwa in der Volksschule. "Und dort funktioniert es ja auch. Eine Trennung ist nicht notwendig."

"Abschieben" verhindern
Auch Landau würde die 10- bis 14-Jährigen lieber in einer gemeinsamen Schule sehen. Dadurch würden die AHS-Lehrer den Luxus verlieren, Kinder in andere Schulen abschieben zu können. Einer derartigen Praxis würde Hopmann aber auch ohne Gesamtschule Einhalt gebieten. Er spricht sich dafür aus, dass einmal an einer Schule aufgenommene Schüler nicht mehr verwiesen werden dürfen.

"Man könnte mit ganz einfachen Mitteln im Verordnungswege sehr schnell Änderungen herbeiführen, die den Schülerinnen und Schülern helfen, die mehr Förderung brauchen als andere. Dazu braucht es keine Modellregionen", meint Hopmann. Die Runde nickt zustimmend.




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