• vom 07.04.2016, 10:55 Uhr

Politik


Dschihad

Im Heiligen Krieg




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Von Heiner Boberski

  • Expertengespräch über den Terror islamischer Extremisten.

Dschihadisten vor Gericht in Paris. Der Terror könne auch Österreich treffen, warnt Experte Peter Gridling. afp/Peyrucq

Dschihadisten vor Gericht in Paris. Der Terror könne auch Österreich treffen, warnt Experte Peter Gridling. afp/Peyrucq

Wien. "Was unseren Brüdern in Brüssel gelungen ist, kann auch dir gelingen." Solche Botschaften, illustriert mit dem Bild eines deutschen Flughafens, kursieren im Internet. Der Terror könne heute jeden treffen, auch in Österreich, betont Peter Gridling, Direktor des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Der Experte des Innenministeriums rechnet damit, dass wir mit "einem steigenden Anschlagsrisiko in Europa" rechnen müssen.

Der Terror islamischer Extremisten ist auf der politischen Weltbühne präsent. Das machte am Donnerstagabend der Auftritt von Gridling mit dem Orientalisten Rüdiger Lohlker von der Universität Wien im Rahmen der Reihe "Am Puls" des Wissenschaftsfonds FWF zum Thema "Dschihadismus - Rollen der (De-)Radikalisierung" augenfällig.


Gridling zog bei der Veranstaltung im Wiener Theater Akzent Bilanz der Terrorakte der letzten Jahre in Europa: mehr als 180 Tote und mehr als 700 Verletzte. Dazu kamen in Urlaubsregionen der Europäer, etwa in der Türkei, weitere 150 Tote und 800 Verletzte. In dieser Situation müsse die Politik reagieren, der Staat müsse Rahmenbedingungen zum besseren Schutz seiner Bürger schaffen, die Zivilgesellschaft müsse aber kooperieren.

Gridling verwies auf das aktuelle Verfahren gegen Mirsad O. in Graz, der etwa 50 Menschen bewogen haben dürfte, in den Dschihad zu ziehen. Den Behörden seien 267 Personen aus Österreich bekannt, die sich zur Teilnahme an den Kämpfen in Syrien und im Irak entschlossen haben. Von diesen Dschihadisten seien mutmaßlich 44 dort zu Tode gekommen, 44 konnten an der Reise gehindert werden, 79 seien zurückgekehrt und 100 noch in den Kampfregionen aktiv. 170 dieser Personen waren bei der Rekrutierung jünger als 25 Jahre, weitere 72 jünger als 40 Jahre. Unter den 57 Frauen befanden sich relativ viele junge Mädchen.

Die meisten Dschihadisten, über 100, sind Tschetschenen aus der Russischen Föderation, die ihren Widerstand gegen Wladimir Putin in ein anderes Land getragen haben. 89 Dschihadisten, also ein Drittel von allen, sind oder waren österreichische Staatsbürger, etliche davon ohne jeden Migrationshintergrund.

Gridling wies auch auf die letzte große Flüchtlingsbewegung hin und betonte: "Flüchtlinge sind für uns keine Terroristen." Es seien aber einige mutmaßliche Terroristen in Haft, die sich unter die Flüchtlinge gemischt haben.

Dschihad hat im Islam zwei Hauptbedeutungen. Es kann um den inneren Kampf einer Person gegen schlechte Neigungen gehen, aber auch um den "Heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen. Der heutige Dschihadismus beziehe sich nur auf die militärische Bedeutung, so Rüdiger Lohlker, umfasse viele Gruppierungen und sei keineswegs nur auf den "Islamischen Staat" (IS) beschränkt: "Wenn man in Syrien nach ,guten Dschihadisten‘ sucht, frage ich mich, ob man in den letzten Jahrzehnten nichts gelernt hat." Der Krieg in Syrien sei in der arabischen Welt auch bewusst gefördert worden, um dem Volk vor Augen zu führen: Ein Aufstand gegen die Machthaber endet in einer Katastrophe.

Lohlker nannte Syrien den "Friedhof des Arabischen Frühlings". Der Dschihadismus des IS ist laut Lohlker nicht nur Ideologie, sondern auch Theologie. Er vertrete das Gottesbild "eines rächenden, nach Gewalt gierenden Gottes", komme aus dem sunnitischen Islam der arabischen Halbinsel und sehe vor allem die Schiiten als den absoluten Feind. Im Grunde bekämpfen solche Gruppen aber alle, die nicht ganz auf ihrer Linie sind. Die Zerstörung von religiösen Objekten ziele auf die "Schaffung eines leeren religiösen Raums" mit der Botschaft an alle anderen: "Es gibt nur noch uns." Faktum ist, dass der dschihadistischen Aggression bisher in der Mehrzahl Muslime zum Opfer gefallen sind.

Meist ist es der Mangel an Perspektiven, der junge Leute für die Propaganda islamischer Extremisten empfänglich macht, denn im Radikalisierungsprozess spielt Religion noch eine geringe Rolle.

Sowohl Gridling als auch Lohlker plädierten für eine zurückhaltende Medienberichterstattung zu diesem Thema und strichen die Bedeutung von Prävention heraus - durch die Schulen, durch Informationsveranstaltungen und Beratungsstellen, durch die Aktivitäten des "Radicalisation Awareness Network" (RAN) der Europäischen Kommission.




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