• vom 02.08.2016, 18:03 Uhr

Politik

Update: 04.08.2016, 11:57 Uhr

Sprachniveau

Korrektes Deutsch, korrekter Job?




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Von Werner Reisinger

  • Wie wirken sich Kurzdeutsch und Jugendsprache auf die Chancenam Arbeitsmarkt aus?

Illustration: wz/hack, Fotolia/Fiedels

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Wien. "Mama, kann ich ein Eis?" - "Was, anschauen?" Vielen Eltern sind derartige Wortwechsel nur allzu vertraut. So manche Mutter und so manchen Vater bringt die Ausdrucksweise der Sprösslinge regelmäßig sprichwörtlich zur Verzweiflung. Darauf zu achten, dass sich der Nachwuchs gut ausdrücken kann, um in der Ausbildung und im Arbeitsleben mithalten zu können, ist für die meisten Eltern ein zentrales Ziel der Erziehung.

Sprachlicher Krieg zwischen Jung und Alt? Nichts Neues, könnte man einwenden. Zu Recht, schließlich sind Klagen über Wortschatz und Ausdrucksweise der Jugend so alt wie die menschliche Gesellschaft selbst, und für jede neue Generation ist die eigene, subkulturelle Sprache nicht nur wichtig für die Identifikation mit der sozialen Gruppe, sondern immer auch Mittel der Auflehnung gegen die von den älteren Generationen vorgegebenen Normen.

Fremder Akzent kein Problem

"Kurzdeutsch" nennen Sprachwissenschafter diese Ausdrucksweise. Entstanden in migrantisch geprägten Jugendszenen, haben sich sprachliche Verkürzungen wie "Gemma Kino?" in der Alltagssprache der Jugendlichen generell durchgesetzt. "Heute ist das Kurzdeutsch schon bei Notaren und Ärzten angelangt", weiß die deutsche Sprachwissenschafterin Diana Marossek im April in der Zeitschrift "News" zu berichten. Zeitdruck und Abkürzungen in der täglichen digitalen Kommunikation hätten den Trend zudem verstärkt. Kritik an der Kurzsprachkultur wird gerne als Pedanterie abgetan, und nicht nur Wissenschafter warnen vor Schwarzmalerei, was die Entwicklung der deutschen Sprache angeht. Jede Zeit habe ihre Moden, die würden sich auswachsen, vom Kurzdeutsch würden nur einige Wendungen in der Umgangssprache hängen bleiben, so die Wiener Linguistin Ilse Porstner in "News".

Was aber, wenn Jugendliche nicht mehr ausreichend in der Lage sind, sich in Kontexten außerhalb des Freundeskreises entsprechend auszudrücken? Haben Jugendliche durch ihre Sprachkultur Defizite bei Bewerbungen und am Arbeitsmarkt?

Jein, so der Tenor bei der Wiener Wirtschaftskammer (WKW). Wie aus der 2015 vorgelegten Bildungsbedarfsanalyse hervorgeht, stufen fast zwei Drittel der 1339 befragten Wiener Unternehmer das Niveau der Pflichtschulabgänger, die sich für eine Lehrstelle bewerben, als eher schlecht oder schlecht ein. Je nach Sparte spielen die sprachlichen Kompetenzen der Bewerber eine mehr oder weniger zentrale Rolle bei der Entscheidung, an wen eine offene Lehrstelle vergeben wird.

In der Baubranche würden vor allem kleinere Firmen verstärkt Wert auf gute Ausdrucksformen legen, da in solchen Betrieben nicht nur leitende, sondern auch ausführende Mitarbeiter viel Kundenkontakt haben würden, meint Alexander Eppler, WKW-Bildungsbeauftragter der Sparte Gewerbe und Handwerk. Sprachdefizite, so seine Beobachtung, würden sich in der Branche vor allem negativ auf den Erfolg in der Berufsschule auswirken - was wiederum zu Problemen im Betrieb führen kann. Anders in der Sparte Tourismus und Gastronomie: "Fremde Akzente sind für die wenigsten Arbeitgeber ein Problem. Wenn aber Servicepersonal gesucht wird und Bewerber kein grammatikalisch sauberes Deutsch sprechen, haben sie bei Bewerbungen wenig Chance", sagt Gerry Hornek, WKW-Lehrlingsbeauftragter der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft. Zwar müsse man akzeptieren, dass Sprache und vor allem die Alltagssprache einem stetigen Wandel unterworfen sei, den es auch zu berücksichtigen gelte. Mangelnde Sprachkenntnisse der Lehrlinge seien aber in der Branche aktuell ein großes Thema.

Ausbildungsschwierigkeiten

Defizite bei der Verwendung einer korrekten Umgangssprache sind für Hornek vor allem schuld daran, dass immer mehr Jugendliche eklatante Mängel in der Allgemeinbildung aufweisen würden. "Wenn Arbeitgeber den Lehrlingen Grundlegendes vermitteln müssen, was eigentlich das Elternhaus oder die Schule erledigen hätten müssen, wirkt sich das negativ auf die eigentliche Ausbildung aus", sagt Hornek. Aufgrund der vermehrten sprachlichen Defizite bei Lehrlingen würden große Lebensmittelketten wie Spar oder Rewe bereits auf interne Deutschkurse setzen, heißt es aus der zuständigen WKW-Sparte. Doch auch im Handel beklagt man mangelndes Allgemeinwissen und fehlende Grundfertigkeiten.

Dass nicht die Ausdrucksweise an sich, sondern Sprache als Mittel zum Kompetenzerwerb das Problem darstellt, weiß auch Ercan Nik Nafs, Leiter der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft: "Die Probleme beginnen in der Schule und setzen sich dann am Arbeitsmarkt fort." Der Mangel an Jobs mit niedriger Qualifikationsanforderung führe dann zu einer Selektion. Jugendliche mit Sprachdefiziten würden die schlechtesten Karten haben.





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Dokument erstellt am 2016-08-02 18:08:04
Letzte nderung am 2016-08-04 11:57:35



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