• vom 17.09.2016, 12:30 Uhr

Politik


Political Correctness

"Es gibt kein Recht auf Behaglichkeit"




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Von Werner Reisinger

  • Die Philosophin, Künstlerin und Autorin Lisz Hirn im Interview über politisch korrekte Sprache im Wahlkampf.



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Wien. Als "Zeit fokussierter Unintelligenz" hat Wiens Bürgermeister Michael Häupl den Wahlkampf bezeichnet. Auch im laufenden und nicht enden wollenden Präsidentschaftswahlkampf fliegen die Hacken tief. Eine Richtungsentscheidung, heißt es.

Die antagonistischen Standpunkte der beiden Lager spiegeln sich auch in der im Wahlkampf verwendeten Sprache. Was bewirkt politisch korrekte oder unkorrekte Sprache in einer polarisierten Gesellschaft? Die Philosophin, Künstlerin und Autorin Lisz Hirn beobachtet seit geraumer Zeit Praxis und Auswirkungen von Political Correctness.

"Wiener Zeitung": Der Stammtisch, das Netz, die politische Auseinandersetzung rund um die Hofburg-Wahl: Die politische Öffentlichkeit ist tief gespalten, heißt es. Stimmt das aus Ihrer Sicht?

Lisz Hirn: Mir scheint, als wären wir in Österreich endgültig aus dem "politischen Dornröschenschlaf" erwacht und wissen nicht, was sonst noch gehen könnte. Wir sind politische Gewohnheitstiere geworden. Die Wahlanfechtung der FPÖ und nun die neuerlichen Probleme mit den Wahlkuverts, all das stellt uns vor Herausforderungen, die wir so nicht kannten. Und mit denen wir uns jetzt - wohl oder übel - beschäftigen müssen.

Davon abgesehen frage ich mich, wann wir glauben, dass Politik funktioniert? Wenn keiner streitet und Konsens herrscht? Politik, so bringt es Jacques Rancière auf den Punkt, ist nicht die Kunst, eine Gemeinschaft zu führen, das ginge auch nur mithilfe der Polizei und des Militärs. Politik besteht vielmehr genau dann, wenn Subjekte die vorgegebenen gesellschaftlichen Bedingungen infrage stellen und darüber in Streit treten. Genau das sehe ich aber durch dieses merkwürdige Phänomen einer vermeintlichen Political Correctness gefährdet.

Wenn Norbert Hofer vom "grünen faschistischen Diktator" spricht, der Van der Bellen sein soll, weil er sich weigert, eine FPÖ geführte Regierung anzugeloben: Tut er das, weil er weiß, dass dies im gegnerischen Milieu zu Aufregung führen wird? Weil er bewusst politisch unkorrekt provozieren will?

Es führt nicht nur im gegnerischen Milieu zu Aufregung. Starke Begriffe führen zu starken Emotionen. Das ist nichts Neues, alle Parteien versuchen, im Wahlkampf Emotionen zu erzeugen. Mit dem zitierten Ausspruch hat die FPÖ gefinkelt versucht, die gegnerische Seite mit den eigenen Waffen zu schlagen. In dem Moment, in dem der Begriff "grüner faschistischer Diktator" bewusst benutzt und damit zu einer willkürlichen Beschimpfung gemacht wurde, wird der Ausdruck banalisiert.

Der Begriff beinhaltet ja eigentlich den Vorwurf eines bestimmten politischen Gedankenguts - und trotzdem wird seitens der eigentlich Belasteten so getan, als könnte der "schwarze Peter" einfach weitergegeben werden.

Haben wir es hier mit einem Ping-Pong-Spiel der politisch korrekten/politisch unkorrekten Kommunikationsweise zu tun? Welche Rolle spielt politisch korrekte Sprache dabei?

In einer Gesellschaft, in der "Wohlfühlen" auf allen Ebenen, die höchste Priorität genießt, wird Political Correctness hoch geschätzt. Auch in der Politik. Man bleibt seiner Klientel treu, kann unangenehme Meinungen kategorisch ausklammern und es sich bequem in der eigenen Blase einrichten. Das relativ junge Phänomen politische Korrektheit wird besonders von den Gruppen geschätzt, die den Konsens lieben und nach mehr sozialer Legitimität streben. Alles gut und schön.

Das Problem ist aber, dass wir mit unserem Streben nach oberflächlicher Korrektheit in eine, um Slavoj Zizek zu zitieren, "Euphemismus-Tretmühle" geraten. Neuschöpfungen und Euphemismen allein verhindern, geschweige denn lösen die tatsächlichen Ursachen von Rassismus, Sexismus und Behindertenfeindlichkeit nicht, sondern verschieben sie. Das muss die Linke einsehen. Es reicht nicht, ständig neue Begriffe zu konstruieren und den Zeigefinger zu heben. Wesentlich ist doch, dass sich mit den Begriffen auch die sozialen und politischen Umstände ändern.

Passiert das denn nicht? Was bewirkt es beispielsweise, wenn Politiker in Radio- oder TV-Interviews bewusst das Binnen-I "sprechen" - also nur mehr die weibliche Form verwenden?

Natürlich ist es eine bewusste, strategische Entscheidung, mit der Politiker viel über sich verraten. Eine schwierige? Für manche noch eine ungewohnte. Ich finde aber die Sichtbarmachung der Frauen im Schriftbild sehr begrüßenswert. Das Binnen-I ist, gerade bei amtlichen Dokumenten, mehr als Political Correctness.

Es hat sich dadurch sehr wohl einiges verändert in der Selbstwahrnehmung vor allem junger Frauen. Das weiß ich aus meinen Projekten mit Jugendlichen. Wenn die FPÖ diese Sichtbarmachung für unnötigen Aufwand hält, dann verrät sie viel über ihr gesellschaftliches Bild und Programm. Allerdings halte ich es für kontraproduktiv, nur mehr die weibliche Form zu sprechen. Das weckt Aggressionen, weil es wiederum ausschließt.

Gibt es zwei Sphären, eine "digitale" und eine im "echten Leben", und Letztere ist von der Political-Correctness-Dynamik nicht so stark beeinflusst?

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-16 15:47:05
Letzte nderung am 2016-09-16 18:29:39



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