• vom 09.11.2016, 17:37 Uhr

Politik

Update: 09.11.2016, 18:37 Uhr

Renationalisierung

Die Macht der Verlierer




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Marina Delcheva

  • Negative Folgen der Globalisierung und die Ratlosigkeit der Politik treiben Wähler in die Arme von Populisten.



Wien. Winston Churchill hat einmal gesagt: "Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem Durchschnittswähler." Nun, ganz so einfach ist es nicht. Denn der Durchschnittswähler ist wütend, unzufrieden und in der Überzahl. Und das lässt er die etablierte Politik überall auf der Welt spüren.

"In einem Punkt würden auch die Österreicher Donald Trump wohl zustimmen: Die Finanzmärkte haben die Reichen noch reicher gemacht und die Armen ärmer, auch wenn das nicht so einfach ist", sagte der Ökonom Karl Aiginger bei seiner Antrittsvorlesung zum Thema "Globalisierung und Renationalisierung" an der Wirtschaftsuniversität Wien. Es ist diese Mischung aus Abstiegsangst, steigender Ungleichheit und einer Globalisierung und Technologisierung, die auch Verlierer mit sich bringen, die die Menschen in Massen zu Populisten wie Trump, Frankreichs Marine LePen aber auch zu Norbert Hofer treiben.

Werbung

"Dieses Gefühl, dass es bergab geht, ist der Knackpunkt", sagt die Politologin Eva Zeglovits. "Trump hat die falschen Antworten auf richtige Fragen", so Aiginger. Und diese Antworten sind meist sehr simpel und international wirksam: Das Establishment repräsentiert euch nicht mehr. Schuld am Abstieg sind Kräfte von außen, vor die es sich abzuschotten gilt. Hinter den einfachen Parolen stecken jedoch komplexe Probleme, für die es keine einfachen Lösungen gibt.

Ungleichheit ist neue Armut
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die weltweite Armut halbiert, erklärt der ehemalige Wifo-Chef Aiginger. Das liegt zum Teil an politischen Bestrebungen, zum Teil an der Globalisierung. Letztere hat eine Vielzahl von Gütern billiger und damit für eine Vielzahl von Menschen verfügbar gemacht. Die Lebenserwartung steigt zudem weltweit.

Auch in Österreich ist die Armut dank Umverteilung und sozialer Netze seit 2008 gesunken, wie Zahlen der Statistik Austria zeigen. Damals galten 15,2 Prozent der heimischen Haushalte als von Armut gefährdet. Sie verfügten also über weniger als 60 Prozent des österreichischen Medianeinkommens. Heute sind es nur noch 13,9 Prozent.

Gestiegen ist allerdings, trotz steigender Bruttolöhne, die Ungleichheit, und zwar weltweit und hierzulande. Die Realeinkommen der untersten Einkommensschichten sind gesunken, während jene in den höchsten Schichten gestiegen sind. Wenn jemand 1998 im untersten Einkommenszehntel umgerechnet 100 Euro verdient hat, ist dieses Einkommen 2013, bereinigt um die Inflation, auf 65 Euro gesunken, zeigen Zahlen der Statistik Austria. Das liegt vor allem daran, dass der Anteil an Teilzeit- und prekärer Beschäftigung gewachsen ist. Anders beim obersten Einkommensdezil. Dort stieg das real verfügbare Einkommen 2013 auf 104 Euro.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-09 17:41:06
Letzte nderung am 2016-11-09 18:37:03



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Hofer und die Falschmeldung
  2. Der panierte Beruf
  3. "Meine Diplomarbeit wird missbraucht"
  4. Dritter Anlauf zur Bundespräsidentenwahl
  5. Gegen das "Establishment"
Meistkommentiert
  1. "Meine Diplomarbeit wird missbraucht"
  2. Hofer und die Falschmeldung
  3. "Was Sie über die Medien nicht erfahren können"
  4. Die Wut der Kleingärtner
  5. Auf Distanz zum Rechtspopulismus

Werbung