• vom 30.11.2016, 20:00 Uhr

Politik

Update: 05.12.2016, 20:35 Uhr

Bundespräsidentenwahl

Die Wut der Kleingärtner




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Von Bernd Vasari

  • Kaum ein Wiener ist so privilegiert wie die Kleingärtner der Wasserwiese im 2. Bezirk. Trotzdem sind sie frustriert.

"Früher waren wir die Mehrheit, heute sind wir nur noch die Minderheit", heißt es von den Gärtnern, die nicht namentlich genannt werden wollen. - © Nathan Spasic

"Früher waren wir die Mehrheit, heute sind wir nur noch die Minderheit", heißt es von den Gärtnern, die nicht namentlich genannt werden wollen. © Nathan Spasic



Wien. Gabi hat es sich in ihrem Liegestuhl bequem gemacht. Sie blinzelt in die Sonne, die nach mehreren grauen Novembertagen durch die Wolken bricht. Ein warmer Wind streichelt sanft über die dichten Hecken und akkurat gestutzten Sträucher ihres Kleingartens. Sie umschließen das Areal wie eine Mauer und machen Gabis Reich uneinsehbar. Die pensionierte Beamtin schließt die Augen. Kein Geräusch stört ihre Ruhe.

Doch plötzlich klatscht ein Sackerl auf den Rasen. Sie schreckt aus dem Liegestuhl hoch. Obwohl Gabi nicht sieht, wer es über die Hecken in ihren Garten geworfen hatte, kennt sie doch den Inhalt: Blumensamen und Parteiwerbung. Es ist nicht das erste Mal, dass ihre Idylle durch ein fliegendes Sackerl gestört wird. Seit mehr als einem Jahr landet die Flugpost in ihrem Garten. Begonnen hat es im vergangenen Sommer während der Wahlkämpfe für die Bezirkswahl Leopoldstadt und die Wien-Wahl. Weiter ging es während des Wahlkampfs für die Wiederholung der Bezirkswahl und mittlerweile fliegen sie zum dritten Mal inmitten eines Präsidentschaftswahlkampfs.

"Was soll ich mit den Samen?", murmelt Gabi, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie schüttelt genervt den Kopf. "Die werden doch eh nichts." Die mitgelieferte Parteiwerbung beachtet sie erst gar nicht. Sie weiß ohnehin, dass sie auch dieses Mal die FPÖ wählen wird. So wie die meisten Gärtner in dem Leopoldstädter Kleingartenverein "Wasserwiese", der sich zwischen Donaukanal und Prater erstreckt. 54,25 Prozent (ohne Wahlkarten, Anm.) wählten hier Norbert Hofer (FPÖ) bei der Stichwahl im Mai. 20 Prozentpunkte mehr als im wienweiten Vergleich. Im ersten Wahlgang im März bekam Hofer sogar drei Mal mehr Stimmen als sein Rivale Alexander Van der Bellen, der in dem Sprengel damals trotzdem den zweiten Platz erreichte.

Hohe, blickdichte Hecken trennen die Parzellen.

Hohe, blickdichte Hecken trennen die Parzellen.© Nathan Spasic Hohe, blickdichte Hecken trennen die Parzellen.© Nathan Spasic

"Die SPÖ hat zu viele
Fremde hereingelassen"

Eine gespenstische Stille liegt über der knapp 280.000 Quadratmeter großen Kleingartenanlage. Eng aneinander gebaute Häuser stehen hier auf 858 Parzellen, begrenzt durch meterhohe Hecken. Zwischen ihnen führt ein schachbrettartiges elf Kilometer langes Wegenetz. Die Anlage wirkt wie eine Festung: heruntergezogene Rollos, vergitterte Fenster, Alarmanlagen und auf manchen Zäunen sogar Stacheldrahtschleifen.

"Wir haben schon sehr viele Einbrüche gehabt", sagt Gabi. "Ich war selbst ein Opfer davon. Seitdem fühle ich mich unsicher und bedroht." Wer die Täter waren, wisse sie zwar nicht, einen Verdacht habe sie aber trotzdem. Es waren mit Sicherheit "Fremde", wie sie sagt. Menschen, deren Sprache sie nicht verstehe und die aus dem Ausland kommen. Menschen, die keine "Unsrigen" sind. Immer wieder würde sie diese "Fremden" beobachten. Wie sie durch die Anlage gehen und fotografieren. Gabi deutet auf ihre blickdichten, etwa drei Meter hohen Hecken. "Natürlich gehst du dann immer höher. Es ist ein Selbstschutz. Ich habe Angst, dass ich ausspioniert werde."

Es ist ziemlich lange her, dass Gabi das Gefühl hatte, diese Stadt sei ihre Stadt. Damals, als sie noch die SPÖ wählte. Doch von den Genossen will sie heute nichts mehr wissen. "Die SPÖ hat zu viele Fremde hereingelassen", sagt sie. "Ich habe das Gefühl, dass ich verdrängt werde." Dann erzählt die pensionierte Beamtin von den Schleppern, die im vergangenen Jahr auf der Wiese neben den Gärten dutzende Flüchtlinge freigelassen haben. "Jeder in der Anlage hat sich gefürchtet", erinnert sich Gabi. "Wir haben die Polizei gerufen, aber sie kam nicht."

Die Verklärung der Vergangenheit: Sie gehört unter den Kleingärtnern zur gängigen Erzählform.

Die Verklärung der Vergangenheit: Sie gehört unter den Kleingärtnern zur gängigen Erzählform.© Nathan Spasic Die Verklärung der Vergangenheit: Sie gehört unter den Kleingärtnern zur gängigen Erzählform.© Nathan Spasic

"Der Österreicher weiß sich
nicht mehr anders zu helfen"

Noch heute würden sich "dunkle Gestalten" auf der Wiese herumtreiben. "Die brüllen um zwei Uhr in der Nacht in einer fremden Sprache herum", berichtet sie. Die Lautstärke stört Gabi dabei aber nicht. "Wenn es jugendliche Österreicher wären, die betrunken sind und da draußen herumbrüllen und ich verstehe es, dann denke ich mir o.k., kein Problem." Bei den "dunklen Gestalten" sei das aber anders. "Wenn ich es nicht verstehe, dann weiß ich ja nicht, was für eine Situation da draußen ist. Kommen die rein, werden sie mich überfallen?"

Ob Norbert Hofer als Bundespräsident und die FPÖ ihre Sorgen ernst nehmen würde? "Die FPÖ hat nicht die Antwort darauf, aber der Österreicher, der wählen darf, weiß sich nicht mehr anders zu helfen", sagt sie. Die derzeit regierenden Politiker seien jedenfalls zu abgehoben. "Die Jungen haben keine Arbeit, die Alten sollen bis zum Umfallen arbeiten. Das Schönreden hilft heute nichts mehr", sagt sie und legt sich zurück in ihren Liegestuhl.

Der Treffpunkt der Gärtner ist das Schutzhaus "Wasserwiese" am hinteren Ende der Gartenanlage. Es ist stets gut gefüllt. Zum Standard gehören hier der Bierbauch der Männer und die bunten Fönfrisuren der Frauen. Die Gärtner sitzen kartenspielend und plaudernd an den Tischen. Ihre Umgangssprache ist ein breites Wienerisch, garniert mit unendlichen Verniedlichungsformen. Hier heißt das panierte Fleisch Schnitzerl und der Gerstensaft Bierli. Beides wird in Massen konsumiert. "Ich brauche kein Handy", sagt einer. "Falls mich wer sucht, ich bin immer da." Lautes Gelächter.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-30 15:14:15
Letzte nderung am 2016-12-05 20:35:56



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