• vom 28.12.2016, 17:34 Uhr

Politik

Update: 30.12.2016, 10:02 Uhr

Arbeitsmarkt

Ältere Arbeitslose auf Leihbasis




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  • Immer mehr Menschen über 50 werden Leiharbeiter. Private Jobcoaches spezialisieren sich auf ältere Akademiker.

Im Baugewerbe werden Leiharbeiter nach wie vor stark nachgefragt.

Im Baugewerbe werden Leiharbeiter nach wie vor stark nachgefragt.© apa/dpa/Sebastian Kahnert Im Baugewerbe werden Leiharbeiter nach wie vor stark nachgefragt.© apa/dpa/Sebastian Kahnert

Wien. (jm) Mehr als 100.000 Menschen über 50 Jahre waren im November dieses Jahres arbeitslos oder befanden sich in Schulungen des Arbeitsmarktservice (AMS). Das sind um fast sechs Prozent mehr als im Vergleichsmonat des Jahres 2015. Seit einigen Jahren steigt die Arbeitslosigkeit in der Gruppe der Älteren überdurchschnittlich. Unter anderem, weil der Eintritt in die Früh- und die Invaliditätspension durch ein Bündel an Pensionsreformen deutlich erschwert wurde. Kurzum: Die Frühpension wird zum Auslaufmodell.

Für das Pensionssystem ist das eine gute, für die Arbeitslosenstatistik eine schlechte Nachricht. Die Chancen auf eine Wiedereinstellung für Arbeitslose über 50 sind gering, wenngleich AMS-Chef Johannes Kopf betont: "Wir werden immer älter, deshalb gibt es auch mehr Arbeitslose - aber auch mehr Ältere in Beschäftigung." Wie die Aufzeichnungen der Wirtschaftskammer zeigen, nehmen immer mehr Menschen aus dieser Altersgruppe einen Job als Leiharbeiter an.

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Tendenz steigt seit Jahren
Die Leiharbeitsbranche, ursprünglich vor allem in der Industrie und im Baugewerbe, ist in Österreich längst eine eigene Branche geworden, die aktuell rund 85.000 Menschen beschäftigt. Etwa 13.000 davon sind über 50 Jahre alt. Die Tendenz steigt seit Jahren auch aufgrund des demografischen Wandels kontinuierlich an.

Erich Pichorner kann diesen Trend nachvollziehen. "Die Leiharbeit bietet Über-Fünfzigjährigen eine gute Chance, beruflich wieder Tritt zu fassen", sagt er. Pichorner ist Bundesvorsitzender des erweiterten Bundesausschusses der Personaldienstleister in der Wirtschaftskammer Österreich und Geschäftsführer von Manpower Österreich, dessen US-amerikanische Mutter einst die Leiharbeit Ende der 1940er Jahre begründete. Die jährlichen Zuwachsraten bei den Über-Fünfzigjährigen in der Leiharbeitsstatistik schätzt Pichorner, der seit 17 Jahren in der Branche arbeitet, auf bis zu zehn Prozent. Konkrete Daten dafür gibt es nicht. "Vor über zehn Jahren war es aber noch schwierig, Menschen über 40 zu vermitteln", sagt er. Pichorner beobachtet, dass auch Höherqualifizierte zunehmend einen Job als Leiharbeiter annehmen. "Weil sie sich auf dem Arbeitsmarkt leichter tun", sagt der Manpower-Chef. Für niedrigqualifizerte Arbeitskräfte werde es immer schwierig bleiben, führt er aus.

Keine dauerhafte Beschäftigung
Die Leiharbeit, auch Arbeitskräfteüberlassung genannt, hat in Österreich in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Mit 85.000 Menschen im November steht sie auf einem "historischen Hoch", so Pichorner. Leiharbeiter werden beispielsweise bei kurzfristigen Arbeitsspitzen in der Industrie, im Baugewerbe, aber auch zunehmend im Dienstleistungssektor eingesetzt. Eine dauerhafte Beschäftigung bei einem Unternehmen bleibt für Leiharbeiter aber vielfach eine Illusion. Durch die Saisonalität, vor allem im Montagebereich und Baugewerbe, kommt es für die Zeitarbeiter zu natürlichen Stehzeiten.

Die Branche kämpft nach wie vor mit einem schlechten Image. Erst vor drei Jahren erhielten Leiharbeiter mehr Rechte, die vor allem ihre fehlende Akzeptanz in den Auftragsunternehmen betrafen. So dürfen überlassene Arbeitskräfte nicht mehr bei Kantine, Arbeitskleidung, Sozialleistungen, Betriebspensionen und Angeboten, wie einem betrieblichen Kindergarten, diskriminiert werden. Die Gewerkschaft beklagte stets fehlende Mitbestimmung und eine Aufspaltung der Belegschaft.

Private Jobcoaches
Unterdessen gibt es immer mehr Angebote von privaten Jobcoaches, zugeschnitten auf die stetig wachsende Gruppe gutausgebildeter, älterer Arbeitsloser. Einer der Anbieter ist Peter Marsch. Seit fünf Jahren berät er mit seiner Personalberatungsfirma "jobs" Besserqualifizierte und Akademiker. Für 95 Euro bekommt man eine individuelle Beratung. Marsch sieht eine Chance neben dem AMS, das aus seiner Sicht bestimmte Ressourcen nicht anbietet. "Die Nachfrage steigt", sagt er. Marsch hat einen "Jobbutler" entwickelt, der einige hundert Blindbewerbungen an Firmen schickt. Der Jobroboter orientiert sich dabei an den Lebensläufen der Bewerber und sucht nach passenden Stellen für die jeweilige Person.

AMS-Chef Johannes Kopf bestätigt, dass sich neben dem öffentlichen ein privater Markt für Jobcoachings aufgetan hat. "Aber riesig ist er nicht", führt er aus. Das Sozialministerium, das auch für den Konsumentenschutz zuständig ist, sieht in privaten Anbietern kein Problem. Es muss beide Angebote geben, so ein Sprecher, nur dürfe die staatliche Unterstützung für Arbeitslose nicht kleiner werden.




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Dokument erstellt am 2016-12-28 17:38:05
Letzte nderung am 2016-12-30 10:02:04



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