• vom 18.01.2017, 17:15 Uhr

Politik

Update: 25.01.2017, 16:04 Uhr

Populismus

"Future Ethics" - Talk: Bitte mehr streiten




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  • Ruth Wodak und Gertraud Knoll über Sprache und Populismus.

Ruth Wodak (l.) und Gertraud Knoll-Lacina. - © Simon Rainsborough

Ruth Wodak (l.) und Gertraud Knoll-Lacina. © Simon Rainsborough

Wien. (red.) Was ist nur los mit unserer Politik: Warum gelingt es unerfahrenen Politikern, mit einfachen Slogans und mitunter glatten Unwahrheiten, Mehrheiten auf sich zu vereinen, zumindest aber die etablierten Parteien in die Defensive zu drängen? Wieso hat die traditionelle Politik verlernt, verständlich zu formulieren? Solche Fragen werden nicht erst seit Donald Trump, dem Brexit, Syriza, Beppe Grillo und den 46 Prozent für Norbert Hofer bei der Bundespräsidentenwahl diskutiert. Aber seit all diesen Ereignissen um so dringlicher.

Vor diesem Hintergrund - und dem 500. Jubiläumsjahr der Reformation - diskutierten die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak und die ehemalige Superintendentin und SPÖ-Politikerin Gertraud Knoll-Lacina auf Einladung der "Wiener Zeitung" und der Diakonie im Rahmen der "future ethics"-Talkreihe über "Sprache und Populismus: ‚Dem Volk aufs Maul schauen‘".


Für sich genommen, erläuterte die Sprachforscherin Wodak, "ist Populismus weder gut noch schlecht", sondern schlicht eine geradezu notwendige Technik, politische Botschaften eingängig und allgemein verständlich zu kommunizieren. Das gebe es von links wie rechts. Problematisch werde es da - und dies zeichnet für Wodak den Rechtspopulismus aus -, wo es um ein Zurückdrängen erreichter Fortschritte und die Instrumentalisierung von Ängsten in der Sprache gehe. Und wenn damit eine Ausgrenzung aufgrund von ethnischen und nationalen Kriterien erfolge - Wodak spricht hier von einer "Volkskörper-Ideologie und Blut-und-Boden-Rhetorik" -, wie es im rechtspopulistischen Diskurs üblich sei.

Mitverantwortlich für die Krise der liberalen Demokratie und den Höhenflug des Rechtspopulismus ist für Knoll aber auch der Verlust einer Streitkultur: "Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mir dieses ,genug gestritten‘ auf die Nerven geht." Mit diesem Slogan trat Werner Faymann als Bundeskanzler und SPÖ-Chef zur Nationalratswahl 2008 an. Für Knoll hat er damit der FPÖ in die Hände gespielt: Sie würde "gerne viel mehr streiten in der Politik", aber, so die These der ehemaligen Bischöfin und SPÖ-Politikerin, "je mehr wir unsere eigenen Fundamente mit Füßen treten, je mehr wir die Menschenrechte durch Obergrenzen für Asylsuchende oder Kopftuch-Debatten aushöhlen, desto mehr müssen wir - ganz scheinheilig - über ‚unsere Werte‘ diskutieren. Diese Gleichzeitigkeit macht mich schon länger stutzig."

Ist es ein wirksames Gegenmittel gegen Populisten, wieder offener und mit weniger Tabus zu streiten? Knoll: "Ich kann mit Formeln wie, man müsse ‚die Ängste der Leute wieder ernst nehmen‘, nichts anfangen, das ist nur ein Vorwand, dem Volk nach dem Mund zu reden. Wenn Argumente nicht mehr greifen, sind auch Debatten völlig sinnlos."

Auch Wodak ist nicht bereit, über alles zu reden: "Ich bin ganz froh, dass es in Österreich das Verbotsgesetz gegen NS-Wiederbetätigung gibt." Ganz grundsätzlich sei es jedoch unerlässlich, Konflikte auszutragen und Ängste zu äußern, doch das allein reiche nicht: "Ja, man muss den Mensch zuhören, aber wenn man das ernst nimmt, dann muss man jetzt auch etwas tun, damit diese Ängste aufgelöst werden und sinnvolle Lösungen angegangen werden. Vom Reden allein werden wir diese Probleme nicht in den Griff bekommen."

Der rhetorischen Manipulationskraft der Populisten steht auf der anderen Seite die verödete Sprachwüste der etablierten Politik gegenüber. Für die Linguistin Wodak liegt hier ein Kernproblem österreichischer Politik: Rhetorik ist für sie "eine Kunst, die gelernt und geübt werden muss", was jedoch in Österreich - und im Gegensatz etwa zu Großbritannien - überhaupt nicht geschehe. Das habe zur politischen Sprachlosigkeit vieler Politiker geführt.

Gibt es ein erfolgversprechendes Rezept für die etablierten Parteien gegen die Herausforderer von Rechtsaußen? Der Rat vom Podium: Nicht versuchen, die Gegner selbst rechts zu überholen und deren Forderungen übernehmen; und, dies vor allem, selbst alternative Inhalte zu benennen als Gegenrezept zur Schreckstarre.


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Dokument erstellt am 2017-01-18 17:20:07
Letzte nderung am 2017-01-25 16:04:54



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