• vom 13.03.2017, 17:17 Uhr

Politik

Update: 20.03.2017, 16:03 Uhr

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Die zwei Seiten von Teilzeitarbeit




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Von Max Haller

  • Ein rein negativer Blick auf Teilzeitarbeit greift zu kurz. Ein Gastbeitrag des Soziologen Max Haller.



Wien. Derzeit wird viel über Teilzeitarbeit von Frauen berichtet. Dies ist auch richtig, hat doch die Arbeitszeit großen Einfluss auf Wohlbefinden, Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Bei der Diskussion wird aber vielfach nur eine Seite der Medaille dargestellt. So berichtete die "Wiener Zeitung" unter dem Titel "Tradition schlägt Realität", Frauenteilzeitarbeit habe "viele Gründe und negative Folgen"; darunter werden genannt: Erschwerung des beruflichen Aufstiegs; geringere Entlohnung und Pensionen und als Folge hohes Armutsrisiko; Letzteres gilt auch im Falle einer Scheidung. Ähnlich argumentiert Elfriede Hammerl im "profil": "Solange Teilzeitjobs ein hohes Armutsrisiko bedeuten, das vor allem Frauen zugemutet wird, sind sie kein freundliches Angebot, Work und Life schön auszubalancieren, sondern ein Drahtseilakt mit großer Absturzgefahr, bei dem Kosten für Vollarbeitsplätze und Kosten für qualitätsvolle Hilfe bei der Kinderbetreuung zulasten von Arbeitnehmerinnen eingespart werden."

Tatsächlich hat die Teilzeitarbeit von Frauen stark zugenommen, von 26 Prozent 1994 auf 48 Prozent 2015; der Großteil der Zunahme der weiblichen Erwerbsteilnahme von 46 Prozent auf 52 Prozent ist auf sie zurückzuführen. Als Hauptgrund für Teilzeitarbeit geben die Frauen nach allen Umfragen den Wunsch nach mehr Zeit für Familie und Kinder an. Daran ist wohl kaum zu zweifeln. Die Frage scheint aber zu sein: Wie ist dieser Wunsch zu deuten? Ist es eine individuell tatsächlich gewünschte Haltung und Entscheidung, die man als solche - auch sozialpolitisch - respektieren sollte, oder stellt sie nur eine Anpassung an gegebene Umstände dar? Katholische, bürgerliche Autoren und Gruppen betonen den ersteren Aspekt, feministische, sozialdemokratische und gewerkschaftsnahe den letzteren.

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Was wollen die Menschen?


© apa/dpa/Peter Kneffel © apa/dpa/Peter Kneffel

Aus soziologischer Sicht müssen wir davon ausgehen, dass alle Menschen Entscheidungen wohl überlegen und die für sie relativ beste Wahl treffen. Trotzdem ist zu untersuchen, ob diese Entscheidung nicht letztlich doch durch gewisse Zwänge - traditionalistische Haltungen, Druck von Partnerseite, Mangel an Kinderbetreuung - bestimmt wird.

Die Arbeitszeitwünsche von Frauen sprechen nicht dafür, dass die Frauen selbst hier nicht frei wählen können. Laut Eurobarometer-Umfrage 2012 wollen von allen Arbeitnehmern 29 Prozent ihre Arbeitszeit verkürzen (Männer und Frauen gleichermaßen), 22 Prozent (Männer) beziehungsweise 27 Prozent (Frauen) sie verlängern. Teilzeitbeschäftigte Frauen wollen zu 39 Prozent länger arbeiten (zu 16 Prozent aber auch kürzer); vollerwerbstätige Frauen wollen die Arbeitszeit aber zu 43 Prozent verkürzen und zu 12 Prozent verlängern.

Deutlich häufiger ist der Wunsch nach längerer Arbeitszeit etwa in Spanien und Griechenland. Die südeuropäischen Länder sind aber auch jene, in welchen die Erwerbsquote von Frauen deutlich niedriger liegt, zwischen 50 und 60 Prozent, als in Österreich und Nordeuropa, wo sie 70 Prozent und mehr beträgt. Die Tatsache, dass Teilzeitarbeit in Ländern mit einer besseren Arbeitsmarktsituation für Frauen höher ist, deutet wohl klar darauf hin, dass Frauen bei uns eher die Möglichkeit haben, zwischen Voll- und Teilzeiterwerbstätigkeit zu entscheiden.

Der wichtigste Grund für Teilzeitarbeit ist nicht nur, mehr Zeit für Kinder und Familie zu haben, sondern auch ein weniger stressfreies Alltagsleben. Viele Studien zeigen, dass berufstätige Frauen mit Kindern heute zu den zeitlich am stärksten belasteten Gruppen gehören. Selbst für viele Frauen in Teilzeitarbeit stellt das Leben einen "alltäglichen Wahnsinn" dar, wie eine Autorin schreibt. Interessant ist auch hier der internationale Vergleich. In einer Studie des International Social Survey über Freizeitstress gaben im Durchschnitt aller 36 verglichenen Länder 28 Prozent an - ein bemerkenswert hoher Anteil -, oft oder sehr oft Stress in der Freizeit zu verspüren; nie war es nur bei 19 Prozent der Fall. Interessanterweise schnitten die deutschsprachigen und andere kontinentaleuropäische Länder (Frankreich, Niederlande) am besten ab; hier leiden weniger als 20 Prozent (in Österreich 14 Prozent) an Freizeitstress. Die skandinavischen Länder lagen deutlich darüber, im weltweiten Durchschnitt von 25 bis 30 Prozent .

Verklärtes Vorbild Schweden
Im Zusammenhang mit anderen Daten zeigt sich, dass das schwedische Modell der vollen Inklusion von Frauen (und Männern) in das Erwerbsleben, die auch notwendig ist, um den extensiven Sozialstaat zu finanzieren, die Kehrseite hat, dass ein ökonomischer und sozialer Druck zu voller Erwerbstätigkeit aller Frauen besteht. Relevant ist auch die Sicht von Kindern: Eine Befragung von Kindern in Graz und Weiz 1993 zeigte, dass der mit Abstand stärkste Faktor für das Wohlbefinden von Kindern die Zeit ist, welche die Eltern für sie haben; Kinder in der Kleinstadt Weiz waren signifikant zufriedener als jene in Graz, was auch mit den unterschiedlichen Zeitregimes in einer Großstadt zu tun hat.

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Schlagwörter

femstorm, Teilzeit, Frauen, Arbeitszeit

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-13 17:23:07
Letzte nderung am 2017-03-20 16:03:11



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