• vom 20.04.2017, 17:06 Uhr

Politik

Update: 20.04.2017, 18:31 Uhr

Demokratie

Suche nach dem "starken Mann"




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  • Eine Studie zeigt, dass immer mehr Menschen autoritären Ideen anhängen.



Wien. (kats) Die gute Nachricht zuerst: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl jener Menschen, die Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus ansehen, deutlich gesunken. Auch die Zahl der Menschen, die denken, dass die Diskussion über den Holocaust beendet werden sollte, ist seit 2007 von 36 auf 28 Prozent zurückgegangen.

Ansonsten sind die Ergebnisse der aktuellen Studie zum Thema NS-Geschichtsbewusstsein und Demokratieverständnis in Österreich, die am Donnerstag präsentiert wurde, eher beunruhigend. Sora hat, finanziert vom Zukunftsfonds und gemeinsam mit dem Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien, Anfang des Jahres 1000 Personen telefonisch befragt und die Ergebnisse mit jenen einer exakt gleichlautenden Befragung aus 2007 verglichen.

Alter und Bildung beeinflussen Einstellung zum NS-Regime

Daraus geht hervor, dass vor allem zwei Dinge die Einstellung zum Nationalsozialismus maßgeblich beeinflussen: Alter und Bildung. Denn während 86 Prozent der Befragten mit Uni-Abschluss der Meinung sind, der Nationalsozialismus habe nur oder großteils Schlechtes gebracht, sind nur 27 Prozent der Pflichtschulabsolventen dieser Meinung. Und: Ein Drittel der unter 35-Jährigen kann zur Frage, ob der Nationalsozialismus nur Schlechtes gebracht habe, keine Angaben machen. Günther Ogris von Sora sieht einen Auftrag an die Bildungspolitik, die Kompetenz zu stärken, mitzudiskutieren.

Warnung vor "politischer Apathie"

Doch nicht nur das: "Wir fokussieren viel zu viel auf die Debatte um Neue Mittelschulen und vergessen dabei die Pflichtschüler und die Lehrlinge", meint der Zeithistoriker Oliver Rathkolb. Dadurch entstehe eine "politische Apathie", die wiederum zu demokratisch legitimierten autoritären Systemen führe. Das habe man etwa in Ungarn deutlich sehen können: Der Fidesz unter Victor Orbán sei es gelungen, jene für sich zu gewinnen, die zuvor politisch apathisch waren - und habe damit die Wahlen gewonnen. Auch der Ausgang des türkischen Verfassungsreferendums in Österreich (73 Prozent jener wahlberechtigten Austrotürken, die zur Wahl gegangen sind, haben für Recep Tayyip Erdogan gestimmt) sei zum Teil auf Versäumnisse der Bildungspolitik zurückzuführen.

Denn die Studie ergab auch, dass die Zustimmung zur Demokratie in den vergangenen zehn Jahren, seit die Untersuchung das letzte Mal unter den gleichen Voraussetzungen durchgeführt wurde, stark gesunken ist. Waren 2007 noch 62 Prozent davon überzeugt, dass die Demokratie die beste Regierungsform ist, waren es heuer nur 54 Prozent. Auch die Zustimmung zu einem "starken Führer" ist gestiegen: Von 14 auf 23 Prozent, die völlig oder eher einem Führer, der ohne Parlament agieren kann, zustimmen.

Einen "starken Mann" an der Spitze einer demokratisch gewählten Regierungsform wollen stolze 43 Prozent. Hier zeigt sich: Je unzufriedener die Menschen mit der Demokratie und je unsicherer sie selbst sind, desto eher wünschen sie sich einen starken Mann. In diesem Zusammenhang hat Ogris einen Auftrag an die Demokratiebefürworter: Es lohne sich, sich für Gerechtigkeit und Wertschätzung zu engagieren. Denn jene Menschen, die die Demokratie ablehnen oder ihr skeptisch gegenüber stehen, seien meist die, die sich ungerecht oder respektlos behandelt fühlten. Neben der politischen Kommunikation spielten hier auch die Medien eine entscheidende Rolle. Es komme darauf an, ob es den Medien gelinge, das gestörte Vertrauensverhältnis wieder herzustellen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-20 17:12:14
Letzte nderung am 2017-04-20 18:31:17



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