• vom 10.06.2017, 08:01 Uhr

Politik

Update: 16.06.2017, 13:43 Uhr

Lais-Schulen

"Seid doch alle ein wenig natürlicher!"




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Von Werner Reisinger

  • Sogenannte "Lais-Schulen" erfreuen sich großen Zulaufs. Dahinter steckt ein fragwürdiges, esoterisches Konzept.

: it, Fotos: fotolia/Hero Images

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Wien. Ein Dienstagabend Anfang März im oberösterreichischen Steyr, Ortsteil Dietachdorf. Vor dem Wirtshaus im Ortszentrum werden die Parkplätze knapp. Besucher aus ganz Oberösterreich sind gekommen, im Saal im ersten Stock drängen sich rund 150 Menschen aller Altersgruppen. Pensionierte Lehrer, Paare und Eltern mit Kleinkindern, Pädagogikstudenten. Einige junge Leute aus der alternativen Szene sind hier, sie tragen bunte, weite Hosen und Dreadlocks. Sie alle sind gekommen, um Dieter Graf-Neureiter zu sehen, der auf Einladung des Lais-Instituts Oberösterreich Ost über das, wie es heißt, von ihm begründete Konzept der Lais-Schulen spricht.

Das "Laising", wie der Klagenfurter Graf-Neureiter es nennt, boomt. Das Wort soll aus dem Indogermanischen stammen und Spur, Bahn oder Furche bedeuten. In ganz Österreich werden "Schulen" und Lerngruppen gegründet. Wie viele genau, ist schwer zu sagen, dem Bildungsministerium liegen keine konkreten Zahlen vor. An die 80 sollen es laut einigen Internetseiten von Lais-Gruppen österreichweit bereits sein, von 25 "Schulen" sprechen hingegen Experten. Die wichtigsten Standorte sind Klagenfurt, Salzburg und die Oststeiermark. Im Netz präsentieren sich die Initiativen hochprofessionell. Auf den ersten Blick erscheint Lais als ein alternatives Schulkonzept, ähnlich den Waldorf- oder Montessori-Schulen. Zu lesen ist von "natürlichem Lernen", von neuer Begeisterung, von "nachspüren" und "Leichtigkeit", von phänomenal schnell lernenden Kindern, und der Ursprung des Konzepts bleibt im Dunkeln.


Nur wenige Projekte schildern dezidiert aus, was tatsächlich hinter dem Lais-Konzept steckt: die russische Schetinin-Schule am Schwarzen Meer und die völkisch-esoterische Anastasia-Bewegung. Zwischen 1996 und 2011 erschien in Russland die zehnbändige Bücherreihe "Die klingenden Zedern Russlands" des Geschäftsmanns und Esoterik-Autors Wladimir Megre. Das Werk wurde bald nach dem Erscheinen auf Deutsch übersetzt, in Österreich, Deutschland und der Schweiz fanden die Bücher in der esoterischen Szene reißenden Absatz. Die Auflagen gehen in die Millionen. Als "Mix aus Naturreligion, Esoterik, Verschwörungstheorien und Geschichtsrevisionismus" bezeichnet die Schweizer Fachstelle für Sektenfragen Info Sekta den Anastasia-Kult, der infolge der Buchreihe entstand.

Zentrale Figur in Megres Roman ist Anastasia, eine junge Frau, die über erstaunliche Fähigkeiten verfügt. So kennt sie das Wissen der russischen Ahnen, lebt perfekt im Einklang mit der Natur und kann mit Tieren sprechen. Megre erweckt in seinen Texten den Eindruck, dass Anastasia eine reale Person sei, er sie sogar persönlich getroffen habe. In zahlreichen Gesprächen habe ihm Anastasia die richtige Art zu leben erklärt: Autarke Familienlandsitze sollen gegründet werden, jede Familie solle einen Hektar Land bewirtschaften und von den Erträgen der Felder und des Waldes leben.

Über 300 solcher Landsitze soll es in Russland bereits geben, ein Dutzend in Deutschland und einige wenige in der Schweiz und in Österreich. Sie erinnern frappant an völkische Siedler wie die Neo-Artamanen, die in strukturschwachen Gegenden Ostdeutschlands Fuß gefasst haben und die längst die deutsche Politik und den dortigen Verfassungsschutz beschäftigen. Die völkischen Siedler in Russland stehen den deutschen um nichts nach: braune Bio-Landwirtschaft, eigene Scholle, Blut-und-Boden-Ideologie. Megres Texte strotzen nur so vor verschwörungstheoretischen Annahmen und krudem Antisemitismus. So sieht er die Welt von jüdischen Priestern, den "Leviten", beherrscht. Zu Hitler und dem Holocaust hat Megre revisionistische Positionen. "Historiker halten Hitler für schuldig", aber schon andere "Herrscher" wären "gezwungen" gewesen, die Juden des Landes zu verweisen, resümiert er.

Erziehung nimmt in Megres Büchern breiten Raum ein. Kinder werden als rein und allwissend dargestellt. Alles Wissen, alle "Wahrheit", sei bereits im Kind angelegt. Die moderne Welt, Wissenschaft und Technik aber würden dieses kindliche Wissen verdrängen - Aufgabe der Eltern sei es, es wieder zum Vorschein zu bringen. In die Praxis umgesetzt wurden Megres Konzepte vom ehemaligen Musikprofessor Michail Schetinin, der 1997 besagte Schule im Wald bei Tekos am Schwarzen Meer gründete. Über "Kontaktaufnahme" würden die Kinder dort ihr natürliches Wissen untereinander weitergeben, Lehrer seien nicht mehr notwendig. Im Netz wie in Megres Schriften selbst kursieren unglaubliche Geschichten: In wenigen Wochen würden die Schetinin-Schüler den Mathematikstoff ganzer Schuljahre beherrschen, schon mit 17 Jahren seien manche dabei, an der Universität ihren Abschluss zu machen.

Der Alltag in der Schetinin-Schule ist von harter Disziplin geprägt. Die Schüler müssen um fünf Uhr morgens aufstehen, sich um Tiere kümmern, Arbeiten verrichten und werden ganz nebenbei in traditionellen Kampfsporttechniken ausgebildet. In Militärkleidung robben sie durch den Wald, werden zu Vaterlandsliebe und Putin-Treue erzogen. Klassische völkische Ideologie, verbunden mit absurd anmutenden esoterischen Vorstellungen. Von all dem will Dieter Graf-Neureiter in Dietachdorf nichts wissen. Fragen von Unkundigen in Richtung Anastasia und Schetinin beantwortet er ausweichend. Er und sein Team hätten sich von Schetinin lediglich "inspirieren" lassen, inzwischen werde das Lais-Konzept nach Russland quasi rückexportiert. Kritische Berichte in den Medien könne man getrost in den Papierkorb werfen, sagt der ehemalige Tennistrainer, Mentor und Coach. 2014 gründete Graf-Neureiter, zusammen mit einigen Mitstreitern, das Lais-Institut in Klagenfurt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-09 16:05:06
Letzte nderung am 2017-06-16 13:43:13



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