• vom 04.09.2017, 18:30 Uhr

Politik

Update: 04.09.2017, 18:48 Uhr

Gesundheit

Der Stein der Pflege-Weisen




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Von Martina Madner

  • "Buurtzorg" sorgte für Reformen der Altenpflege in Holland. In Österreich muss man dafür noch Hürden überspringen.

Pflegekräfte brauchen mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit: die Pflege ihrer Klienten.

Pflegekräfte brauchen mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit: die Pflege ihrer Klienten.© fotolia Pflegekräfte brauchen mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit: die Pflege ihrer Klienten.© fotolia

Wien. Ein wahrlich "rasantes" Wachstum sagte eine vor kurzem veröffentlichte Wifo-Studie den Pflegekosten Österreichs voraus. Aber selbst die nüchternen Zahlen, die die beiden Wirtschaftsforscher Ulrike Famira-Mühlberger und Matthias Firgo darin präsentieren, könnten politisch Verantwortliche erblassen lassen. Heißt es da doch: "Die öffentlichen Gesamtkosten für Pflege- und Betreuungsdienste werden österreichweit bis zum Jahr 2050 um 360 Prozent steigen." Statt knapp zwei Milliarden Euro werden Länder und Gemeinden 2050 rund neun Milliarden Euro ausgeben müssen. Und das Bundespflegegeld dürfte von derzeit 2,5 auf 4,2 Milliarden Euro ansteigen.

"Schuld" sind die Babyboomer, die ab 2030 Pflege brauchen werden. Das bedeutet anstelle der heute rund 450.000 Pflegegeldbezieher gibt es 2050 schon 750.000. Dafür braucht es 102.000 Pflegekräften, heute sind es rund 62.000.

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Pflege ist Wahlkampfthema
Die Langzeitpflege und deren Finanzierung wird also nicht nur wegen der bis zu 200 Millionen Euro teuren Abschaffung des Pflegeregresses auch lange nach den Wahlen Thema bleiben.

Sie ist bereits Wahlkampfthema. "Pflege braucht Zeit und keine Stechuhr", sagt Erich Fenninger, Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbands Sozialwirtschaft Österreich und Chef der Volkshilfe. "Mehr bezahlte Zeit für die Einschulung, für die Dokumentation und Planung, mehr Gesprächszeit für die Klientinnen und Klienten", konkretisiert Willibald Steinkellner, Vorsitzender des Fachbereichs Gesundheit bei der Gewerkschaft vida. 200 Millionen mehr pro Jahr für die Langzeitpflege wären dafür notwendig - viel Geld also, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer von einer künftigen Regierung fordern.

Aber wollen die Parteien das auch bereitstellen? Sebastian Kurz plant für die ÖVP in seinen zehn Punkten für das Gesundheits- und Pflegesystem Bürokratieeinsparungen zur Finanzierung der Pflege. FPÖ-Pflege- und Behindertensprecher Norbert Hofer spricht von "einer durchdachten Reform im Pflegebereich, die auch die Ausbildung von Pflegepersonal und die Finanzierung mit einschließt und sicherstellt." Bundeskanzler Christian Kern verspricht im vor der Wahl überarbeiteten Plan A für die SPÖ 50 Prozent der privaten Kosten übernehmen zu wollen. Dazu eine Milliarde Euro zur Verbesserung der Pflegeberufe und 500 Millionen Euro mehr Budget durch das Einführen von Erbschaftssteuern.

Losgelöst davon ist im Plan A von einem "Zauberwort, das von den Niederlanden aus weltweit Furore gemacht hat" die Rede: "Buurtzorg." Doch: Was verbirgt sich dahinter eigentlich genau?

Unzufriedener Holländer
Buurtzorg bedeutet im Wortsinn so viel wie Nachbarschaftshilfe. Es ist aber auch der Name des gemeinnützigen Unternehmens von Jos de Blok. Selbst ausgebildeter Pfleger, setzte sich der Niederländer als Führungskraft mehrerer Heimpflegeorganisationen mit Innovation und Qualitätssicherung auseinander. Und ihm wurde klar: Beides war in den bestehenden Organisationen kaum möglich.

Also gründete de Blok 2007 ein eigenes Unternehmen, erst mit einem Team aus vier Pflegekräften. Heute sind es mehr als 10.000, die in 920 unabhängigen Teams mehr als 70.000 pflegebedürftige Menschen versorgen. Das sind rund 20 Prozent all jener, die in den Niederlanden Langzeitpflege brauchen - und Buurtzorg wächst weiter. Warum das?

Das Rezept für den Buurtzorgschen Erfolg ist einfach: Man nehme Teams aus Pflegekräften mit maximal zwölf Personen. Diese sind jeweils für 40 bis 60 Personen verantwortlich. Sie entscheiden selbst, wer welche Arbeit bei wem leistet und welche Unterstützung die Menschen konkret brauchen. Die Pflegekräfte arbeiten nicht mehr in stark ausdifferenzierten Bereichen unter strikten Ziel- und Zeitvorgaben im Minutentakt, sondern ganzheitlich und selbstbestimmt. Sie wechseln sich in der Teamleitung ab, haben wieder den Überblick über den gesamten Alltag der Menschen, die sie pflegen. Und deutlich mehr Entscheidungsfreiheit als in anderen niederländischen - und österreichischen - mobilen Pflegediensten oft üblich. Und sie arbeiten präventiv: Die Pflegekräfte bei Buurtzorg sorgen auch dafür, dass die Pflegebedürftigen sich wieder selbst helfen und der Bedarf an Pflege weniger rasch steigt.

Zufriedenstellende Pflege
Das sorgte für eine hohe Zufriedenheit: Bei den älteren Menschen, die so länger fit zu Hause leben können. Bei den Pflegekräften, die so verantwortungsvoller die Arbeit ausüben konnten, die sie selbst erlernt haben. Zufrieden sind aber auch jene, die die niederländische Langzeitpflege bezahlen, die staatliche Pflegeversicherung und der Staat. Denn Buurtzorg kostet weniger.

Eine Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG stellte 2013 etwa fest, dass die durchschnittlichen Kosten von Buurtzorg pro Pflegebedürftigem und Jahr bei rund 6400 Euro lagen, jene aller Anbieter in den Niederlanden aber bei rund 8000 Euro.

Denn mit dem ganzheitlichen Ansatz anstelle von zerstückelter Arbeit spart Buurtzorg auch Arbeitsstunden: Sie brauchen 108 Stunden für die gleiche Leistung für die andere 168 Stunden aufwenden müssen. In der Studie heißt es: "Damit sind 62 Prozent der häuslichen Pflegeanbieter pro Kunde teurer als Buurtzorg."

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Schlagwörter

Gesundheit, Pflege, Buurtzorg

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-04 16:39:06
Letzte nderung am 2017-09-04 18:48:51



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