• vom 13.09.2017, 15:04 Uhr

Politik

Update: 13.09.2017, 19:53 Uhr

Spätabtreibungen

"Es gibt keine richtige Entscheidung"




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Von Petra Tempfer

  • Die Spätabtreibung behinderter Kinder sehen fast alle Parteien kritisch, passiert ist bisher allerdings nichts.




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Wien. Glück. Gesundheit. Freiheit. Selbstbestimmung. Das seien wesentliche Werte unserer Gesellschaft, sagt die Sozialanthropologin Aurelia Weikert. Auch werdende Eltern seien mit diesen konfrontiert - ein besonders tiefer Wertekonflikt entstehe, wenn sie die Diagnose erhalten, dass ihr Kind voraussichtlich behindert sein wird. Die Frauen, die abtreiben, werden als egoistisch bezeichnet. Jene, die nicht abtreiben, als unvernünftig. Und die, die gar nicht untersuchen lassen, ob ihr Ungeborenes gesund ist, als Wissensverweigerer. "Es gibt keine richtige Entscheidung", sagt Weikert zur "Wiener Zeitung". Wichtig sei allein, dass jede Entscheidung sanktionslos ist. Und, dass Entscheidungen bereut werden dürfen - auch wenn sie irreversibel sind.

Die Gesetzeslage in Österreich ist derzeit so, dass eine Abtreibung innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate laut Fristenregelung straflos ist. Ergibt jedoch zum Beispiel ein Organscreening, dass "eine ernste Gefahr besteht, dass das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt" beziehungsweise nicht lebensfähig sein wird, ist ein Abbruch bis unmittelbar vor der Geburt straflos. So steht es in Paragraf 97 im Strafgesetzbuch.

Information

Am Freitag, dem 15. September, läuft der Film "Die dritte Option" von Thomas Fürhapter österreichweit in den Kinos an. Dieser setzt Einzelschicksale im Zeitalter der Pränataldiagnostik in einen gesellschaftspolitischen Zusammenhang und räumt dadurch den Blick auf grundsätzliche Fragen zu Geburt, Ethik und Norm frei.

Siehe dazu auch die Filmkritik: Völlig allein gelassen


Link: http://diedritteoption.at/

So wollen es allerdings fast alle Parteien nicht diskussionslos stehen lassen. Allein das Gesundheitsministerium mit Ministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) hält daran fest. Es solle auch in Zukunft die Entscheidung der betroffenen Schwangeren sein, ob sie ihr Kind austragen will, bei dem besagte "ernste Gefahr" einer schweren Behinderung bestehe, heißt es auf Nachfrage aus dem Ministerium.

Diese Regelung hält auch die Feministin und Autorin Eva Rossmann für "grundsätzlich gut, weil der Druck der Strafe wegfällt", wie sie sagt. Das heiße aber noch lange nicht, dass die Abtreibung eines behinderten Kindes die richtige Entscheidung in dieser schwierigen ethischen Frage sei. Damit werde lediglich der Konflikt entschärft.

An der Fristenlösung
will niemand rütteln

Es ist ein Thema, das polarisiert. Zum Recht der Frau, ihre Zukunft selbst zu bestimmen, tritt das Recht auf Leben des Ungeborenen. Von den Optionen, die zur Wahl stehen, ist keine positiv konnotiert. Einer Abtreibung steht ein Leben mit einem behinderten Kind gegenüber.

An der Fristenlösung an sich, die der Nationalrat 1973 verabschiedete, und die Österreichs erste Frauenministerin Johanna Dohnal (SPÖ, 1990 bis 1995) später als "großen Erfolg der Frauenpolitik" bezeichnete, will niemand rütteln. Allen voran drängt aber die FPÖ auf eine Abschaffung der eugenischen Indikation - also des Abbruchs einer Schwangerschaft, der darauf basiert, dass ein Arzt in der Pränataldiagnose eine schwere Erkrankung respektive Entwicklungsstörung des Ungeborenen festgestellt hat. Die eugenische Indikation sei eine klassische Selektion, sagt FPÖ-Gesundheitssprecherin Dagmar Belakowitsch. Damit töte man lebensfähige Kinder, die nicht in die gesellschaftliche Norm passen. Behindertensprecher und dritter Nationalratspräsident Norbert Hofer habe bereits vor Jahren eine entsprechende Petition initiiert, die jedoch keine Beachtung und Mehrheit im Parlament gefunden habe. Die Abschaffung der eugenischen Indikation wäre ein Thema, so Belakowitsch, das man auf breiter Basis diskutieren müsse.

Die ÖVP möchte die Möglichkeit, behinderte Kinder außerhalb der Fristenregelung bis zur Geburt abtreiben zu können, ebenfalls kritisch hinterfragen, heißt es auf Nachfrage. Auch diese fordert eine "vorurteilsfreie Diskussion auf politischer Ebene mit Betroffenen und Experten, ob die Bestimmungen zur Spätabtreibung noch zeitgemäß sind". Das Benachteiligungsverbot behinderter Menschen werde damit schwer missachtet. Vielmehr müsse man die werdenden Eltern durch verbesserte Rahmenbedingungen ermutigen, sich zu einem behinderten Kind zu bekennen.

Für eine umfassende Beratung, sobald eine Behinderung bekannt wird, treten auch die Grünen ein. "Damit sich Eltern genauso für ein behindertes Kind entscheiden können", sagt Gesundheitssprecherin Eva Mückstein. Eine bessere finanzielle und therapeutische Unterstützung wären dabei genauso wichtig wie die Verlängerung der Mutterschutzfrist auf zwölf Wochen nach der Geburt eines behinderten Kindes. Der strafrechtliche Rahmen solle jedoch nicht verschärft werden. "Die Grünen sind für eine Beibehaltung der Fristenlösung im Strafrecht, aber für eine Entkriminalisierung der Frauen."

Einen gesellschaftlichen Diskurs und eine Neubetrachtung unter Zuziehung von Experten: Das fordern auch die Neos, für die laut Gesundheitssprecher Gerald Loacker eine differenziertere Betrachtung im Vordergrund steht. Nicht jede eugenische Indikation sei gleich. "Es ist einfach nicht dasselbe, ob ein Kind ein Down-Syndrom hat und potenziell einem schönen und erfüllten Leben entgegenblickt, oder ob ein Fötus kein Gehirn hat und nach der Geburt sofort sterben würde." Die medizinischen Diagnosemöglichkeiten seien schon weit genug fortgeschritten, um in der Pränataldiagnostik differenziertere Aussagen zu treffen. Sämtliche Arten einer schweren Behinderung über einen Kamm zu scheren, sei zu einfach.

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Dokument erstellt am 2017-09-13 15:09:11
Letzte nderung am 2017-09-13 19:53:04



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