• vom 14.03.2014, 15:02 Uhr

Politik

Update: 14.03.2014, 18:07 Uhr

Palliative Care

Wie wir sterben wollen




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Der ideale Tod. Die meisten wollen daheim sterben, ohne Schmerzen, umsorgt von Angehörigen und einer professionellen Pflegekraft. Die Realität sieht oft anders aus.

Der ideale Tod. Die meisten wollen daheim sterben, ohne Schmerzen, umsorgt von Angehörigen und einer professionellen Pflegekraft. Die Realität sieht oft anders aus.© Karen Kasmauski/Science Faction/Corbis Der ideale Tod. Die meisten wollen daheim sterben, ohne Schmerzen, umsorgt von Angehörigen und einer professionellen Pflegekraft. Die Realität sieht oft anders aus.© Karen Kasmauski/Science Faction/Corbis

"Sinnlose Überweisungen Sterbender ins Spital"
Dabei wollen die Menschen ohnehin daheim oder im Pflegeheim sterben. Die "sinnlosen Überweisungen ins Krankenhaus" aus den Pflegeheimen sind für den Soziologen und Theologen Heller eines der größten Probleme in der Palliative Care. Er schildert den Fall einer 93-Jährigen, die mehrmals gesagt hat, dass sie im Pflegeheim sterben möchte. Es kommt zu einer Lungenkrise, die Hilfspflegerin gerät in Panik und ruft den Notarzt, der kann gar nicht anders, als zunächst einmal einen Notfall anzunehmen - und die Frau stirbt am Weg ins Spital. Solche Situationen könnten durch eine andere Vorsorge in den Heimen und auch durch eine bessere Ausbildung der Ärzte vermieden werden, sagt Heller. Die Menschen kämen immer älter, kränker und fast sterbend in die Pflegeheime, weil jeder diesen Schritt so lange wie möglich hinauszögert. Auf diese komplexe Aufgabe sind die Heime wenig vorbereitet. In Österreich gibt es - außer in den von der Stadt Wien betriebenen Pflegeheimen und bei einigen privaten Trägern wie der Caritas Socialis - nirgends angestellte Ärzte, also Pflegeheimmedizin. Damit müssen die alten und multimorbid erkrankten Menschen von niedergelassenen Ärzten mitbetreut werden, und diese hätten oft kein Interesse oder keine Kompetenz in der geriatrischen Palliativbetreuung. "Ganz Österreich versucht, die Hausärzte ins Boot zu holen, aber die wollen nicht Boot fahren. Dadurch gibt es kaum kompetente Medizin in dem Bereich", meint Heller.

Schlechte Ausbildung und Unwissenheit bei den Ärzten
Für Caritas-Arzt Retschitzegger ist auch Unwissenheit mancher Ärzte ein großes Problem: "Wenn jemand mit fortgeschrittener Erkrankung ohne Aussicht auf Heilung erklärt, dass er an seiner Lungenentzündung sterben will, ist das erlaubt und völlig in Ordnung - es gibt aber Ärzte, die das immer noch für verbotene Euthanasie halten." Allerdings stellt er ein steigendes Interesse am Thema fest - heutzutage seien auch die Curricula in der Grundausbildung deutlich besser.

Retschitzegger fordert aber auch eine Facharztanerkennung in Palliativmedizin. Und "natürlich wollen die Leute Ärzte werden, um zu heilen, aber wir müssen uns auch für das Begleiten bis zum letzten Atemzug kompetent fühlen, ein Pilot steigt ja auch nicht kurz vor der Landung aus dem Flugzeug."

Gert Wiegele von der Bundeskurie der Niedergelassenen Ärzte in der Kammer schätzt die Situation naturgemäß anders ein. Palliativbetreuung - ob nun zu Hause oder im Pflegeheim - "gehört immer schon zu unserer Tätigkeit". Je weiter am Land man sich befinde, desto mehr müsse man sich darum kümmern, sagt Wiegele, selbst Landarzt in Kärnten. Hausbesuche seien aber nicht nur zeitaufwendig, sondern auch schlecht bezahlt. Er sieht keinen mangelnden Fortbildungswillen: Wer mit Palliativmedizin konfrontiert sei, müsse sich automatisch damit auseinandersetzen. "Learning by Doing funktioniert hier wie in jedem anderen Beruf, es kann nicht sein, dass man nur mit einem langwierigen Geriatriediplom in der Geriatrie tätig sein kann."

Geht es nach Heller, müssten Hausärzte und mobile Teams noch viel stärker eingebunden werden: "Im gesamten deutschsprachigen Raum sind sich alle einig, dass ambulant vor stationär gelten muss, aber keiner setzt es um", sagt er. Von den 80.000 Menschen, die jährlich in Österreich sterben, würde der Großteil gerne zu Hause sterben. 68 Prozent starben 2012 in Krankenhäusern oder Heimen.

Eine große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit - und sie wird jeden treffen. Eine Verankerung in der Verfassung wird da wohl kaum reichen.

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Dokument erstellt am 2014-03-14 15:05:05
Letzte nderung am 2014-03-14 18:07:26



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