• vom 09.05.2015, 09:00 Uhr

Politik

Update: 09.05.2015, 09:17 Uhr

Integration

"Unsere Werte sind für Zuwanderer uninteressant"




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Von Clemens Neuhold

  • Der prominente Anwalt Rudolf Mayer zieht eine vernichtende Bilanz über die Integrationspolitik.

Neue Jugend-Gangs: Ehre, Stolz über abgeschlossene Gruppe anstatt über offene Gesellschaft.

Neue Jugend-Gangs: Ehre, Stolz über abgeschlossene Gruppe anstatt über offene Gesellschaft.© Neuhold Neue Jugend-Gangs: Ehre, Stolz über abgeschlossene Gruppe anstatt über offene Gesellschaft.© Neuhold

Wien. Anwalt Rudolf Mayer (67) vertrat Josef Fritzl, die "Eislady" Estibaliz Carranza oder die als "Schwarze Witwe" bekannt gewordene Serienmörderin Elfriede Blauensteiner. Weniger prominent sind die zahlreichen jugendlichen Straftäter, die der ehemalige Bewährungshelfer in 34 Jahren vertrat. Aktuell zählt ein 14-jähriger, mutmaßlicher Dschihadist zu seinen Mandanten. Er soll ein Bombenattentat auf den Westbahnhof geplant haben. Außerdem vertritt Mayer einen 16-Jährigen, der mit seinen 12 Kumpanen in Favoriten 300 Autos aufgebrochen und andere Jugendliche um ihre Handys erleichtert haben soll. Einmal bereits hatte Mayer seinen Mandanten aus der U-Haft geboxt, doch dieser raubte sofort weiter.

Diese türkische Gang wurde wiederum von der tschetschenischen Bande namens "Goldenberg" ihres Diebesguts entledigt. Den noch "schwereren" Jungs aus Favoriten wird der Prozess wegen mehrfacher Einbrüche in Supermärkten und Drogerien gemacht.

Information

Zur Person

Rudolf Mayer (67) begann als Bewährungshelfer und ist seit Mitte der 80er Jahre als Strafverteidiger tätig. Durch Fälle wie die Serienmörderin Elfriede Blauensteiner oder Josef Fritzl wurde der leidenschaftliche Boxer zu einem der bekanntesten Anwälte Österreichs. Auch jugendliche Straftäter gehören zu seinem Spezialgebiet.

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Die Muster, die solche Buben zu Straftätern machen, hat Mayer in der Praxis studiert. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" rechnet der Anwalt mit der heimischen Integrationspolitik ab. Er hält sie schlicht für gescheitert.

Sein Fokus auf jüngere, männliche Migranten, die auf die schiefe Bahn geraten sind, mag nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit repräsentieren. Gleichwohl scheint es uns im Sinne einer breiten Debatte über Integration angemessen, seine provokanten Ansichten zu dokumentieren. In weiterer Folge kommen hier Sozialarbeiter und Integrationspolitiker zu Wort.

1. "Dritte Generation schlechter integriert als die erste"

"Grundsätzlich soll jeder Mensch das Recht haben, seinen Aufenthalt auf der Erde frei auf unbegrenzte Zeit zu wählen. Die Idee des Kosmopolitismus muss neu belebt werden. Dazu gehört aber auch, in der Integration nicht blauäugig zu sein, sondern die Probleme ernsthaft anzusprechen, damit das Zusammenleben besser klappt. Sozialromantiker hängen der Idee an, dass sich die Menschen von Generation zu Generation automatisch besser integrieren: Die zweite Generation ist demnach besser integriert als die erste, die dritte besser als die zweite. Wer das heute noch behauptet, ist naiv und lebensfremd. Die alten Gastarbeiter, die ihr ganzes Leben für ihre Kinder gehackelt haben - das sind die Vorzeigemigranten. So mancher Enkel fährt trotzdem nach Syrien kämpfen oder geht rauben, weil der Kodex von Ehre, Stolz und Kampf, der in den Parks gepredigt wird, wichtiger ist als das Wort seiner Mutter oder seines Großvaters. Ich erlebe die dritte Generation als schlechter integriert als die erste. Und wenn sich nur ein Prozent radikalisiert, haben wir ein riesiges Problem. Sie ist auch brutaler: Früher war der Kampf beim Schwitzkasten vorbei. Heute gewinnst du, wenn du dem anderen öfter auf den Kopf gesprungen bist.

Bei mir sitzen verschleierte Frauen, die ratlos sind und weinen. Sie sagen: ,Herr Mayer, ich habe meinem Sohn Taschengeld gegeben, ihn gut erzogen, in die Schule geschickt, doch er ist in den Park gegangen und hat von anderen gelernt, Handys zu rauben.‘ Ich habe der Frau geraten, mit ihm in die Türkei zu gehen und erst nach der Pubertät zurückzukommen, damit er Abstand bekommt vom Park. So weit ist es schon gekommen. Alles Einzelfälle? Das kann ich aus der Praxis widerlegen. Wenn wir es uns weiter so leicht machen, werden wir von der Problematik erdrückt."

2. "Unsere Werte für viele Migranten uninteressant"

"Damit Jugendliche nicht auf die schiefe Bahn geraten oder gar in den Dschihad ziehen, braucht es ein Angebot, eine Art Gegen-Propaganda. Jugendliche, vor allem die Außenseiter oder die Burschen ohne Vater, träumen von Gewalt, einfachem Sex und einer starken Gruppe. Die professionelle Dschihad-Propaganda bietet das an mit ihren Schalmeien-Tönen im Internet. Welche Gegenpropaganda kommt gegen diese Triebe und Verlockungen an? Was ist unser schmackhaftes Gegen-Angebot? Das Einzige, womit wir sie locken können, ist Geld verdienen. Aber das ist für sie kein Wert. Werte, die bei Zuwanderern aus sehr traditionellen Gesellschaften kommen, sind Religion, Respekt vor den Älteren, Keuschheit. Unsere Kirchen sind leer, die Alten stecken wir ins Altersheim, die Frauen geben sich für den Geschmack vieler Zuwanderer zu freizügig. Unsere Werte der Toleranz, Emanzipation, Demokratie werden als Schwäche angesehen. ,Lieber stehend sterben als kniend leben‘, lautet die Devise."

3. "Nicht jeder Zuwanderer ist gleich integrierbar"

"Wenn Menschen mit diesem Wertekanon aus archaischen Gesellschaftsstrukturen in unsere durch die Aufklärung geprägte Welt kommen, frage ich mich, wie das langfristig gut gehen soll. Zeigen Sie mir einen Tschetschenen oder Afghanen aus dem Park, für den die Verteidigung seiner Ehre nicht wichtiger ist als sein Leben. Eine Beleidigung genügt. Kompromiss, Diplomatie: das sind Schimpfwörter. Wenn es Jugendliche ablehnen, sich etwas von Frauen sagen zu lassen, die noch dazu kein Kopftuch tragen, frage ich mich, wie sind da Integration, Bildung und Aufstieg möglich? Es gibt längst nicht mehr nur eine Parallelgesellschaft, sondern Parallelgesellschaften. Ethnien, die sich spinnefeind sind, werden in Wien nicht nachbarschaftlich Tee trinken. Und mir kommt vor, diese Konflikte unter den Volksgruppen nehmen zu. Deswegen müssen wir uns entscheiden, wie viele Zuwanderer mit anderen Vorstellungen von der Gesellschaft wir noch aufnehmen können."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2015-05-08 17:08:06
Letzte nderung am 2015-05-09 09:17:48



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