• vom 29.04.2016, 18:20 Uhr

Politik

Update: 06.05.2016, 13:28 Uhr

Flüchtlinge

Deutschkurse am Fließband




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Von Werner Reisinger

  • Deutschtrainer für Flüchtlinge klagen nach wie vor über Missstände. Ein Betriebsrat eines privaten Instituts, das für das AMS Deutschkurse anbietet, wurde jetzt vom Dienst freigestellt – weil er die Probleme offen anspricht.



Bei Lehrern, die in privaten Instituten im Auftrag des AMS Flüchtlinge in Deutsch unterrichten, ist Burnout keine Seltenheit.

Bei Lehrern, die in privaten Instituten im Auftrag des AMS Flüchtlinge in Deutsch unterrichten, ist Burnout keine Seltenheit.© WZ-Montage/Fotolia (Monkey Business) Bei Lehrern, die in privaten Instituten im Auftrag des AMS Flüchtlinge in Deutsch unterrichten, ist Burnout keine Seltenheit.© WZ-Montage/Fotolia (Monkey Business)

Wien. Sie sollen eine der wichtigsten Herausforderungen für die österreichische Gesellschaft bewältigen, die es zurzeit gibt: Flüchtlingen und Migranten Deutsch beizubringen, damit eine Integration in den Arbeitsmarkt gelingt. Ohne gute Deutschkenntnisse, darin sind sich Politik, NGOs und Zivilgesellschaft einig, bliebe jenen Flüchtlingen, die in Österreich bleiben werden, der Weg zum Job und damit auch der soziale Anschluss versperrt.

Dass zwischen der politischen Rhetorik auf Pressekonferenzen und der Realität in den Deutschkursen ein erheblicher Unterschied besteht, hat die "Wiener Zeitung" bereits im vergangenen Jänner ausführlich berichtet. Das Arbeitsmarktservice (AMS) vergibt per Ausschreibung die Aufträge für die Kurse an private Bildungsträger. Die großen, gewinnorientierten Institute Ibis Akam, Mentor, ZIB Training, BIT oder das Berufsförderungsinstitut (BFI) rittern um diese Aufträge und versuchen sich gegenseitig zu unterbieten, um sich bei der Auftragsvergabe durchzusetzen. Denn zum Zug kommt, wer das beste und günstigste Angebot macht. Der so entstehende finanzielle Druck wird von den Instituten an ihre Beschäftigten weitergegeben.

Gegenüber der "Wiener Zeitung" sprachen Deutschtrainer über schlechte Bezahlung, unsichere Dienstverhältnisse, mangelnde Unterrichtsqualität und enormen zeitlichen und psychischen Belastungsdruck. Neben dem Unterricht müssen sie auch administrative Aufgaben erledigen, sie betreuen Datenbanken, müssen dutzende Formulare ausfüllen und sich um Unterrichtsmaterialien kümmern. Fällt ein Lehrer aus, muss oft ein weiterer dessen Kurs mitbetreuen. In der Praxis bedeutet das, den einen Kurs immer wieder zu verlassen um im anderen nach dem Rechten zu sehen. "Mit der Konsequenz, dass ich mich um keinen der Kurse mehr richtig kümmern kann", sagte damals eine Trainerin, die anonym bleiben wollte.

Erfahrung und Ausbildung spiele bei der Einstellung der Trainer keine Rolle, zwischen Akademikern und solchen Lehrern, die nur eine Unterrichtsberechtigung erworben haben, werde nicht unterschieden. Die Verträge der Lehrenden seien an die Auftragszeiträume gebunden. Arbeitslos gewordene Trainer müssten sich erneut bei jenen Instituten bewerben, die gerade bei der Ausschreibung zum Zug gekommen sind. Vordienstzeiten aber würden nicht entsprechend angerechnet. "Wanderhuren" nennen sich die Deutschlehrer daher scherzhaft untereinander. Im Bereich einer für die Gesellschaft so zentralen Herausforderung herrschen also offensichtlich höchst prekäre Arbeitsbedingungen.

"Ein Exempel statuieren"

Sebastian Reinfeldt ist einer der Betroffenen. Seit Jahren arbeitet er als Deutschlehrer mit wechselnden Anstellungen für die großen Institute. Weil er in der Tageszeitung "Die Presse" offen über die Belastungen der Trainer und die damit einhergehende schlechte Qualität gesprochen hatte, wurde Reinfeldt, der in einem großen privaten Institut auch als Betriebsrat tätig ist, vom Dienst freigestellt. Die Begründung: "betriebsschädigendes Verhalten". Brisant dabei: Reinfeldt hatte sich im angesprochenen "Presse" Artikel nicht konkret auf sein eigenes Institut bezogen, sondern allgemeine Kritik geäußert, wie es bereits zahlreiche Trainer getan haben.

Reinfeldt selbst möchte seine Freistellung nicht kommentieren. Unterstützung bekommt er jedoch vom Österreichischen Verband für Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache (ÖDAF) und seiner Präsidentin, Sabine Dengscherz. "Für mich sieht es danach aus, als würde an Herrn Reinfeldt ein Exempel statuiert werden. Die Botschaft lautet wohl: Halt den Mund, sonst bist du deinen Job los", vermutet Dengscherz. Der Grund für diese Vorgangsweise sei möglicherweise bei den in den letzten Wochen laufenden Ausschreibungen zu finden. "Während die Ausschreibung läuft, will man offensichtlich die laufende Diskussion über die Missstände unterbinden", so Dengscherz. Ein internes E-Mail, das der "Wiener Zeitung" aus dem Umfeld des betroffenen Instituts zugespielt wurde, bekräftigt diese Annahme.

Einige Betriebsräte wenden sich darin an die Lehrer und ersuchen diese, nicht mit Medien über die Situation in den Deutschkursen zu sprechen. "Der Bericht in der ,Presse‘ vom 21.04.2016 über die Problematik der Deutschkurse schädigt das Vertrauen unseres Hauptauftraggebers, des AMS, und kann zu einem massiven Auftragsverlust führen", ist darin zu lesen. Und weiter: "Es gab eine Vereinbarung mit Frau Petra Draxl vom AMS Wien, mit dem AMS nicht über die Medien zu kommunizieren, damit eine Gesprächsbasis zwischen Betriebsräten und dem AMS aufrecht bleiben kann. Wir als Betriebsrat haben uns bei Frau Draxl in schriftlicher Form entschuldigt, um die kommenden Gespräche nicht zu gefährden." Offensichtlich fürchtet man im Institut derart um die Aufträge, dass selbst der Betriebsrat, der sich in der Frage der Arbeits- und Unterrichtsbedingungen für die Trainer einsetzt, sich hinter das Unternehmen stellt. Der Verdacht liegt nahe, dass auch vom AMS Druck auf das Institut ausgeübt wurde, die Mitarbeiter bezüglich der Missstände zum Schweigen zu bringen.


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Dokument erstellt am 2016-04-29 18:23:05
Letzte nderung am 2016-05-06 13:28:30



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