Taipeh.

Im 59. Stock blickt Cathy Yang von ihrem Bürofenster über die Betonwüste von Taipeh. "Wir arbeiten hier wie unter einem Vergrößerungsglas", sagt die Vizepräsidentin der Betreibergesellschaft Taipei Financial Center Corp. "Der Taipei 101 ist das Symbol Taiwans, also müssen wir an unsere Arbeit besondere Maßstäbe anlegen." Seit 2004 verkörpert der gläserne Turm nicht nur Taiwans Wandel vom Billig-Produktionsstandort hin zur High-Tech-Schmiede. Er bescherte der kleinen Inselrepublik, die nach internationaler Anerkennung dürstet, auch den Titel "höchstes Haus der Welt". Doch während sich in den Folgejahren täglich tausende Touristen mit dem schnellsten Fahrstuhl der Welt in 37 Sekunden zum Aussichtsdeck auf der 89. Etage katapultieren ließen, wuchs in Dubai der Burj Khalifa höher und höher, bis auf 828 Meter. Anfang 2010 verlor der Taipei 101 seinen Titel. Da hatte das Management schon ein neues Ziel im Blick: Nicht mehr das höchste, sondern das höchste "grüne" Gebäude der Welt sollte es sein.
"Im Jahr 2008 explodierten die Energiepreise", erinnert sich Cathy Yang. Zur gleichen Zeit schlugen Berater ihr vor, den Taipei 101 nach LEED (Leadership in Energy and Enviromental Design) zertifizieren zu lassen. Weil es in den meisten Ländern keine strengen Energiespar-Richtlinien gibt, hat dieses vor allem von Unternehmen der US-Bauwirtschaft getragene Benchmark-System starke Bedeutung auf einem rasant wachsenden Markt gewonnen: Mit einem Nachhaltigkeitsnachweis werden hochwertige Immobilien für potenzielle Nutzer attraktiver und erzielen unter Umständen höhere Mieten und Verkaufspreise. Mehr als 10.000 Geschäftsimmobilien tragen mittlerweile ein LEED-Zertifikat, darunter die US-Umweltschutzbehörde und das Empire State Building.
Lukrative Optimierung
Zwei Millionen US-Dollar investierte Cathy Yangs Unternehmen über zwei Jahre, um den Taipei 101 fit für die höchste LEED-Kategorie "Platin" zu machen. Gebäude, die diese Bewertung erhalten, verbrauchen um 30 Prozent weniger Energie als ein durchschnittliches Vergleichsobjekt.
Zum Drehen an den vielen technischen Stellschrauben holte Yang die Spezialisten von Siemens Taiwan an Bord. Die Münchner haben die energetische Gebäude-Optimierung als Megatrend ausgemacht und setzen darauf, mit dem Taipei 101 als Leuchtturm-Projekt andere Eigentümer und Architekten aufmerksam zu machen.
Damit sich der Taipei 101 "höchstes grünes Gebäude" der Welt nennen kann, wurden vor allem neue Kontrollsysteme und Sensoren für Beleuchtung, Klimaanlage und Belüftung installiert. Zusätzlich gesenkt werden konnte der Energieverbrauch durch den großflächigen Einsatz von stromsparenden Geräten. Dank optimierter Sanitäreinrichtung und der Sammlung von Regenwasser zur Bewässerung von Grünanlagen werden zudem jährlich 28.000 Tonnen Wasser eingespart. Auch gibt es nun ein konsequentes System für Mülltrennung und Müllvermeidung. "Wir sparen jetzt pro Jahr 700.000 US-Dollar an Energiekosten", rechnet Yang vor. "Das macht uns attraktiver für Mieter. Außerdem ist das Arbeitsklima besser, weil der CO2-Gehalt in der Raumluft um 30 Prozent niedriger ist als zuvor. Und wir übernehmen Verantwortung für die Umwelt."
Die meisten Gebäude, die sich tief unter ihrem Bürofenster in Taipeh zusammendrängen, sind von den Nachhaltigkeitsstandards des Taipei 101 noch weit entfernt. Auch sind Taiwans gesetzliche Vorgaben zum Energiesparen alles andere als streng. Doch die Botschaft scheint sich herumzusprechen. Yang berichtet von neugierigen Anfragen und Besuchern aus dem In- und Ausland. Bereits im kommenden Jahr soll das Deutsche Institut Taipei, die nicht-offizielle Botschaft, in den "grünen" Taipei 101 umziehen.