London. Das britische Regierungsviertel kommt in diesem Jahr einfach nicht zur Ruhe. Fast schon gehören Protestschilder, Pfeifenklänge und Polizeiabsperrungen zum Alltag. Denn seit die Regierung ihre massiven Sparpläne vorgestellt hat und unbeirrt weiterführt, zieht es die Briten auf die Straße.
Eine streikende Lehrerin : "Ich streike schweren Herzens"
Erst demonstrierten die Studenten. Im Frühling gab es eine Massendemo für alle. Am Donnerstag nun gingen Lehrer, Zollbeamte, Justizmitarbeiter und weitere Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in den Streik und zur Demo. Sie kämpfen für ihre Pensionen - doch wie für die meisten Bevölkerungsgruppen sieht es auch für sie so aus, als ob nichts zu machen sei. "Das ist das erste Mal, das ich jemals in Streik getreten bin - und ich tue es schweren Herzens", sagte die Lehrerin Julia Neal der BBC. "Wir denken, dass es die letzte Möglichkeit ist - wir sind dazu getrieben worden". Während es in den vergangenen Wochen oft um Einschnitte im Gesundheitssystem oder bei öffentlichen Einrichtungen ging, stand diesmal ein Thema im Mittelpunkt, dem sich alle westlichen Gesellschaften gegenübersehen: Was passiert mit den Pensionen in Zeiten, da die Menschen immer älter und die Mittel immer knapper werden?
Konkret sollen die Beschäftigten im öffentlichen Dienst künftig rund 3,2 Prozent mehr Beitrag zur Pensionskasse zusteuern. Außerdem soll das Pensionseintrittsalter schrittweise von 60 auf 66 Jahre erhöht - und damit dem im privaten Sektor angepasst - werden. So jedenfalls lauten die Pläne der konservativen Regierung von Premierminister David Cameron.
Beschlossen ist noch nichts. Doch mit Blick auf die Finanzlage im Königreich gibt es kaum eine Alternative zum Sparen auf allen Ebenen. Das Land kämpft mit einem Defizit von mehr als zehn Prozent der Wirtschaftsleistung und Schulden von mehr als einer Billion Pfund (rund 1,12 Billionen Euro). Die Ratingagentur Moody's warnte bereits, Großbritannien drohe eine Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit, falls die Regierung bei ihrem Kürzungsprogramm einknicke.
Die Lehrer aber sehen das Messer an der falschen Stelle angesetzt. Sie sollten für weniger Geld länger arbeiten, heißt es aus den Gewerkschaften. Die Anpassung sei nur fair und absolut unvermeidbar, schallt es von den Regierungsbänken zurück. Die Banken seien an der Finanzkrise Schuld, es sei deshalb ungerecht, den öffentlichen Sektor zahlen zu lassen, argumentieren die Reformgegner. Alle müssten sparen, und Beamte dürften keine Sonderbehandlung bekommen, lautet die Antwort. In der Bevölkerung ist die Frage umstritten. Einerseits gingen bei den Demonstrationen am Donnerstag auch Eltern mit, die verstehen können, dass die Lehrer frustriert sind. Insgesamt ist die Unterstützung aber eher verhalten.