
Unter den Schwerverletzten befindet sich auch Scheich Raid Salah, der Führer der islamistischen Bewegung der israelischen Araber. Er wurde in ein israelisches Spital gebracht, wo er sofort einer mehrstündigen Notoperation unterzogen wurde. In Israel befürchtet man für den Fall seines Ablebens den Ausbruch einer neuen Intifada.
Israel spricht von Waffenfunden
Was sich genau in den frühen Morgenstunden in internationalen Gewässern vor der Küste Israels abgespielt hat, blieb vorerst unklar. Ein Reporter berichtete von einem der Schiffe, dass die Israelis schon geschossen hätten, bevor sie an Bord gekommen seinen. Das israelische Militär hingegen behauptete, seine Soldaten seien mit scharfer Munition, Messern und Eisenstangen angegriffen worden. Von israelischer Regierungsseite hieß es, man habe auf den beschlagnahmten Schiffen Waffen gefunden und die israelischen Soldaten seien von Mitgliedern des Konvois angegriffen worden, die der Hamas oder Al Kaida angehören.
Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak machte die Organisatoren des Gaza-Hilfsflotte für die tödlichen Zwischenfälle verantwortlich. Sein sozialdemokratischer Regierungskollege, Handelsminister Benjamin Ben-Eliezer, sprach von einer politischen Provokation, die seit zwei Monaten vorbereitet worden sei. Wörtlich sagte Ben-Eliezer, der selbst früher Verteidigungsminister war: "Der Moment, wenn jemand versucht, dir deine Waffe aus der Hand zu reißen, um sie zu stehlen, das ist der Moment, wo man die Kontrolle verliert."
Die Israelis hatten um jeden Preis verhindern wollen, dass die Flotte die Gaza-Blockade durchbricht und hatten stattdessen angeboten, die Hilfsgüter im israelischen Ashdod nahe der Grenze zu Gaza zu löschen und sie nach einer Kontrolle auf Waffen an die UNO zum Weitertransport zu übergeben. Das war aber von den Mitgliedern der Flottille abgelehnt worden.
Tote auf türkischem Hilfs-Schiff
Die schwersten Zwischenfälle mit den Toten gab es auf dem türkischen Hilfsschiff Mavi Marmara, dem Hauptschiff des aus zwei weiteren Transportschiffen und drei kleineren Schiffen bestehenden Konvois. Die Türkei berief als erste Reaktion auf die Zwischenfälle ihren Botschafter aus Israel ab. (Siehe Artikel auf Seite 4). Israel warnte umgehend seine Staatsbürger vor Reisen in die Türkei.
Insgesamt befanden sich auf den sechs Schiffen rund 750 Aktivisten aus etwa 40 Nationen, die 10.000 Tonnen Hilfsgüter nach Gaza bringen wollten - darunter hundert Fertighäuser, 500 Rollstühle, medizinische Ausrüstung, Baumaterial und Nahrungsmittel.
Unter den Schiffspassagiern befinden sich auch der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell, die nordirische Nobelpreisträgerin Mairead Corrigan Maguire, die 85-jährige Holocaustüberlebende Hedy Epstein und mehrere Abgeordnete aus Deutschland, Norwegen, Schweden, Bulgarien und Irland und Journalisten.
Bis zum Abend gab es keine Auskunft über Henning Mankell, der nach Auskunft des Hanser-Verlages zwei Stationen seiner geplanten Lesereise absagen musste, die am Montag hätte beginnen sollen.
Nach Angaben von Außenamtssprechers Peter Launsky-Tieffenthal gibt es keinen Hinweis auf die Anwesenheit von Österreichern auf den Booten. Der Schutz für israelische Einrichtungen in Österreich wurde nach den Zwischenfällen "sensibilisiert".
Die Zwischenfälle führten noch am Montag zu hektischen diplomatischen Aktivitäten. Am Abend kam der UN-Sicherheitsrat zu einer Sondersitzung wegen des israelischen Angriffs zusammen. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte von der israelischen Regierung volle Aufklärung über den Militäreinsatz. Die Europäische Union berief eine Sondersitzung der Botschafter aller 27 EU-Staaten ein. Die Arabische Liga setzte für heute, Dienstag, eine Dringlichkeitssitzung in Kairo an, in der Reaktionen auf die israelische Militäroperation besprochen werden sollen.
Netanyahu sagt Treffen mit Obama ab
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat wegen der Krise nach der Erstürmung eines Schiffskonvois im Mittelmeer einen geplanten Besuch im Weißen Haus abgesagt. Netanyahu, der sich am Montag in Kanada aufhielt, wollte eigentlich heute, Dienstag in Washington mit US-Präsident Barack Obama zusammentreffen. Nach der israelischen Militäraktion entschied er sich jedoch, nach Israel zurückzukehren, teilte sein Büro mit.
Die gewaltsame Erstürmung der Gaza-Solidaritätsflotte sorgt auch in Israel selbst für Unbehagen. Kommentatoren sprechen von einem absoluten PR-Desaster. Israel muss sich jetzt beispielsweise dem Vorwurf der Piraterie erwehren, weil die sechs Schiffe nach Angaben der Organisatoren von "Free Gaza" eindeutig in internationalen Gewässern aufgebracht wurde