Austin. (sir) Seine Beine haben Lance Armstrong die Entscheidungen immer leicht gemacht. Er wusste, dass er kräftiger und konditionell stärker als der Rest war, und wenn ihn Herausforderer wie Jan Ullrich bei der Tour de France attackierten, dann wusste er eben auch, dass es ihm immer möglich sein wird, die eine Attacke mehr als die Konkurrenz zu reiten. Kräftesparen? Angriffe parieren? Alleine wegfahren? Lance Armstrong wusste, dass alle Antworten für ihn richtig warten, die klassische Win-win-Situation.

Der siebenfache Triumphator der Tour de France - und bei wenigen Sportlern ist diese superlative Steigerung des Siegers zutreffender als bei ihm - steht nun vor einer gegensätzlichen Situation. Denn bis heute, Donnerstag, hat Armstrong Zeit, sich in dem Dopingverfahren gegen ihn für eine von zwei Varianten zu entscheiden, die beide auf das gleiche hinauslaufen: eine schwere Niederlage. Lance Armstrong, der Unbezwingbare, steht vor einer Lose-lose-Situation.
Anfang dieser Woche ist Armstrongs Klage gegen die Klage der Anti-Doping-Behörde in zweiter Instanz zurückgewiesen worden. Damit hat der nun zum Triathlon gewechselte Ex-Radler zwei Möglichkeiten: Entweder er akzeptiert die von der US-Anti-Doping-Behörde (Usada) beantragte lebenslange Sperre, was einem Schuldeingeständis gleichkäme, oder er stellt sich dem Verfahren vor einem Schiedsgericht, bei dem Armstrong unter Eid aussagen müsste. Und das ist ein Problem.
Dass die einst so schnellen Beine der radelnden Nähmaschine Armstrong nicht nur von Nudeln, isotonischen Getränken und hartem Training gespeist wurden, ist relativ gut dokumentiert. Er wurde bei seinem ersten Toursieg 1999 positiv auf Cortison getestet, doch eine rückdatierte Genehmigung ersparte ihm die Sperre. Aber vielleicht war es ja nur Schlamperei im US-Postal-Team.
Doch dann gab es Tests, die EPO enthielten, aber aus sportjuristischen Gründen nachträglich nicht mehr verwendet werden konnten, es gab immer wieder Aussagen ehemaliger Weggefährten, schon in den 90er-Jahren, die Dopingvorwürfe enthielten. Und dann waren da in jüngerer Vergangenheit Anschuldigungen von prominenten Ex-Kollegen wie Tyler Hamilton und Floyd Landis, alles überführte Doper, die bei Einvernahmen bei mittlerweile eingestellten Ermittlungen über systematisches Doping in Armstrongs Team berichteten.
Jagd auf Armstrong?
Trotz der vielen Verdachtsmomente, trotz positiver Tests ist der US-Fahrer nie belangt worden. Darauf hat Armstrong selbst immer wieder verwiesen. Doch da gibt es eben auch die Aussagen von Tyler Hamilton, der im US-Fernsehen nicht nur davon erzählte, dass er Armstrong bei der Verabreichung von EPO gesehen habe, sondern auch, dass Armstrong selbst ihm von einem positiven Test im Jahr 2001 berichtet habe, den der Rad-Weltverband UCI aber vertuscht habe. "Lance hat mir das so erzählt", sagte Hamilton und löste wilde Dementis von der UCI aus.
Bestätigt ist aber, dass Armstrong mehrere Male Spenden an den Weltverband überwies: 25.000 Dollar im Jahr 2002 für Anti-Doping-Maßnahmen sowie 100.000 Dollar drei Jahre später für die Anschaffung eines Blutanalysegeräts. Armstrong mag ein Philanthrop sein, merkwürdig sind die Jahre später publik gewordenen Überweisungen schon.
Die jüngste Niederlage vor Gericht kommentierte Armstrong gar nicht, sein Anwalt wies auf der offiziellen Homepage des Sportlers nur auf Aussagen des Richters in Texas hin, der heftige Kritik an der Dopingagentur Usada übte. Diese habe offensichtlich, das "hartnäckige Ziel, Armstrong zu einer Anhörung zu zwingen", erklärte der Richter, der die lautere Motivation der Usada anzweifelte. "Die Handlungsweise der Usada wirft die ernsthafte Frage auf, ob das wahrhaftige Interesse eines Verfahrens gegen Armstrong dem Dopingkampf gilt oder weniger noblen Motiven", erklärte der Richter Sam Sparks.
Tatsächlich hat die Dopingbehörde sehr viel Zeit und Geld aufgewendet, um ein Verfahren gegen Armstrong durchzubringen, wovon auch die Angebote an ehemalige Kollegen zeugen, im Gegenzug für Geständnisse, geringere Strafen zu offerieren. Für Armstrong ist das ein Beweis der persönlichen "Vendetta" der Usada, wie er vor Wochen erklärte. "Mir hat man diesen Angebot nicht gemacht." Doch wenn? Wie hätte er sich entschieden? Es wäre wohl noch immer eine leichtere Entscheidung gewesen, als er sie jetzt treffen muss.