• vom 15.09.2016, 17:42 Uhr

Doping


Olympia

Wenn Ausnahme zur Regel wird




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Von Tamara Arthofer

  • Wie mit medizinischen Ausnahmegenehmigungen umgehen? Abgesehen vom Konflikt um geleakte Sportlerdaten geht es dabei auch um rechtliche und ethische Fragen.

"Go Transparency!" Robert Harting hat kein Problem mit der Veröffentlichung seiner Daten.

"Go Transparency!" Robert Harting hat kein Problem mit der Veröffentlichung seiner Daten.© apa/afp/Franck Fife "Go Transparency!" Robert Harting hat kein Problem mit der Veröffentlichung seiner Daten.© apa/afp/Franck Fife

London/Wien. Ausnahmen bestätigen die Regel, sagt man. Der Umkehrschluss in diesem Fall müsste dann wohl heißen: In der Regel ist Sport nicht gesund. Schließlich hat eine russische Hackergruppe binnen zwei Tagen nun schon vertrauliche Daten von 29 Olympiasportlern aus acht Nationen veröffentlicht, aus denen hervorgeht, welche Mittel und Pulverchen, die teilweise auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur stehen, sich die Spitzensportler so einwerfen. Manche müssten demnach ganze Apothekenschränke in ihren Zimmern bunkern.

Die Empörung war groß, doch sie betraf in erster Linie nicht die geleakten Dokumente aus dem Erfassungssystem Adams der Wada, sondern das Faktum, dass diese öffentlich wurden an sich. Schließlich unterliegen die Informationen strengen Datenschutzrichtlinien und würden "saubere Athleten in Misskredit bringen", so die Wada und das Internationale Olympische Komitee. Und: Alles war legal, alle betroffenen Athleten hätten die notwendigen Ausnahmegenehmigungen (TUEs) erbracht. Der Reflex, dass es sich um einen Racheakt aus Russland gehandelt hatte, dessen Sportler wegen mutmaßlich staatlich gelenkten Dopings in ihrem Land teilweise von den Olympischen Spielen (und komplett von den Paralympics) in Rio de Janeiro ausgeschlossen worden waren, lag nahe. Das offizielle Russland allerdings hat die Vorwürfe bereits heftig zurückgewiesen.

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Doch es wäre zu kurz gegriffen, die Causa lediglich auf diesen Konflikt zu reduzieren. Vielmehr bringt sie die Regelungen der Wada generell in den Fokus einer Diskussion, die rechtliche wie medizinische und ethische Fragen gleichermaßen umfasst. Wann ist die Einnahme einer eigentlich verbotenen Substanz doch nicht verboten, für welche Mittel gibt es Ausnahmen, welche Informationen müssen im Sinne der Transparenz öffentlich gemacht, welche zum Schutz der Privatsphäre geheim gehalten werden? Die Wada sieht hierfür strenge Regeln vor. Sehr verkürzt gesagt: Es muss eine erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigung vorliegen, wenn dem Sportler das Medikament vorenthalten wird, und es soll keine zusätzliche Leistungssteigerung außer die Rückkehr zum normalen Gesundheitszustand zu erwarten sein.

Schlupflöcher möglich
Doch was in der Theorie simpel klingt, ist in der Praxis oftmals schwer nachzuvollziehen beziehungsweise zu kontrollieren. Zwar hatten in diesem Fall jene Athleten, die sich zu Wort meldeten, ihre Argumente. Von Tennis-Ass Venus Williams ist bekannt, dass sie unter der Auto-Immunerkrankung Sjögren-Syndrom leidet, die eine dauerhafte Therapie mit starken Medikamenten nötig macht, die Turnerin Simone Biles führte ihre Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung ins Treffen, Diskuswerfer Robert Harting hatte schon vor seinem Wettkampf, in dem er in der Qualifikation ausschied, über einen Hexenschuss geklagt und deshalb Mittel dagegen bekommen. "Ich bin ein transparenter Athlet und habe keine Probleme mit der Veröffentlichung", sagte der Deutsche, der sich immer wieder öffentlich als Anti-Doping-Kämpfer exponiert, nun zu sportbild.de. Auf Twitter schrieb er gar: "Go Transparency!"

Doch einerseits kann man nicht von Athleten verlangen, ihre Krankenakte öffentlich vor sich herzutragen, andererseits bieten die Ausnahmegenehmigungen Raum für Schlupflöcher. Der hohe Prozentsatz an Asthma-Patienten im Ausdauersport erregt schon lange Verdacht. Im Vorjahr sagte ein Radsportler vor einer Untersuchungskommission, 90 Prozent würden die TUEs als Vorwand für Dopingvergehen nützen. Die Ausnahme ist also mittlerweile zur Regel geworden.

Manche sind daher sogar der Meinung, man sollte die Ausnahmen gänzlich streichen, nach dem Motto: Wer so krank ist, soll auch an keinem Wettkampf teilnehmen. Das ist freilich ein recht radikaler Ansatz, der ebenfalls Probleme birgt. Zum einen würde man einen Teil der Sportler diskriminieren, zum anderen ist Sport nicht selten Teil der Therapie. Die Frage, wie man mit diesem Thema umgeht, wird Juristen und Anti-Doping-Kämpfer wohl noch länger beschäftigen.

Bronze an Gesperrten?
Eine andere Meldung, die am Mittwoch über die Nachrichtenagenturen flatterte und die Krux im Kampf um sauberen Sport offenbart, ging indessen bei der Aufregung um die Spionageattacke beinahe unter: Anatoli Ciricu, dem Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 2012 im Gewichtheben, wurde bei Nachtests Doping nachgewiesen. Da dies bereits der sechste aus dieser Konkurrenz bekannt gewordene Fall ist, wird Bronze daher wohl an den Polen Tomasz Zielinski gehen. Von den Rio-Spielen war er ausgeschlossen - wegen Dopings.




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Dokument erstellt am 2016-09-15 17:47:09



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