"Wiener Zeitung": Schachtar Donezk ist am Donnerstag zum dritten Mal in Serie ukrainischer Meister geworden. Worin liegen die Gründe für diese Dominanz?
Artem Frankow: Schachtar hat Rinat Achmetow. Er ist der reichste Ukrainer und stattet den Verein mit einem Jahresbudget von rund 115 Millionen Euro aus. Deutlich mehr als Dynamo, das mit knapp 45 Millionen auskommen muss. Auch wenn ich mit Dynamo Kiew sympathisiere, muss ich zugeben, dass Schachtar den besseren Fußball spielt. Sie haben ein eingespieltes Team mit einer klaren Rollenverteilung: Die Ukrainer verteidigen, die Brasilianer stürmen. Und außerdem ist Trainer Mircea Lucescu bereits acht Jahren im Amt.

Einmal abgesehen vom Geld: Was unterscheidet die beiden Vereine?
Dynamo Kiew hat eine große Vergangenheit, aber Schachtar ist der viel europäischere und modernere Klub. Achmetow beschäftigt im wirtschaftlichen Bereich Manager aus England und anderen westlichen Ländern. Fußball in der Ukraine ist ein Spiel für Oligarchen, bisher konnte man damit kein Geld verdienen. Ich traue Achmetow zu, dass er das ändert.
Im Titelkampf hat aber auch ein Schiedsrichter ein entscheidendes Wörtchen mitgeredet . . .
Ja, Juri Waks. Er hat im Spiel zwischen Schachtar und Dynamo vier Runden vor Schluss einen Kiew-Spieler ausgeschlossen, weil dieser nach einer Verletzungspause über das Feld zur Seitenoutlinie gerannt ist, um sich beim Assistenten wieder fitzumelden. Diese Entscheidung hat das Spiel gekillt und für sehr viele Diskussionen gesorgt. Der Schiedsrichter hat nach seinen eigenen Regeln gepfiffen. Ich verstehe die Fans, wenn sie hinter solchen Entscheidungen politische und wirtschaftliche Interessen vermuten. Achmetow ist ja eng mit dem aktuellen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch befreundet.
Auf der politischen Ebene ist die Ukraine in westliches und ein östliches Lager geteilt. Wie ist die Machtverteilung im Fußball?
Der ukrainische Fußball ist ein zweigeteiltes Reich. Eine Allianz besteht aus Dnipro Dnipropetrowsk, Krywbas, Arsenal Kiew, Karpaty Lwiw und Wolyn Luzk. Alle diese Klubs werden kontrolliert von ehemaligen Managern aus dem Konzerngeflecht von Igor Kolomojskyj, dem drittreichsten Ukrainer. Dynamo Kiew hat Verbindungen zu dieser Allianz. Kolomojskyj ist mit seiner PrivatBank Hauptsponsor von Dynamo und ein enger Geschäftsfreund von Präsident Igor Surkis. Aufgrund seiner Größe ist Kiew aber als eigenständiger Machtblock zu sehen. Die andere Allianz bilden Schachtar Donezk, Illischewiz Mariupol, Sorja Lugansk, Tschornomorets Odessa und eventuell Metallurg Donezk. Der Präsident von Odessa ist wie Achmetow Mitglied der Partei der Regionen und pflegt enge Geschäftsbeziehungen zu ihm. Der Präsident von Lugansk wiederum ist der frühere Chef der Futsalsektion von Schachtar. Und der Hauptsponsor von Mariupol wird dem Firmengeflecht von Achmetow zugerechnet.
Metalist Charkiw, heuer Viertelfinalist der Europa League, kommt in diesen Aufzählungen nicht vor. Wo steht der Klub von Olexandr Jaroslawskyj?
Metalist ist unabhängig. Jaroslawskyj ist zwar ein Freund von Rinat Achmetow, der ihn zum Fußball gebracht hat, aber die Spiele werden von Kolomojskyjs Sender übertragen. Es ist durchaus vorstellbar, dass Jaroslawskyj in dessen Lager wechselt. Metalist war seit dem Einstieg der DCH Group sechs Jahre in Folge Dritter in der Meisterschaft. Jaroslawskyj hat eine Manie für den Fußball entwickelt. Ich rechne damit, dass er in der nächsten Saison einen Angriff auf Dynamo und den Champions-League-Platz starten wird.
Die Ukraine ist eine beliebte Adresse für ausländische Spieler geworden. Aktuell spielen rund 200 Legionäre in der Premjer Liha. Verfügt das Land über zu wenig Fußballer, die sich im Profibusiness durchsetzen können?
Der Oligarchenfußball hat sich in dieser Hinsicht als kontraproduktiv erwiesen. Die Mäzene wollen unmittelbare Erfolge, und die Trainer haben keine Zeit, ein Team aufzubauen. Fast alle ukrainischen Klubs verfügen über Nachwuchsakademien mit guter Infrastruktur, aber diese Investitionen versanden. Die Fußballschule von Dynamo Kiew hat seit 15 Jahren keinen großen Spieler mehr herausgebracht. Und Schachtar verleiht dutzende Eigenbauspieler, weil sie selbst keinen Platz haben. In der Nachwuchsarbeit hat es in den 1990er Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion einen Bruch gegeben. Es gibt aber auch Lichtblicke: Obolon Kiew hat sich mit dem geringsten Budget und einer Mannschaft, die ausschließlich aus jungen ukrainischen Spielern besteht, drei Jahre in der höchsten Liga gehalten. Auch wenn sie jetzt abgestiegen sind, halte ich das für sehr beachtenswert.
Mit Markus Berger spielt auch ein Österreicher bei Odessa. Was halten Sie von ihm?
Er ist ein guter Innenverteidiger und hat seit seinem Transfer von Coimbra alle Spiele für Odessa in diesem Frühjahr absolviert. Soweit ich informiert bin, ist er bei den Fans und dem Verein sehr beliebt. Sie schätzen seine professionelle Einstellung. Tschornomorets ist erst im Vorjahr wieder in die Premjer Liha aufgestiegen und hat seine finanziellen Aktivitäten vor allem auf das neue Stadion konzentriert. Der Klub hat aber das Potenzial, weiter oben mitzuspielen.
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